Angel Michaelsen

Eine Engelsbegegnung


Interview

Reviewdatum: 17.06.2005

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Redakteur(e):

Martin Schneider


Angel
Eine Engelsbegegnung, Interview

Direkt am Stuttgarter Hauptbahnhof gelegen, ist das Intercity Hotel definitiv nicht das beste Haus am Platz. Nüchterne schlichte Funktionalität statt Luxus und Glamour prägen das kleine Zimmer in dem Helena Iren Michaelsen an diesem Tag residiert um sich den Fragen der schreibenden Zunft zu stellen. Die Jalousien sind heruntergelassen und verwehren der gleißend hellen Sonne, die der Landeshauptstadt einen fast schon unangenehm heißen Sommertag verschafft, den Einlass.
Helena empfängt mich mit einem bezaubernden Lächeln, das im Dämmerlicht, das im Raum herrscht, kaum auszumachen ist. Zunächst einmal schickt sie den Chef ihrer griechischen Plattenfirma Black Lotus Records los, um eine Flasche Rotwein zu besorgen.

Jedes Interview ist anders, doch dieses Gespräch fällt dann völlig aus dem Rahmen des bisher erlebten. Statt dem üblichen Frage-Antwort-Spiel entwickelt sich einfach eine nette fast einstündige Unterhaltung bei ein, zwei Gläschen Wein und Zigaretten mit der warmherzigen Norwegerin. An den Passagen von allgemeinem Interesse lasse ich Euch gerne teilhaben:

HOM: Die Band heißt ANGEL...

Helena: Ja.

HOM: Du weißt aber, dass es eine amerikanische Glam Rock-Band namens ANGEL gibt, die in den Siebzigern sehr erfolgreich waren und auch heute noch Musik machen.

Helena: Ich hab davon gehört. Wir haben uns erst vor kurzem für den Namen entschieden. Unser Demo haben wir noch unter dem Namen WHITE ANGEL eingespielt. Dann stellte es sich heraus, dass das eine Slang-Bezeichnung für Kokain ist und ich wollte diesen Namen nicht weiter verwenden. Ich habe dann kurzerhand das 'White' gestrichen und mich entschlossen, die Band einfach nur ANGEL zu nennen. Das passt auch ganz gut, weil ich 1999 von einem Fan das Bild eines Engels geschenkt bekommen habe, das mir sehr gut gefällt. Das waren meine persönlichen Beweggründe mich für diesen Namen zu entscheiden.

HOM: Aber fürchtest du nicht, dass das zu Rechtsstreitigkeiten führen kann?

Helena: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe gehört, die Band hätte sich inzwischen aufgelöst und spielt nicht mehr zusammen.

HOM: Na, zumindest letztes Jahr haben sie noch beim Bang Your Head in Balingen gespielt.

Helena: Okay, ich glaub trotzdem nicht, dass es Schwierigkeiten gibt. Dann ist es halt nicht der Bandname sondern mein Künstlername. Wenn ich irgendwann nochmal ein Kind bekomme und es ein Mädchen wird, dann möchte ich die auch 'Angel' nennen. Ich benutze jetzt diesen Namen einfach.

HOM: Okay. Ich dachte einfach, ich sollte das Thema mal ansprechen.

Helena: Ja, das ist okay. Ich lass mich da aber von niemand ins Bockshorn jagen und wenn es die Band wirklich stört und sie sich deswegen bei mir melden, dann setze ich irgendeinen Präfix davor und das war es dann. Da machen wir keine große Geschichte daraus.

HOM: Das Line-up von ANGEL ist mit dem von IMPERIA, deiner anderen Band, identisch. Es ist recht ungewöhnlich, dass ein Künstler zwei identische Bands mit unterschiedlichem Namen und unterschiedlicher stilistischer Ausrichtung am Start hat.

Imperia Helena: Ja, das stimmt, aber ich arbeite wirklich gerne mit den Jungs zusammen. Sie haben mich nie enttäuscht. Ich mag die Jungs. Ich kann ihnen vertrauen. Wir haben viel Spaß miteinander. Es ist einfach eine perfekte Konstellation. Wir sind unterschiedliche Charaktere die einfach perfekt zusammen passen. John ist ein bisschen der Komiker, der immer für gute Laune sorgt. Steve ist dagegen ein stiller zurückhaltender Typ, der nur was sagt, wenn es wirklich Hand und Fuß hat. Gary, der Bassist ist dann auch wieder eher ein lustiger Vogel.

