Ten Years After

Carvin Jones
Ray Wilson
Twin Dragons

Aschaffenburg, Colos-Saal, 24.07.2003


Konzertbericht

Reviewdatum: 24.07.2003

Links:

Ten Years After Homepage



Redakteur(e):

Epi Schmidt


Aschaffenburg, Colos-Saal, 24.07.2003

Übers Colos-Saal hab ich ja eigentlich schon genug gute Worte verloren, also stürzen wir uns gleich auf die Musik. Und schon geht's los:
Nachmittags um 17.30 Uhr erreicht mich telefonisch die Nachricht, dass die angekündigten VANILLA FUDGE nicht spielen werden. Einerseits heißt's, der Flug wäre gecancelt worden, andererseits Managementprobleme...
Ja, ja. . Reeperbahn ick hör dir trapsen. Sind halt auch nicht mehr die jüngsten...

Naja, egal wir (Peter S., Peter S. und ich [Du hast Dich vergessen - Red]) gehen natürlich trotzdem hin, obwohl: Interessant wär's schon gewesen THE FUDGE zu sehen. Lobenswerter Weise wird das Konzert nicht abgesagt, sondern, ebenso löblich, der Eintrittspreis gesenkt.

Na, jedenfalls sind um kurz vor Acht noch nicht sonderlich viele Besucher vor den Türen. Soll ja auch erst um 21 Uhr losgehen. Denkste! Wer zu spät kommt, den... kennt man ja.
Kurz vor acht gehen die Türen auf, schnell noch ein Bier geholt und gegen 20.15 Uhr betritt die erste Band die Bühne. Der Ablauf auf Konzertposter und -karte scheint nicht mehr bindend zu sein, denn es sind die TWIN DRAGONS die den Opener geben. Grob gesagt: Ein Blues-Rock-Trio.

Gerade haben wir, die beiden Peters und ich, uns noch über Jeff Beck unterhalten, da kommen die TWIN DRAGONS daher, mit einem italienischen Gitarristen (Namen weiß ich nicht mehr, aber hat schon bei Zucchero und Ramazotti gespielt), der ohne Plektrum spielt und an Fingerfertigkeit kaum zu überbieten sein dürfte. Bassist (ein Schwarzer mit sonorer Bluesstimme) und Drummer legen ein passendes Fundament für die Gitarren-Eskapaden.
Beim ersten Instrumental noch reichlich Fusion- und Jazz-beeinflusst geht's doch bald in die Blues-Richtung. Aber wie! Meine Herren, da laufen Gitarristen rum... die kennt kein Schwein und sind dermaßen "Schweine-Gut". Versteht mich nicht falsch, das ist kein sinnloses Gedudel sondern hat jederzeit Hand und Fuß.
Ein weiterer Verweiß an Jeff Beck kommt: I Ain't Supersitious, von dessen erster Scheibe. Manchmal fühle ich mich an einen frühen Eddie Van Halen erinnert, wenn der Gitarrist vor Ideen nur so sprüht und ihm das Griffbrett schon fast nicht mehr genügt.
Es folgen noch ein paar Blues-Cover und auch eine Ballade mit tollen Country-Licks. Ich weiß nicht wie die Band auf Konserve klingt, aber live auf jeden Fall Spitze.
(Und würdest Du das HoR lesen...: ... dann wären auch die Namen der Bands bekannt...).

Viel Umbaupause ist nicht nötig, denn als nächster betritt der Ex-GENESIS-Sänger Ray Wilson die Bühne, der offensichtlich solo auftritt - nur mit Akustik-Gitarre bewaffnet.
Und tatsächlich schafft es auch er, hier voll zu überzeugen. Ray hat keine Probleme mit seiner Vergangenheit und so startet er überraschend seinen Set mit In The Air Tonight, das er auch noch ganz hervorragend singt. Seine Stimme ist rauer als Phil Collins' und manchmal sieht es auch so aus, als wenn er sich recht quälen müsste beim Singen, aber es sieht auch nur so aus - er klingt bestens.
Immer wieder durch kleine Geschichten und Anekdoten überbrückt, singt er sich durch seine eigene musikalische Geschichte. Da darf seine erste Komposition mit Genesis und zudem ein Hit, Not About Us, nicht fehlen, oder auch die STILTSKIN-Nummer Inside.
Hin und wieder etwas fetziger, überwiegen natürlich die Balladen. Wie etwa Another Day, das angeblich mal, in remixter Form, Nr. 1 der holländischen Dance-Charts war.
Mit die meiste Begeisterung löst Carpet Crawler, vom 74er Genesis-Album "The Lamb Lies Down On Broadway" aus. Viel Zeit bleibt ihm nicht, also folgt noch der 78er Hit Follow Me.
Ein paar eigene Songs, wie Change und Long Way, beides ansprechende Balladen, hat er auch im Programm und für das Spätjahr kündigt er eine Tournee mit Band an.

