The Blues Band
"Unsere Vorbilder waren die Punk-Bands", Interview

Kurz vor der dem Konzert im Aschaffenburger Colos-Saal hatte ich die Gelegenheit mit den Herren von THE BLUES BAND zu sprechen. Ein Missverständnis hatte wohl zu der Überschneidung bei dem Termin gerführt und ein Kollege der schreibenden Zunft saß bereits im Backstageraum als ich dazu stieß.
"Double-Booked", war der scherzhafte Kommentar der Band und ich setzte mich einfach mit an den Tisch, an dem Paul Jones, Dave Kelly und Rob Townsend saßen. Von einem richtigen Interview kann man kaum noch sprechen, denn die Geschichten und Kommentare kreisten und von einem bevorstehenden Konzert war praktisch nichts mehr zu spüren, wäre nicht Tom McGuiness auf dem Sofa gesessen und hätte sich auf der Gitarre warmgespielt.
So wurde viel gelacht und die Band erzählte sich die meiste Zeit selbst ihre Geschichten. Hier saßen mehrere Generationen an Rock-Geschichte und schnell war eine halbe Stunde vergangen, die nur durch die anstehende Show dann endete. Sonst wären wir wohl noch Stunden gesessen. Hier was daraus in Erinnerung blieb:

Photo-Credit: Epi Schmidt

Hooked On Music: Hallo, schön, dass ihr euch so kurz vor dem Konzert die Zeit nehmt für ein Inteview. Ihr hab ja ein neues/altes Album, ein Live-Mitschnitt von 1991, gerade am Start. Warum wird das erst jetzt veröffentlicht?

Paul Jones: (Lacht) Weil wir gar nicht wussten, dass es existiert!

HoM: Dafür, dass es anscheinend nicht zur Veröffentlichung geplant war, hat es einen guten Sound.

Dave Kelly: Dabei war das gar kein Multi-Track-Mitschnitt. Ich glaube, wir haben das damals nur für unser eigenes Vergnügen mitgeschnitten. Zumal mit den zusätzlichen Musikern klingt das echt toll.

HoM: Ihr hattet vergessen, dass ihr das aufgenommen habt, aber ihr erinnert euch...

P. J.: Nun, an den Auftritt haben wir uns schon erinnert. Das war nach dem “Fat City“-Album und es ist viel Material von diesem Album in diesem Konzert. Auf dem Album hatten wir die Memphis Horns, die Kokomo Singers, einen Percussion-Spieler, zwei Keyboarder...

D. K.: Wissen wir, wer die Bläser waren?

P. J.: Ja, klar, es waren The Rumour Brass. Wir hatten drei Auftritte mit denen.

D. K.: Oh ja, stimmt. Es gab auch ein warm-up…

HoM: Aber auf dem Live-Album, das ist alles von einem einzigen Konzert?

P. J.: Ja, eine Show.

HoM: Warum habt ihr nicht noch mehr solche Auftritte gespielt?

P. J.: Das war einfach vom Aufwand nicht zu machen. 15 Leute auf der Bühne… Aber ansonsten war das schon toll, auch wegen den Arrangements bei manchen unserer älteren Songs. Einige der Songs waren natürlich etwas länger als sonst, durch pure Selbstsüchtigkeit, aber ich sage nicht, an wem es gelegen hat!

D. K.: Naja, es ist ein Live-Gig..

HoM: Für gewöhnlich haltet ihr eure Songs ja eher kurz...

Paul Jones: Das war von Beginn an so, das wir alles kurz halten wollten, Die Idee, dass jeder in jedem Song ein Solo haben könnte, ist ja lächerlich. Unsere Vorbilder in den ganz frühen Tage waren einige der Punk-Bands, bei denen auch alles kurz war. Selbst die Pausen zwischen den Songs! Ich sah mir NINE BELOW ZERO damals an, die ungefähr zeitgleich mit uns gestartet sind Dennis Greaves beendete einen Song ungefähr so – imitiert einen Schlag auf die Gitarre – “Bang“ ruft einen Songtitel und „One, Two, Three, Four“ und weiter gings! Ein anderes Album, ein Live-Album, inspirierte besonders mich damals, denn es war von einem meiner Helden, James Cotton., der vor einem Monat gestorben ist. Das war High-Energy, auch wenn man es nicht Punk nennen konnte, denn er war bereits 45, aber die Songs… Das Witzige war, ca. 2/3 durch den Set spielte er einen achtminütigen Song, in dem immer und immer wieder die gleiche Strophe wiederholt wurde.