HOM: Es ist auch ein ziemlich internationales Line-Up.

Helena: Ja. Jan ist aus Finnland, lebt aber in Holland. Momentan ist er zu Hause auf Urlaub um von der anstrengenden Studioarbeit zu entspannen. Gary ist aus Belgien, John kommt aus Holland. Audrun, der für die Orchestrierung verantwortlich war, ist aus Norwegen. Ich bin aus Norwegen. Wen hab ich vergessen? Steve? Der ist aus Deutschland.

An dieser Stelle wird der Wein serviert und es folgt ein kurzer Exkurs, in dem Helena mir ihre Vorliebe für französische Weine offenbart und ich ihr im Gegenzug den schwäbischen Trollinger ans Herz lege, den sie zumindest einmal probieren sollte, wenn sie sich schon mitten in einem Weinanbaugebiet aufhält. Aber weiter im Text:

HOM: Genießen IMPERIA und ANGEL die gleiche Priorität, oder lasst ihr die Dinge einfach auf euch zukommen und entscheidet dann spontan, je nachdem wie sich die Dinge entwickeln?

Helena: Es ist wie mit zwei Babies. Da kannst du auch nicht sagen, das eine ist dir lieber wie das andere. Es sind einfach zwei unterschiedliche Aspekte meines künstlerischen Schaffens, wobei ich bei IMPERIA nicht so viel persönliches von mir preisgebe wie bei ANGEL.

HOM: Wie sieht das mit dem Album "A woman's diary" aus. Es ist stilistisch sehr breit gefächert, was mir persönlich sehr gut gefällt...

Helena: Danke!

HOM: Um es kurz zu machen: Wie würdest du jemanden der noch nie ein Stück von ANGEL gehört hat die Band beschreiben. Ich würde sagen, es ist ein Teil Kate Bush und es ist ein Teil NIGHTWISH. Würdest du dem zustimmen?

Angel Helena: Nein! Weil die NIGHTWISH-Sängerin ist ein Sopran und ich eben nicht. Deswegen kann man uns nicht vergleichen.

HOM: Ich dachte auch mehr an Parallelen bezüglich der orchestralen Arrangements.

Helena: Ja? Meinst du wirklich? Da bin ich anderer Meinung.

HOM: Ja, ich denke schon, aber das ist ja kein Problem.

Helena: Nein, für mich auch nicht. Ich höre einfach eine Menge unterschiedlicher Musik, wie Tori Amos, wie Kate Bush, Nina Hagen...

HOM: Ah! Das ist lustig. Als meine Frau das erste Mal Darkness hörte, meinte sie, das erinnere sie an Nina Hagen.

Helena: Ja, aber solche Sachen hab ich schon immer gemacht. So etwas findest du auch auf dem IMPERIA-Album, auch bei TRAIL OF TEARS gab es so etwas. Mir haben schon Leute erzählt, ich klinge wie Nina Hagen, dabei hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nie ein Stück von ihr gehört. Als mir das immer mehr Leute erzählten bin ich neugierig geworden wie sie singt und habe mir einige ihrer Songs besorgt. Als ich die dann hörte konnte ich die Meinung der Leute nachvollziehen.
Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich gerne mal mit ihr ein gemeinsames Stück für ein IMPERIA-Album aufnehmen.

HOM: Das stelle ich mir sehr interessant vor.

Helena: Das wäre phantastisch, wenn das mal klappen würde, aber ich habe keine Idee wie man mit ihr in Kontakt treten könnte. Ich denke auch, sie ist einfach eine coole Persönlichkeit.

HOM: Ja, sie hat immer ganz individuell ihr Ding durchgezogen. Ob es dem Rest der Welt gefiel oder nicht, war ihr egal.

Helena: Ja, da ist sie wie genauso drauf, wie ich es bin. Ich würde sie einfach mal gerne treffen und kennen lernen, ein Bier oder ein Gläschen Wein mit ihr trinken. Sie ist eine interessante Persönlichkeit und wenn ich ihre Songs höre, dann habe ich den Eindruck, sie drückt mit ihrer Art zu singen auch meine Gefühle aus. Sie macht wirklich verrückte Sachen mit ihrer Stimme und ich hoffe wirklich wir begegnen uns eines Tages.

