Fotos: Andreas Herb
Sweden, Sölvesborg, 04.-07.06.2008

Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren. Auch dieses Jahr berichtet unser Korrespondent aus der Weltmetropole Sölvesborg im Südosten Schwedens. Dort versammeln sich alljährlich abertausende von langhaarigen Menschen, die nichts Besseres zu tun haben, als ihr Haupthaar im Takt der Musik zu schwingen. Um nicht aufzufallen, zog sich unser Mann gleichsam an, schnallte ein Echthaartoupet um und rockte mit. Vier Tage lang in allernächster Tuchfühlung mit 85 mehr oder weniger krawallenden Bands. Nicht alle hintereinander aber viele gleichzeitig. Wie das geht? Lesen wir seinen Bericht.

Wohl denn, auch dieses Jahr ist es wieder Juni, als die Metal - Welt neidisch auf Sölvesborg blickt. "Wo is dat denn?" höre ich oft, oder "Is dat nich zu weit?". Wer es noch nicht kennt, dem sei hiermit je eine kurze Antwort gegeben. "Schweden" und "NEIN...". Nachdem wir das nun geklärt haben, mach ich mich dann mal auf den Weg. Es ist Mittwoch Morgen 5:45, als ich auf die Straße gehe. Das Navi ist an und sagt mir: 884 Kilometer und 14:40 gerechnete Ankunftszeit. Wenn ich die Geschwindigkeitsbegrenzung in Dänemark und Schweden wieder leicht überschreite, kriegen wir das auf Zwei Uhr runter. Vorausgesetzt, das mit der Fähre alles klappt. Der Weg ist natürlich der gleiche wie letztes Jahr. Von Bochum aus über Münster, Puttgarden, Rödby, Kopenhagen und Malmö nach Sölvesborg. In Lübeck lege ich einen kleinen Stopp ein. Reifenwechsel, Nachtanken, Scheiben wischen... Ich rechne, dass ich ca 800 km mit einer Tankfüllung auskomme. Wenn alles gut geht, fahre ich jetzt durch und wieder zurück bis kurz nach der Fähre. Außerdem zahle ich hier, 500 Meter neben der A1 deutlich weniger für den Sprit. Bis Puttgarden komme ich dann ohne Probleme oder nennenswerte Staus (10 Min hinter Hamburg) durch und kaufe meine Hin- und Rückfährtickets um 10:35. "Linie 7 bitte". Dort angekommen, fahre ich gerade in dem Moment vor die Ampel wo sie auf Grün springt und mir den Weg aufs Schiff freigibt. Um 10:48 stehe ich auf dem Deck und der Kahn legt ab. Das nenne ich Timing... 11:35 bin ich dann für 210 Kilometer auf dänischem Boden, bevor es über die Öresundbrücke nach Schweden geht. Noch 155 Kilometer. Das Wetter wird immer besser und die Vorhersagen sind fantastisch. Regenrisiko 0%.

14:50, Sölvesborg: Sonne, 25 Grad, windig, die Frisur sitzt. Das Auto ist eingeparkt, meine Liegefläche ist hergerichtet (mein zu Hause für die nächsten Nächte) und ich bin umgezogen für das Fest. Wieder versucht ein Lümmel, Geld für eine öffentlich nutzbare Fläche zu kassieren. Und dann auch noch 300 Kronen (30 Euro). Wenn man ihn beharrlich zur Seite fährt, lässt er einen aber dann irgendwann einparken und fügt sich seinem Schicksal. Der grobe Plan für den heutigen Tag sieht wie folgt aus: KORPIKLAANI, ASTRAL DOORS, AIRBOURNE, SABATON, GRAVEYARD und SWEET SAVAGE. Krücky's Auto habe ich auch schon gesehen. Er läuft mir auf halber Strecke dann auch über den Weg. Da ich noch bis 17:00 Zeit habe, lasse ich mich gern auf ein Bier einladen. Anschließend gehe ich zur Akkreditierung. Klappt alles hervorragend und in kürzester Zeit bin ich auf dem Platz. Im Vorfeld war bekannt, dass bei PRIEST im Photograben eine Sondergenehmigung gebraucht wird. Bis heute Abend liege im Pressezelt eine Liste aus. Danach frage ich und bekomme eine niederschmetternde Antwort. Die ist schon weg, keine Chance mehr. Da mach ich aber große Augen. Da bin ich schon mal da und kann Rob nicht fotografieren ?!? Na, warten wir mal ab. Mal sehen, was kommt.