HoM: Ihr habt seitdem etliche Alben veröffentlicht, Live und Studio. Das letzte Studioalbum, “A Few Short Lines“ liegt schon ein paar Jahre zurück, war aber, nach meinem Empfinden, eins euer besten. Wie kam es zum Beispiel dazu, dass Southside Johnny darauf gespielt hat?

D. K.: Wir trafen Johnny in Moskau, das war 1993 bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Und Johnny war da auch dabei, aber er hatte keine Band. Und Paul schaffte es nicht dabei zu sein….

P. J.: … Ich hatte einen anderen Gig. Dieser Wohltätigkeitsauftritt kam sehr kurzfristig zustande...

D. K.: ...So spielte also Johnny Mundharmonika bei uns und wir wiederum traten als seine Backing-Band auf. Paul interviewte Johnny dann in seiner Radio-Show und so blieben wir immer in Kontakt und so kam es schließlich, dass er auf dem Album spielte.

Rob Townsend: Ich erinner mich, das war ja zu Beginn der 90er, als alles noch angespannter war und die ganzen Soldaten standen dort. Ich hatte einen gebrochenen Arm. So hatten wir einen weiteren Drummer, einen alten Schulfreund von mir, Pick Withers, und ich spielte mit einem Arm (lacht).

D. K.: Southside Johnny ist tatsächlich so etwas wie ein Fan von uns. So wie sein Kumpel Bruce Springsteen ist er gut informiert über unsere Sachen, die wir in den 60er Jahren bereits gemacht haben (Anm.: Paul Jones sang bereits in den 60ern bei Manfred Mann, Dave Kelly spielte mit Bluesgrößen wie Muddy Waters, Howlin‘ Wolf und John Lee Hooker, Tom McGuiness spielte ebenfalls bei Manfred Mann und natürlich später McGUINESS FLINT, die mit When I‘m Dead And Gone einen Riesen-Hit hatten). Er hat mir das freimütig bestätigt, sonst würde ich dir das nicht erzählen.
Auf dem selben Album spielte auch noch Al Kooper, ein Freund von uns seit vielen Jahren. Ich hab ihn damals in meiner Radiosendung bei BBC2, so ca. 1980, vorgestellt.

Schnell komm jetzt die Geschichte auf, als Kooper damals bei Bob Dylan‘s Hit „Like A Rolling Stone“ das berühmte Orgelintro gespielt hat, obwohl er eigentlich als Gitarrist teilnehmen engagiert war. (Schön, wie sich die älteren Herren noch an so einer Story begeistern können)

HoM: Und du hast also Al Kooper interviewt?

Photo-Credit: zur Verfügung gestellt von Brooke-Lynn Promotion

P. J.: Ja, aber zuvor… Al Kooper produzierte ein Album von David Essex und rief mich dazu um Mundharmonika zu spielen. Wir wurden da gute Freunde und …. nee, Moment, wann war das “Super-Session“ Album mit Stephen Stills?
Schon sind wir wieder quer durch die Rockgeschichte unterwegs...
Jedenfalls ein paar Jahre später machten sie ein Folge-Album, das “Live Adventures“ hieß, und sie spielten darauf einen Song von mir. Wenn ich sage von mir, das heißt, von mir und Jack Bruce. Al Kooper mochte den Song, ich hatte den in den 60ern bereits aufgenommen. Die Geschichte ist die, dass Mike Bloomfield, der eigentliche Gitarrist gar nicht auf dem Album gespielt hat. Vielleicht hier und da, denn es ging über zwei Tage und Mike war gar nicht in der Lage dazu und landete schließlich im Krankenhaus, wo er ruhig gestellt werden musste. Für ein paar Tage. Also musste Al ein paar andere Gitarristen auftreiben, die einsprangen und der Gitarrist, der auf meinem Song dann spielte, war Carlos Santana!