HOM: Das Album hat ja ein durchgängiges Konzept: "A woman's diary". Aber so wie ich es verstehe, ist es kein Konzeptalbum in dem Sinne, dass es eine durchgängige, chronologische Geschichte erzählt.

Angel Helena: Es handelt sich dabei generell um Dinge, die mir so passiert sind oder die ich so empfinde, aber jeder Song steht auch für sich alleine. Es ist eine Sammlung von Einzelepisoden, die einen längeren Zeitraum abdecken, aber das Thema ist natürlich nicht abgeschlossen. Es wird, wie der Albumtitel schon andeutet, ein Kapitel Zwei geben. Ich denke, wir werden das im nächsten Jahr nach der Fertigstellung des zweiten IMPERIA-Albums angehen. Da freue ich mich darauf, denn mir gefällt das.

HOM: Und wie viele Kapitel hast du geplant?

Helena: Ich habe keinen Plan in dieser Hinsicht. Ich lasse mich da einfach treiben. Allein diese Promotiontour hat mir Inspiration für mindestens drei neue Songs geliefert.
Ich mache ständig neue Erfahrungen und erlebe Situationen die mich stolz machen. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, bei denen ich gemerkt habe, dass sie sich ernsthaft mit meiner CD und meinen Geschichten auseinander gesetzt haben. Auch wenn sie keine Texte vorliegen hatten, erzählten sie mir, wenn ich diesen oder jenen Song angehört habe, dann empfand ich folgendes. Oft war es genau das, was ich ausdrücken wollte und das ist etwas, was mich wirklich sehr stolz macht.
Nur ein kleines Beispiel. Im Flugzeug hierher ist mir ein kleines Missgeschick passiert. Ich wollte die Milch zum Kaffee öffnen und hab damit die Person neben mir bekleckert. So sind wir ins Gespräch gekommen. Sie war aus China und ich hab ihr dann als kleine Wiedergutmachung meine CD geschenkt. Sie hat mir dann ein tibetanisches Amulett geschenkt (Helena trägt es um den Hals und zeigt es mir) das mir Glück bringen soll. Für mich ist das ein sehr wertvolles Geschenk. Ich kann jetzt über meine Gefühle, die aus dieser Zufallsbegegnung entstanden sind, eine neue Geschichte schreiben.

HOM: Hast du ein besonderes Lieblingsstück auf dem Album, das dir mehr bedeutet als die anderen?

Helena: (überlegt einen Moment) Der Mother-Song bedeutet mir sehr viel, aber auch Little girl.
Viele Songs bedeuten mir sehr viel. (lacht) Es macht natürlich einen Unterschied, dass ich die Stücke geschrieben habe und jeder einen Teil meines Lebens repräsentiert. Der Hörer hat sicher nicht die gleichen Bilder wie ich dazu im Kopf, was wirklich passiert ist und dahinter steckt. Von daher kann ich schlecht sagen, dieser Song ist mir wichtiger als jener. Dem Hörer fällt es leichter zu sagen: Das Stück gefällt mir besser als ein anderes. Ich erlebe die Kompositionen aber völlig anders.

HOM: Bei einigen Stücken klingt es ein wenig, als würdest du versuchen, mit deiner Stimme unterschiedliche Charaktere darzustellen, eine Technik, wie sie auch Anke Hachfeld von MILA MAR einsetzt.
Da Helena MILA MAR nicht kennt, folgt an dieser Stelle ein Exkurs, mit dem Versuch ihr unbeschreibliche Musik zu beschreiben. Ob mir das gelungen ist wage ich zu bezweifeln, aber zumindest habe ich es geschafft Interesse zu erwecken.

Angel Helena: Das klingt sehr spannend, denn ich habe eigentlich den gleichen Ansatz. Ich versuche meine Stimme wie ein Instrument einzusetzen. Ich habe leider noch nichts von dieser Band gehört, aber das klingt sehr interessant.

HOM: Dein Album wurde von Oliver Phillips und Christian Moos von EVERON produziert...

Helena: Ja.

HOM: ... für mein Dafürhalten die beste deutsche Progressiv Rock-Band...

Helena: Ich liebe die auch und höre sie mir oft zu Hause an.

HOM: Die Frage ist: Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit.

