Amplifier

Insider


CD-Review

Reviewdatum: 30.12.2006
Jahr: 2006

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Redakteur(e):

Jürgen Ruland


Amplifier
Insider, SPV/Steamhammer, 2006
Sel Balamir Vocals & Guitar
Neil Mahoney Bass & Schreibmaschine (!)
Matt Brobin Drums
Gäste:
Denise Johnson Backing Vocals (Procedures)
Claire Lemmon Backing Vocals (Hymn Of The Aten)
Produziert von: Sel Balamir Länge: 59 Min 05 Sek Medium: CD
1. Gustav's Arrival7. Procedures
2. O Fortuna8. Elysian Gold
3. Insider9. Oort
4. Mongrel's Anthem10. What Is Music?
5. R.I.P.11. Hymn Of The Aten
6. Strange Seas Of Thought12. Map Of An Imaginary Place

Vor geraumer Zeit wurden AMPLIFIER in einem Szene-Magazin aufgrund ihres phänomenalen Debut-Albums in die Riege der besten/wichtigsten Rock-Acts aller Zeiten gewählt. Gerechtfertigt oder nicht, der Longplayer erhielt letztlich bei weitem nicht die verdiente kommerzielle Aufmerksamkeit. Nach einer darauf folgenden enttäuschenden EP liegt nun seit wenigen Monaten ein vollständiges zweites Album vor.
Die während des Zeitraums November/Dezember 2005 eingespielten Aufnahmen trafen nicht überall auf uneingeschränkte Begeisterung. Dem allgemeinen Tenor, die neue Scheibe könne nicht ganz an die Qualität des ersten Longplayer anknüpfen, vermag ich auch Wochen nach dem Kauf von "Insider" nicht zu folgen.

AMPLIFIER bieten auf Album Numero zwo nach wie vor Musik von einem anderen Stern und spielen, von der breiten Konsumenten-Masse anscheinend nach wie vor unbemerkt, in einer Liga mit Genre-Helden wie RUSH oder THE TEA PARTY. Die Herren Balamir, Brobin und Mahony lassen es dabei allerdings mächtiger krachen und bauen auf "Insider" die schon auf "Amplifier" kreierten Soundwände noch weiter aus. Wurde der Begriff "wall of sound" bisher gerne mit dem legendären Produzenten Phil Spector in Verbindung gebracht, so bietet sich dem Hörer nun eine ganz neue Herangehensweise. Eine spartanische Instrumentierung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug erzeugt Klangwände, hinter denen sich die Streicherarmeen des Knöpfchendreher aus den sechziger/siebziger Jahren bequem verstecken könnten.
Der Titelsong Insider erinnert (un)gewollt(?) an RUSHs Afterimage aus deren 84er Machwerk "Grace Under Pressure". Doch wo die Herren Lee, Lifeson & Peart melancholisch rockig einen Meilenstein setzten, hauen AMPLIFIER jetzt auf den "Heavy-Lukas". So mancher Power-Metal-Act passt im Vergleich dazu noch locker auf den Platz hinter besagter Klangmauer neben Spectors Streicher-Hundertschaft.
Zwölf Jahre nach der Brachial-Granate Superunknown vom gleichnamigen SOUNDGARDEN Mega-Seller setzen die drei Briten mit Strange Seas Of Thought noch einen drauf. Ein ähnlicher unwiderstehlicher Groove, der allerdings härtemäßig noch einige Schippen drauf legt.

Der Grund für die nicht überall euphorischen Reaktionen auf "Insider" mag auch die teilweise fehlende Verspieltheit des Debuts sein. Bereits der instrumentelle Opener Gustav's Arrival und das folgende O Fortuna kommen mit der Feinfühligkeit einer Dampfwalze. AMPLIFIER fahren powermäßig das volle Brett und schalten erstmals bei Mongrel's Anthem einen Gang zurück. Dass man sich auch auf Riff-Rocker versteht, zeigt das Trio mit Procedures, wo es nach einem Intro mit der Schreibmaschine (!) anschließend metal-mäßig zur Sache geht.
Das Soundgewand hat an Fülle hinzugewonnen. Elysian Gold hätte beim Erstling noch wie ein Fremdkörper gewirkt, hier passt der Track wie die berühmte Faust auf's Auge (... oder der Arsch auf'n Eimer, das ist Sache der jeweiligen Betrachtung...). Der Drummer durfte inzwischen seine Zurückhaltung aufgeben. Statt dessen verdrischt er nun die Felle gekonnt gnadenlos und zeigt den vielen Kollegen aus der Abteilung "Bummskopp", dass Double-Bass nicht immer das Maß aller Dinge sein muss.
Dass man sich nicht vollkommen in eine neue Richtung der Herangehensweise begeben hat, beweisen Hymn Of The Aten und Map Of An Imaginary Place, wo die Band sich jeweils erst nach einem an "Amplifier"-Zeiten erinnerndes Intro in heftigere Sphären wagt und im Verlauf der Tracks immer wieder in ruhigere Passagen zurückfällt.
In punkto Melodik haben AMPLIFIER vergleichsweise abgebaut. Ob gewollt oder nicht werden vielleicht erst weitere Alben der Insel-Hoffnung zeigen, denn nach heutigem Stand der Dinge attestiere ich den Jungs ein mehr als gelungenes zweites Album.

Warum die Diskussion ob "besser" oder "schlechter"? Schlichtweg "anders", aber immer noch "genial".

Jürgen Ruland, 30.12.2006

 

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