R. T.: Hat nicht Al Kooper BLOOD SWEAT AND TEARS gegründet?

P. J.: Ja, und dann haben sie ihn rausgeschmissen (Allgemeines Gelächter). Nein, also Al Kooper gehört wirklich zu den ganz Großen. Er ist ein Genie und wir sind echt froh, dass er auf dem Album gespielt hat.

HoM: Wirklich ein tolles Album. Wie sieht es denn mit einem Nachfolger aus?

P. J.: Ja, wir werden im Juli ins Studio gehen

D. K.: Ja, aber nicht bevor es die Zeit dafür ist. Ansonsten dauert es drei Jahre, bis wir fertig sind.

HoM: Schreibt ihr neue Songs dafür, oder...

P. J.: Ja, wir werden neue Songs schreiben.

D. K.: Yes, we will (Allgemeines Gelächter)

HoM: Wie ist es vor so einer Tour, probt ihr da heutzutage noch?

P. J.: (Erneut Gelächter) Nein.

D. K.: Normaler weise nicht, denn wir spielen ja auch ständig. Mal gibt‘s eine Pause, aber eigentlich sind wir meistens unterwegs.

P. J.: Das Repertoire ist so riesig. Manchmal, wenn es um einen besonderen Song geht, kommen wir etwas früher zum Soundcheck.

HoM: Wie ist es mit den Texten. Erinnerst du dich an alle Texte?

P. J.: Nun, meistens (wieder Gelächter)

Dann driftet es wieder in ein wildes Durcheinander über vergessene Songs, verpasste Einsätze, falsche Tempi, etc.

P. J.: Es ist dann eher der Drummer, der den Songtitel vergisst.Wir hatten mal Grits And Groceries auf der Setlist und Rob schaut mich verständnislos an, wie der Song geht. Gary (Anm.: Fletcher, Bassist) ging dann rüber und “es geht so los“ (imitiert einen Rhythmus) und hat er es kapiert. (Erneut Gelächter). Aber wenn man so lange zusammenspielt wie wir, weiß man schon fast sicher, was als nächstes passiert. Das war das faszinierende an Dave Brubeck und Paul Desmond. Die schienen direkt mit dem Gehirn des anderen zu denken. Was toll ist, wir hören immer noch einander zu. Das gibt es gar nicht so häufig.

HoM: Was es leider häufig in den letzten Jahren gab, war das Ableben von tollen Musikern. Da haben wir etliche Größen verloren. Wer war für euch der größte Verlust?

D. K.: Na ja, kommt immer ein bisschen drauf an, ob sie über ihren Zenit schon hinaus waren, aber für mich würde ich trotzdem sagen Chuck Berry.

P. J.: Ja, das ist richtig. Für mich würde ich sagen, Prince und Glen Frey.

R. T.: Erinnert ihr euch an den Gig mit Jerry Lee Lewis? Da lief dieser alte, wirklich alte, Mann herum. Schlich dahin, dass man dachte “oh Gott, einer meiner Helden...“, aber wenn sie ihn dann bis zur Bühne brachten und er sich ans Piano setzte, dann legte er los, fast wie in alten Zeiten (imitiert, wie Jerry mit beiden Händen in die Tasten hämmert). (Erneutes kollektives Gelächter)

Photo-Credit: zur Verfügung gestellt von Brooke-Lynn Promotion

HoM: Noch eine Frage: Wie seht ihr das. Rick Parfitt verstarb letztes Jahr und jetzt ist Francis Rossi das einzige verbliebene Original-Miglied von STATUS QUO. Ist irgendwann der Punk erreicht, wo man sagen muss, nein, ohne den können wir nicht weitermachen?

D. K.: Ich würde sagen, Rob wurde von Stan zeitweilig ersetzt, Tom war bei ein paar Gigs nicht dabei, Zoot Money ersetzte mich bei ein paar Gigs, Paul wurde durch Southside Johnny vertreten...
(Und schon waren wir wieder in einem “Happening“ wer, wann oder wo nicht dabei war und ersetzt werden musste)

P. K.: Man kann die Frage nicht beantworten. Wer weiß, was sein wird.

HoM: Ok, wir hoffen die Entscheidung bleibt euch noch lange erspart. Vielen Dank für das Gespräch und viel Spaß bei der Show.

Epi Schmidt, (Artikelliste), 27.04.2017