Helena: Durch Jan, meinen Gitarristen. Er hatte vor einigen Jahren mit den beiden bei anderen Bands und Projekten zusammen gearbeitet und er gab mir das Gefühl, das seien die richtigen Leute um ANGEL zu produzieren. Ich wollte das Optimale erreichen, also haben wir uns mit ihnen getroffen und haben uns ihr Studio angeschaut. Ich hatte sofort ein wirklich gutes Gefühl dabei. Das Studio machte einen brillanten Eindruck und alles wirkte perfekt für uns. Also hab ich auf meine innere Stimme gehört und gesagt: Gut, wir nehmen das Album dort mit ihnen auf.

HOM: Sie haben aber auch eine wirklich gute Arbeit abgeliefert.

Helena: Ja. Es war auch ein sehr angenehmes Arbeiten. Das Studio ist fast wie ein Appartement. Es gibt dort Schlafräume und eine große Küche. Man hat die Möglichkeit, sich in seine Privatsphäre zurückzuziehen. Dazu ist alles sehr großflächig angelegt. Mir hat das sehr gut gefallen. Dann sind Oliver und Christian sehr einfühlsame Menschen, die genau verstanden haben um was es mir bei den Aufnahmen ging. Sie haben wirklich hervorragende Arbeit geleistet.

HOM: Du stammst aus Norwegen. Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt, ein Stück in deiner Muttersprache zu singen und aufzunehmen.

Helena: Ich hab das mal aus Spaß bei einem IMPERIA-Konzert gemacht. Die Band war schon von der Bühne und ich fragte das Publikum: Wollt ihr noch ein norwegisches Lied hören? Und alle schrien: Ja! Ich hab dann eine A-capella-Nummer gebracht, wobei das Publikum mir durch Klatschen den Takt vorgegeben hat. Das hat wirklich Spaß gemacht.
Vielleicht wäre es eine gute Idee, auf dem nächsten IMPERIA-Album ein norwegisches Folkstück unterzubringen. Mal sehen...

Es folgt ein weiterer Exkurs über eher rock-untypische Sprachen und Folk-Rock mit den Schwerpunkten Gaelic und Celtic Folk.

HOM: Hattest du jemals Gesangsunterricht?

Angel Helena: Ja, ich hatte einige Jahre privaten Gesangsunterricht, aber irgendwann ließ sich das zeitlich einfach nicht mehr unterbringen. Ich war häufig auf Tournee und beides war einfach nicht zu vereinbaren. Ich hab zumindest die Grundlagen von klassischem Operngesang mitbekommen und den Rest habe ich mir autodidaktisch auf experimentelle Weise angeeignet, wobei ich mich einfach auf mein Gefühl verlassen habe.

HOM: Ich denke, ein bisschen Technik hat noch keinem Vocalisten geschadet. Es gibt ja genug Beispiele von im Unverstand ruinierten Stimmen.

Helena: Ja. Wenn du beispielsweise einen Ton lange halten möchtest, dann ist es schon hilfreich, wenn du entsprechende Atemtechniken beherrschst. Auch das Umschalten von Kopf- auf Bauchstimme ist prinzipiell sehr hilfreich. Wenn ich alles was ich singe über die Kopfstimme versuchen würde, dann wäre meine Stimme auch schnell ruiniert. (lacht) Es sei denn ich fange mit Grunzgesang an. (lacht)

HOM: Wie wichtig ist für dich der visuelle Aspekt von ANGEL? Das Cover zum Beispiel zeigt dich zum Engel mit Teufelshörnern gestylt. Für mich symbolisiert das, das kosmische Prinzip der Dualität.

Helena: Ja. So ist es. (langes Schweigen, lautes Lachen als sie erkennt, dass ich eine etwas ausführlichere Antwort erwarte). Jeder Mensch hat seine zwei Seiten, fast jedes Ding im Leben genauso. Natürlich war das ganze auch ein bisschen als Joke gedacht. Wir nennen uns ANGEL. Da erwartet man ein Bild einer Frau im weißen Kleid und mit Flügeln. Ich wollte darüber hinaus gehen, entschied mich für die düstere Hintergrundatmosphäre und die Teufelshörner und dachte: Cool! Das ist es.

HOM: Ich mag die Umsetzung dieser Symbolik.

Helena: Danke. (lacht)

HOM: Glaubst du an Engel?