Tag 1, Mittwoch, 04.06.2008:

Zum ersten Mal in den Fotograben komme ich um 17:00 bei KORPIKLAANI. Der sogenannte Humppa Metal wird von einer kleinen Gruppe Schwedinnen angekündigt. Was auch immer die zu sagen haben weiß ich nicht, da ich kein Schwedisch kann. Die drei sind aber CRUCIFIED BARBARA und machen an diesem Wochenende die Ansagen als Gibson VIP's auf den verschiedenen Bühnen. Hier vor der "Sweden Stage" stehen jetzt auch schon wieder zwei- oder dreitausend Fans, die Jonne Järvelä -der als einziger der Ur-Combo noch im Set ist- und seine Mannen hören wollen. KORPIKLAANI spielen sie als drittes Stück, danach, meine ich Spirit of the forest vom gleichnamigen Album erkannt zu haben. Wie immer, wenn ich sie sehe, hat das Publikum seinen Spass mit einfachen, aber eingehenden metallisierten, folkloristischen Melodien aus Finnland. Auch wenn ich nicht sehr sattelfest bin, was die Setlist angeht, Spaß macht's allemal. Aufgrund der finnischen oder schwedischen Ansagen (das hört sich für mich eh alles an, als spreche jemand rückwärts) verstehe ich selbst die Ansagen der Titel nicht wirklich. Irgendwann erkenne ich: Keep on galloping vom aktuellen Album "Korven Kuningas". Nach einer Dreiviertelstunde muss ich dann los. Die nächste Band wartet und ich würde mich ärgern, dort keine Bilder gemacht zu haben. Die ersten Finnen sind hier durch. Gut gemacht, mit einem zufrieden stellenden Spaßfaktor.


Leider spielen die schwedischen Heavy Metaller ASTRAL DOORS am ersten Tag und auf der kleinsten der vier offenen Bühnen, der "Zeppelin Stage". Ein bisschen mehr dürfte es schon sein, wenn es nach mir ginge. Tut es aber nicht, also bin ich erst mal froh, sie hier in Schweden mal wieder zu sehen. Was die Jungs da rund um den Shouter Nils Patrik Johansson auf die Bühne bringen, ist eine wahre Wonne. Der Opener macht seinem Namen alle Ehre. Das Titelstück der aktuellen Platte ist eine neue Offenbarung. Es läuft New Relevation. Als zweites kommt dann auch gleich die Gewalthymne Time to rock. Gefolgt von London Caves von der "Astralism". Wieder ein Stück vom aktuellen Silberling und dann der Opener der bisher gelungensten Scheibe "Evil is forever". Obwohl alle Scheiben ein absoluter Genuss sind, gefällt mir diese immer noch am besten. Er heißt Bright of Christ Freedom War folgt irgendwann und mein Favorit, Evil is forever lässt dann auch nicht mehr lange auf sich warten. Während der ganzen Zeit legen die drei Zupfer, Joachim Nordlund - Gitarre, Martin Haglund - Gitarre und Mika Itäranta - Bass eine Powershow auf die Bühne. Immer wieder schön mit anzusehen, wenn alle drei im Gleichschritt über die Bühne fegen und das Publikum zum Mitmachen auffordern. Der mit Acht- bis Zehntausend Fans rappelvolle Bühnenplatz ist nicht mehr zu halten. Nach Hungry People ist dann Schluss, leider. Für mich war das im Vorfeld schon das Highlight des Tages. Wir wandern dann zufrieden zur Sweden Stage und damit auch sofort wieder zu einem musikalischen Leckerbissen.


