Abigails Ghost

D_Letion


CD-Review

Reviewdatum: 13.07.2009
Jahr: 2009
Stil: New Art Rock

Links:

Abigails Ghost Homepage



Redakteur(e):

Christian Gerecht


Abigails Ghost
D_Letion, Aesperus Music, 2009
Brett GuilloryKeyboards
Kenneth WilsonBass
John RodrigueDrums
Randy LeBoeufRhythm Guitar
Joshua TheriotVocals, Lead Guitar
Produziert von: Kenneth Wilson Länge: 53 Min 06 Sek Medium: CD
01. D_Letion07. Sneak Peek
02. Black Lace08. Visceral
03. Romantique Life09. Easy A
04. Plastik Soul10. Annie Enemy
05. Cinder Tin11. Grave Concerns
06. Gemini Man

Reden wir mal über kleine Schwestern. Kleine Schwestern haben die Angewohnheit ihrer großen Schwester in möglichst vielem, vorzugsweise allem nachzueifern. Sie versuchen so zu gehen, wie die Große, genauso mit dem Hintern zu schlenkern, sie verwenden das gleiche Make-up, dasselbe Deo, sie rasieren sich mit genau demselben Rasierer (meist der von Vaddern, der nix davon ahnt) die Beine, binden sich die Haare gleich, schnalzen genauso lasziv mit der Zunge, haben den gleichen Augenaufschlag eingeübt, nähern ihre Gesten an und wenn es irgendwie möglich ist, dann teilen sie auch ihre musikalischen Vorlieben.
Dass ABIGAILS GHOST die kleine Schwester von der schon sehr großen und erwachsenen PORCUPINE TREE ist, hat sich ja seit ihrem ersten Album "Selling Insincerity" herum gesprochen. Ob's der großen PORCUPINE recht ist, wenn ihr die kleine ABI ans Bein pinkelt, entzieht sich des Schreibers Kenntnis. Vermutlich nimmt sie die Kleine gar nicht wahr. Wie der Hörer und Musikkonsument mit solchen Nesthäkchen umgeht, obliegt letztlich immer einem jedem selbst. Die Einen können von solcher Musik nicht genug bekommen, den Anderen reicht die "große Schwester". Dies sei, am Rande bemerkt, aber völlig wertfrei mitgeteilt!
Der Rezensent hat zugegebener Maßen mit dem Neo Prog, New Art und Prog Metal Bereich nicht gar soviel zu tun, wenngleich er TOOLs "Lateralus" als ein absolutes Meisterwerk betrachtet. Man reiht sich halt, wie das bei solchen persönlichen Nischen eben ist, dass eine oder andere Album in die Sammlung ein, hört's ab und an mit mehr (oder weniger) Begeisterung und gut ist das. So finden sich von der großen Schwester PORCUPINE TREE "In Absentia" und "Fear Of...", von SPOCKs BEARD "Octane" und "Feel Euphoria" und von manch anderer Band dann halt dies oder das Album im CD-Schrank. Kein repräsentativer Querschnitt, aber dadurch kann der Schreiber reichlich vorurteilsfrei an ein solches Schwesterngezicke heran gehen. Hat also alles seine Vorteile.