Helena: Für mich steckt hinter dem Begriff 'Engel' eine gewisse Symbolik. Ich selbst hatte nie Engelserfahrungen, aber ich habe von anderen Leuten gehört, dass ihnen Engel begegnet sind. Ich bin ein Typ, der nur an das glaubt, was er selbst gesehen und erlebt hat. Für mich haben Engel mit Hoffnung und Erlösung zu tun. Ein Wesen, das dich der Erlösung nahe bringt, dem Himmel, was immer man darunter versteht. Das ist auch die Rolle, die Engel in meinen Songs übernehmen.

HOM: Nächste Glaubensfrage: Glaubst du, es ist heute für eine Frau im Musikgeschäft einfacher als vielleicht vor zehn, fünfzehn Jahren? Da gab es doch ganz massive Vorurteile. Es war meines Wissens Eric Clapton, der wenig schmeichelhaft zum Ausdruck brachte, dass Frauen seiner Meinung nach nichts mit Rockmusik zu tun haben sollten.

Angel Helena: Ich denke die Frauen sind mutiger geworden und wagen es inzwischen eher sich in der Metalszene auszudrücken. Wurde man früher nur als schmückendes Beiwerk betrachtet, so haben sich die Dinge inzwischen schon geändert.
Je mehr man als Frau seine Persönlichkeit einbringt, umso mehr verschwinden die Unterschiede. Heute sind wir in Punkto Gleichberechtigung und Akzeptanz wirklich schon sehr weit.
Ich denke nicht, dass man es als Frau heute einfacher hat als ein Mann. Manchmal denke ich, eine weibliche Stimme hat einfach andere Qualitäten als eine männliche.

HOM: Sie ist emotionaler, kann dich tiefer in deinem Inneren berühren.

Helena: Ja, das trifft für viele Leute zu. Es gibt aber auch durchaus männliche Sänger, die mich mit ihrer Stimme emotional berühren. Ozzy zum Beispiel. Das sind vor allem Sänger, denen es gelingt, mit ihrer Stimme eine Atmosphäre zu transportieren. Ozzy ist technisch kein großer Sänger, aber man hört ihm an, mit welcher Leidenschaft er singt. Das mag ich. Er ist eine Persönlichkeit und kann dies mit seiner Stimme ausdrücken. Für mich ist es wichtiger, dass etwas ehrlich ist und von Herzen kommt, als dass es nach Perfektion strebt.
Ich mag aber auch Pavarotti. Wenn ich nur an seine Stimme denke, bekomme ich schon eine Gänsehaut.

HOM: Mitte September soll in Utrecht das erste ANGEL-Konzert stattfinden und als 'Support' werden davor IMPERIA auftreten. Ist das nicht eine zu große Herausforderung, zwei Shows an einem Abend nacheinander zu spielen?

Helena: Ach, ich hab das auf Tournee schon öfter gemacht, dass wir an einem Abend zwei Shows hatten. Das ist kein Problem. Es macht sogar Spaß. Du bekommst ja als Gegenleistung die Energie des Publikums. Mir geht es oft so, wenn wir ein Konzert gerade beendet haben und noch für zwei Zugaben auf die Bühne kommen, dass ich dann das Gefühl habe, am liebsten noch einmal von vorne zu beginnen und einfach noch einmal das komplette Konzert zu spielen. In dir pulsiert eine Unmenge Adrenalin. Du befindest dich fast an der Schwelle zum Wahnsinn. Das ist unbeschreiblich.
Beim letzten Konzert hatten wir ein phantastisches Publikum. Da kam wahnsinnig viel Energie rüber und es war auch noch mein Geburtstag. Die ganze Atmosphäre der Veranstaltung war zauberhaft. In der Garderobe hatte man für mich Kerzen aufgestellt und schenkte mir einen Strauß Rosen. Einfach eine Menge netter Kleinigkeiten und ich war von einer unheimlich positiven Energie erfüllt. Die habe ich mit auf die Bühne genommen und mich dort vor lauter Freude und Glückseligkeit wie eine Wahnsinnige verausgabt. Die Leute sind auf die Bühne gestürmt, wir haben uns umarmt, gemeinsames Headbanging betrieben. Es war eine einzige große Party.

HOM: Eigentlich wollte ich dich noch fragen, wie es denn mit Konzerten in Deutschland aussieht. Ich hab allerdings Biggy von Brooke-Lynn-Promotion in der Hotelhalle getroffen und sie erzählte mir, du hättest für Deutschland keine Konzertagentur, die sich um deine Belange kümmert. Aber du hättest schon Lust hierzulande zu spielen, wenn die geschäftlichen Dinge entsprechend geregelt sind?