AIRBOURNE sind die nächsten. Feinster Hardrock aus Australien sollte mich erwarten. Ich warte also im Graben auf die Jungs, die Ende Mai hier in Europa ihr Debutalbum "Runnin' Wild" veröffentlicht haben. Die ersten Klänge wirken sehr vertraut. Aber das ist nicht AIRBOURNE. "Woe to you oh earth and sea, where the devil sends the beast with rough." Zwei Minuten "666" von MAIDEN blasen raus, bevor AIRBOURNE dann selbst Hand anlegt. Erstmal kommt Gitarrero und Shouter Joel O'Keeffe so stilvoll auf die Bühne, dass er sich mit Mühe am Rande des Grabens oben halten kann. Alle stürmen über die Bühne und wollen Schweden zeigen, dass sie rocken können. Was sie auch ohne Zweifel tun. Allerdings in einer dermaßen schlechten Tonqualität, dass ich noch während des ersten Stückes den Graben verlasse, weil mir die Ohren ob der rasselnden Hi-Hat und der klirrenden Gitarren schmerzen. Das geht gar nicht. Ich erkenne in einem wirren Gemisch aus schreienden Hochtönern und anscheinend defekten Mitteltonlautsprechern die vier Hammerstücke Runnin Wild, Too much, too young, too fast, Diamond in the rough und Hellfire. Während dieser sehr geilen Lieder klettert Joel seitlich die Bühnenkonstruktion hoch und singt aus guten 10 Metern Höhe, die Gitarre um den Hals und das Mikro in der Hand. Das Abwärts gestaltet sich anscheinend ein wenig schwieriger als gedacht. Was ihn nicht weiter stört, da die gut dreieinhalb Meter hohen Boxentürme am Bühnenrand eine gute Plattform bieten, um von dort oben auf eben diese Bühne zurück zu springen. Selbstverständlich Gitarre spielend. Außen vor der Bühne treffe ich Stefan und Ronald, den ich als Kameramann von SODOM in Japan kennen gelernt habe: "Eine fürchterliche Coverband." Da kann man durchaus der Meinung sein. Das sind junge Youngs und Scotts und sie machen das Gleiche wie ihre musikalischen Vorbilder. Ich denke aber, dass es nicht immer eigene Ideen sein müssen. Wenn sie so geil umgesetzt werden, ist das voll in Ordnung. Die TOTEN HOSEN liebt man oder hasst man, und ich muss mich hier als "Nichtfreund" outen. Aber den Support im Dezember werde ich mir wohl dann mal ansehen. Das werden nämlich AIRBOURNE sein, ich hoffe, mit einem akzeptablen Mischermann. Für den Hauptakt kann ich mir ja Ohrenschutz mitnehmen. Und viel Spaß den Aussies jetzt schon mal in den größten Hallen der Republik.



Fotostrecke
Festivalimpressionen

Mitten im Set allerdings muss ich der Qualität wegen passen. Ich mache einen kleinen Abstecher und Rundgang über den Platz. Ein bisschen was essen, ein Bierchen, ein paar Bilder der Szene... Was, wer und vor allem wie einige hier herumlaufen ist wunderbar. Ich habe selten so über einzelne Personen gelacht und auch selten über einzelne so gestaunt. Leider muss ich sagen, dass die Riege der Männer eher die zum lachen war, die Mädels aber huldigen dem Wetter in ihrer schönsten Art. Manch einer mag mir nun sexistisches Verhalten nachsagen. Jenen sei aber zur Beruhigung erklärt: Ihr habt Recht. Sieht schon nett aus, was manche (internationale) zu bieten haben und es auch bereitwillig zur Schau stellen. Und das wird in jedem Jahr besser, hab ich das Gefühl. Ein Päuschen am Auto mit ein wenig Ruhe gönne ich mir auch, bis ich dann zu den letzten beiden Liedern von BONAFIDE wieder in die Arena steige. Das tut mir sehr leid, aber die habe ich wirklich verpasst. Dazu aber morgen mehr. ??? Ihr werdet es erfahren.

Ohne Eile wandern wir nun zurück zur Schweden-Stage, wo die nächste Combo schon aufgespielt hat. Wir? Ich habe inzwischen Steve und ... wiedergetroffen. Wir haben uns im letzten Jahr hier kennen gelernt und sind ein bisschen durch die schwedische Festivallandschaft gezogen. Das machen wir nun wieder. Da ich ja drei Lieder Zeit habe, Bilder zu schießen, bleibt mir immer noch genügend Zeit. Das Gute daran ist, dass ich alles ein wenig entspannter sehe. Aber das hatte ich im letzten Jahr auch angekündigt. Schließlich halte ich wieder alleine hier die Stellung und muss sehen, dass ich halbwegs anständig bis Samstagabend hier durchhalte. Wohl denn...


Noch ein Knaller am ersten Tag: SABATON. Joakim Brodén und seine Power Metal-Instrumentalisten stellen mich -mal wieder- dort hin, wo ich's gerne habe. In den Schatten. Der Bühne. In eine der ersten Reihen, nachdem ich aus dem Pit wieder raus bin. Der Bühnenaufbau war für einen Mittwochnachmittag auch nicht der schlechteste. Rechts hoch Daniel Mullback am Schlagwerk, links hoch, Daniel Myhr, der Keyboarder. Dazwischen eine Rampe aus Riffelblech zum Aufstieg in 1,5 Metern Höhe hinter die eben erwähnten Bühnenelemente. Der Sänger steht natürlich wieder am Rand der Bühne und reißt das Publikum mit. Das hat er perfektioniert. Alle ca 10.000 Metalheads bangen was das Zeug hält. Mittendrin auf einmal eine Riesenshow. Es knallt gehörig und Pyros pfeifen durch die Gegend. Wenn man damit rechnet, ok, aber wenn nicht... sehr geil. Von "Primo Victoria" lassen sie gleich einige Stücke aus dem Sack. Zum Beispiel den Titelsong, Panzerbatallion, Into the Fire und Wolfpack. Von der Aktuellen war natürlich auch etwas dabei, da ich aber mit rocken beschäftigt war, gibt's keine weiteren Information über diese Setlist. Ghost Devision und Cliffs of Gallipoli waren aber zwei Tracks davon.