Beginnen wir mal mit dem Cover von "D_Letion": Dessen Artwork ist mehr als duster gehalten, erinnert auf der Innenseite des Foldout Digipacks aber angenehm an AMON DÜÜLS "Phallus Dei". Ein üppiges Falt-Booklet vervollständigt die CD zudem noch um alle Texte und Infos.
ABIGAILS GHOST eröffnen ihr zweites Album mit dem Titeltrack, der fett metallisch, aber auch ziemlich glatt und gestriegelt aus den Boxen bricht. Die Nummer ist an sich sehr gefällig, hat aber irgendwie etwas snobistisch-arrogantes an sich.
Etwas eckiger und sympathisch-verquer wird es mit dem zweiten Take: Black Lace hat durch diese herrliche Verquastheit, und vor allem durch einige unvorhersehbare Breaks, etwas wirklich Progressives an sich. Hier hat sich die kleine ABI auf sich selbst konzentriert und eine richtig kleine Perle geschaffen. Die Nummer ist fantastisch!
Weniger fantastisch ist Romantique Life! Dieser alberne Rezitativgesang in Verbindung mit Progmetal Riffs und banalen Keybordgeflirre und -gegacker hat (für mich) weder Hand noch Fuß. (Liegt vmtl auch daran, dass der Schreiber mit Romantik und so'nem Firlefanz nicht viel am Hut hat...)
Auch mit Plastik Soul, das reichlich "New-wavig" daher kommt, kann die Band nicht wirklich Punkte sammeln. Irgendwie erscheint mir diese Nummer ein wenig inspirationslos! Gut, der Refrain ist ganz nett, aber die große Schwester und vor allem deren Freundin A PERFECT CIRCLE kann das wesentlich besser.
Mit Cinder Tin schaltet die Band fast schon auf entspannte Ambientmusic zurück. Die Nummer steigert sich zum Ende hin in einen regelrechten Rausch, doch zeichnen sich hier, wie auch auf Gemini Man und (letztlich auch) Sneak Peek direkte Bezüge zu PORCUPINEs Trains oder A PERFECT CIRCLEs The Package ab. Das ist nun keinesfalls schlechte Mucke, die die vier Amis um Joshua Theriot hier abliefern, aber es taucht an der Stelle die ketzerische Frage auf, weshalb man zu ABI greifen soll, wenn man PORCUPINE oder die PERFECTe haben kann?! Immerhin sind die Gitarrensoli am Ende von Gemini Man und Sneak Peek herausragend bis sehr schön; da gibt’s nun wirklich nix zu meckern!
Sehr getragen und ebenfalls ambient-mäßig beginnt Visceral, das aber ab 1:35 herum ein wenig durchstartet und wirkliche Spannung aufbaut. Das Take ist gar nicht ohne, wenngleich es auch wieder sehr starke Bezüge zur großen PORCUPINE aufweist.
Gleichsam gilt das eben geschilderte auch für Easy A. Allerdings zieht dieses Take wesentlich weniger Interesse auf sich, als die vorgenannten. Vielleicht liegt es am etwas einfältigen "O-o-oooh-Gesang"? Jedenfalls haut die Verschärfung des Songs mit brummendem Riff und pfeifenden Keyboards auch nicht mehr viel raus.
Endspurt: Der Longtrack (Take 10) nennt sich Annie Enemy. Leider bietet auch diese Nummer keinen wirklich eigenen Ansatz um aus der Spur der großen Schwester und deren Freundin herauszukommen. Das wirkt alles ungemein kunstfertig und professionell, die Metalriffs im zweiten Drittel des Songs kommen ungemein fett (das Break danach ist dafür so vorhersehbar wie die großen Lettern eines BILD-Zeitung Titels), aber es fehlt halt irgendwie der eigene (sagen die Schwestern nicht) "Style"?!
Ganz anders dagegen wieder der Songtupfer Grave Concerns! Leichtfüßig, akustisch wie einstmals GENESIS' Harlequin kommt diese Perle daher. Sanftmütig wie erwachsene kleine Schwestern, wenn sie sich längst nicht mehr an der Großen messen müssen. Sprich: Wenn aus den Schwestern Mütter werden und jede ihren Part im Leben gefunden hat, dann können solch eigenständige Nummern wie Black Lace oder eben Grave Concerns entstehen!

Mit "D_Letion" haben sich, behaupte ich mal, ABIGAILS GHOST noch längst nicht von ihrer großen Schwester und deren Freundin gelöst. Sie liefern ein technisch einwandfrei produziertes, teils fettes, teils nachdenkliches New Art Album ab, das relativ wenig eigene Facetten bietet; von vielen Proggern und Art Rock Freunden aber sicherlich gerne ins Regal gestellt werden dürfte. Diesem Kreis sei die Scheibe durchaus auch ans Herz gelegt. Wer sich nur am Rande mit Prog und Art Rock beschäftigt, kann sich beruhigt wieder hinlegen und auf die großen Schwestern zurück greifen. Die sind, wie auch im echten Leben, einfach origineller...

Christian "Grisu" Gerecht, 12.07.2009

 

(C) 2008 - 2019 by Hooked on Music