Angel Helena: Ja. Natürlich möchte ich so schnell wie möglich in Deutschland Konzerte geben.

HOM: Das ist unheimlich wichtig. Meiner Meinung nach sind Live-Auftritte immer noch die beste Möglichkeit ein Publikum für sich zu gewinnen.

Helena: Ja. Natürlich möchte ich so schnell wie möglich in Deutschland Konzerte geben. Ich glaube sogar, dass die Leute Musik hören und sich ein Bild von jemand machen. Dann fällen sie ein Urteil über jemand, den sie nie getroffen und erlebt haben. Wenn du einfach eine CD hörst, dann hast du keine Vorstellung davon, wie das Konzerterlebnis mit diesem Künstler ist. Was ich versuche zu sagen: Unsere Konzerte laufen sehr gut in Holland und Belgien und ich würde mich sehr freuen, wenn auch viele Deutsche dorthin kommen würden um die Show zu sehen.

HOM: Bei einigen Songs auf dem ANGEL-Album dürfte es aber nicht leicht sein, diese auf der Bühne zu präsentieren, weil doch eine Menge Technik zum Einsatz kommt um den Sound zu erschaffen.

Helena: Klar, wir müssen natürlich mit Minidiscs arbeiten, um einige spezielle Sounds und Effekte zu erzeugen. Aber im September zum Beispiel werden wir für die Pianoparts einen Pianisten dabei haben. Weil es das erste Konzert ist, wollen wir auch das Cello und die Violinen live auf der Bühne haben. Ich mag es nicht wirklich Minidiscs einzusetzen, aber manche Dinge sind anders einfach nicht machbar.

HOM: Die Akzeptanz des Publikums für diese Vorgehensweise hat ja auch in den letzten Jahren zugenommen.

Helena: Klar. Nimm eine Band wie WITHIN TEMPTATION. Da kommen fast 80% dessen was du hörst vom Band, sogar der Gesang. Ich hab von Sharon eine Nahaufnahme einer Kamera gesehen. Du hörtest den Gesang, sie bewegte die Lippen, aber es passte überhaupt nicht zusammen. Was immer auch passiert, meinen Leadgesang werde ich immer live bringen. Das was ich auf CD singen kann, das kann ich auch live bringen, ohne tricksen zu müssen. Oder andersherum: Wenn ich nicht in der Lage bin etwas live zu singen, dann hat es auch auf der CD nichts verloren.

HOM: Diese Einstellung gefällt mir.

Angel Helena: Wenn ich an früher denke, dann war Musik zielstrebig und geradeaus und das ist die beste Musik, die geschaffen wurde. Sie war ehrlich und ungeschminkt und hatte Seele. Ich möchte Musik wieder bodenständiger, und handgemacht. Auch auf der Bühne sollte nicht alles vorher geplant sein, was man anzuziehen hat und in welchem Moment man an welcher Stelle zu stehen hat. ich lege großen Wert auf Spontanität. Wie soll ich sagen: Meine Konzerte sind mehr 'Rock'n'Roll'.

HOM: Du musst die Emotionen auf die Bühne bringen und mit den Leuten im Publikum teilen.

Helena: Ja! Und wenn du spontan agierst, dann entfesselst du am meisten Energie.

Damit endet der offizielle Teil des Gesprächs, dem sich noch ein längerer privater Gedankenaustausch anschloss. Natürlich über das ANGEL-Album, über unpersönliche Megakonzerte bei denen der Kontakt zwischen Band und Publikum zwangsläufig auf der Strecke bleibt, über unselige Tendenzen im Musikbusiness, über die Magie und die Universalität der Musik im allgemeinen, über Songs, die uns am tiefsten berühren. Sicherlich alles Themen, die auch Bestandteil des Interviews hätten sein können, da sie aber im Rahmen eines als solchen deklarierten Privatgesprächs angesprochen wurden, verbieten es mir Respekt und Loyalität gegenüber der Künstlerin, ihre Aussagen daraus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Am Ende stand eine Einladung zum Konzert in Utrecht, die ich gerne wahrnehmen werde.

Besonderer Dank an Moritz und Susanne von Gordeon Music, die dieses Interview ermöglicht haben.

Martin Schneider, 17.06.2005

 

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