Währen ich zum Gibson-Zelt trabe, treffe ich Krücky heute zum dritten Mal. Natürlich in seinem dritten Outfit. Zu jedem neuen Gig, den er sieht, zieht er sich die passende Kluft und ein dazu gehörendes Tourshirt der ältesten Tour, von der er eines besitzt, an Die ältesten sind aus den späten Siebzigern, die seinerzeit selbstverständlich alle aktuell auf Tour gekauft wurden. Was der sich für einen Stress macht, aber ich lach mich kaputt. Geil.

Ich mache mich also ins Zelt um GRAVEYARD zu sehen. Ein Tipp war der Anlass, dass ich mal im Internet ein wenig vorgehorcht habe, als in den Vorbericht schrieb. Dort angekommen, war der Graben dann aber schon geschlossen und bei den Lichtverhältnissen dort war an Bilder aus dem Publikum heraus nicht zu denken. Zumal es auch gerammelt voll war und ich gar nicht in die Nähe einer aussichtsreichen Position kam. Die Band aber zeigt ihr Potenzial auf beeindruckende Weise. Wenn man genauer hinsieht, sind sie alle schon keine 25 mehr, (oder sie haben mächtig gelebt) aber auch nicht so alt, dass sie vor 45 Jahren ihre erste Platte hätten herausbringen können. Als ich die Augen schliesse, kommt mir die Idee, in den späten Sechzigern in einem Led Zeppelin Konzert zu sein. Da war ich noch gar nicht auf der Welt, aber so stelle ich es mir vor. Mir fehlt hier nur 'ne Tüte. Aber diese schweren, schleppenden Gitarrenparts, die abrupt von schnellen harten Riffs abgelöst werden, um dann nach zwei oder drei Minuten wieder in diese Schwermütigkeit zu verfallen. Der Gesang hoch und langsam, dem Psychedelic Rock Sound entsprechend. Auch die zwischendurch langen, langsamen instrumentalen Teile sind wie früher ein echter Bestandteil des Liedes, nicht wie in moderneren Zeiten ein aufgesetztes Plus, damit die Instrumentalnarren auf den Konzerten ihren Spaß an Soli befriedigt bekommen. Der Bassmann allerdings knüppelt sich einen Fingerknoten. Manches Mal hatte ich das Gefühl, dass der Bass käme von der nebenanstehenden, zehn Mal so großen Rock Bühne. Das kann nicht alles aus einem Bass kommen, das geht nicht. Spielfreude pur. Und bei nur einer Veröffentlichung der Schweden und etwas über einer Stunde Spielzeit ist eine ungefähre Setlist einfach zu googeln. GRAVEYARD ist ein absoluter Tipp für die Liveversion. Ich bin begeistert.


Hin und hergerissen bin ich dann über den weiteren Verlauf des Abends. Ich habe wieder mal fünf Knaller am ersten Tag gesehen und bin seit knapp 20 Stunden auf den Beinen und habe fast 1.000 Kilometer hinter mir. Ich habe keinen Bock mehr, mir unbekannte Bands anzugucken und dann auch noch drüber schreiben zu müssen. Also entscheide ich mich, auf dem Weg ins Auto noch mal bei den Finnen FIVE FIFTEEN vorbei zu schauen. Das war nicht die klügste Entscheidung dieses Tages. Die Zeppelin-Stage ist nur sehr spärlich besucht. Ich bin der Meinung, dass es was mit der Band zu tun hat. Ein viel zu dickes Mädchen mit einem recht optimistisch gekauften Top, steht auf der Bühne und versucht zu singen. Die Bauchrolle liegt blank über dem Gürtel und die Töne sind unglaublich schräg. Das nächste Stück heißt Alcohol. Das ist jetzt in jedem Fall eine bessere Alternative und ich stürze nochmal kurz bei der Backstage Party vorbei. Da ist auch -wie immer- gar nichts los und ich verschwinde zum Auto. Schnell bin ich eingeschlafen und sage: Bis Morgen.

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Andreas Herb, (Artikelliste), 10.08.2008