Nachdem das Equipment, Marshall Halfstack, Ampeg Bass-Amp und das Drum-Set, bei allen Bands gleich bleibt, entsteht auch jetzt keine lange Pause.
Der folgende Typ wäre auch kaum zu bremsen gewesen. Mit SRV-Hut (Sommer Reste Verkauf? Stevie Ray Vaughan? Red., Abt Schnäppchenjäger) und Glitzer-Glimmer-Hemdchen stürmt Carvin Jones auf die Bühne. Breit grinsend schnappt er sich die Strat und fängt auch gleich im entsprechenden SRV-Blues-Rock über die Bühne zu hüpfen. Da werden gleich ein paar Songs zitiert. Da dauert's natürlich auch nicht lang, bis die Hendrix-Nummern kommen - Purple Haze ist die erste.
Was soll sich sagen, Carvin ist einfach ein Showtyp von vorn bis hinten (wörtlich zu nehmen, denn zwischenzeitlich durchquert er auch mal das Colo-Saal bis vor zu Eingangstür), dem der ein oder andere falsche Ton, oder die manchmal nicht sonderlich saubere Technik wurscht ist. Nach jedem Song bedankt er sich mit gereckter Faust und einem "Thank You"-Ruf, als wenn er sich gerade von der Menge im Maracana-Stadion verabschieden würde.
Der Rest der Band fällt da natürlich kaum auf, außer... der grauhaarige "Hausmeister" am Bass hat ein paar furchterregende Verzerrer, die er immer dann zum Einsatz bringt, wenn ein kurzes Bass-Solo ansteht, weil Herr Jones seine Gitarre wieder mal so malträtiert hat das dringendes Stimmen angesagt ist.
Wenn's um Texas geht, darf natürlich La Grange nicht fehlen. Ziemlich dahingeschludert, aber ihn und das Publikum stört's wenig. Carvin hält sich mal hier an einer Schulter fest, lässt dort mal einen an seinen Saiten zupfen, legt sich auf der Bühne auf den Boden und hält die Gitarre mit den Füßen hoch. Schmeißt die Gitarre auf den Boden, bearbeitet sie mit Füßen, usw.
Dass da noch The Sky Is Crying, Johnny B. Good und Voodoo Chile folgen, versteht sich fast von selbst. Also musikalisch nix Überwältigendes, aber unterhaltsam ohne Ende.

Bleibt also noch TEN YEARS AFTER. Aber, Moment, ist das überhaupt Ten Years After?
Geht das überhaupt, Ten Years After ohne Alvin Lee?
Der war, nicht zuletzt durch den Woodstock-Film, halt immer das Aushängeschild der Band. Aber schließlich waren da noch drei andere an der Musik von Ten Years After beteiligt und, sind wir mal ehrlich, der Alvin hat auch schon genug schlechte Shows in den letzten Jahrzehnten geliefert. Wer will schon Versionen von I Hear You Knockin', Rip It Up oder Johnny B. Good hören, wenn es genug andere gute Songs im Repertoire gibt.

Schon beim ersten Song, Woke Up This Morning, wird deutlich: Joe Gooch ist ein hervorragender "Ersatz". Erst 1977 geboren, ist eine gewisse Ähnlichkeit im Aussehen vorhanden, die Stimme nahe am (jungen) Original und instrumental absolut Klasse.
Die typischen Riffs und Licks, etwas bei Good Morning Little Schoolgirl oder Hear Me Calling (1a Boogie!) werden noch durch den eigenen, durch Jazz und Klassik geprägten Stil von Joe Gooch erweitert. Die Band harmoniert hervorragend und vor allem Bassist Leo Lyons sowie Drummer Ric Lee ist der Spaß und vor allem die Spielfreude anzusehen und zu hören.
Letzterer besticht u. a. mit seinem Drum-Solo bei... na? Hobbit, logisch.

Die Band agiert schon seit ca. einem Jahr in dieser Besetzung und hat bereits ein Live-Album veröffentlicht. Eine Studio-Scheibe ist in Arbeit und ein paar Songs daraus werden schon präsentiert. She Keeps Moving etwa ist ganz im Bluesrock-Stil der Band gehalten. Etwas "moderner" halt, so Richtung WHITESNAKE.

Der Rock'n'Roller Big Leg 45 folgt und eine weitere Möglichkeit für Joe Gooch sich auszuzeichnen. Love Like A Man, da geht auch der ansonsten etwas zurückhaltende, Kaugummi kauende Chick Churchill aus sich heraus und behämmert die Tasten seines Keyboards.
Ein weiteres Highlight folgt mit I Can't Keep From Crying Sometimes. In den ausschweifenden Solo-Orgien wird mal so eben aus dem Handgelenk, Sunshine Of Your Love, Purple Haze, Walk This Way und das unvermeidliche Smoke On The Water zitiert. Alles nahtlos und trotzdem spontan eingebracht.
I'm Going Home darf natürlich nicht fehlen und die Band spielt es auch sehr gut, verdeutlicht allerdings auch, dass es nur ein Klassiker unter vielen bei Ten Years After ist.

Die erste Zugabe bringt eine treibende Version von Choo Choo Mama und noch mal richtig Dampf. Die zweite und letzte Zugabe ist ein weiterer neuer Song, der mit dem vorhergehenden nicht so ganz mithalten kann, auch wenn es gewaltig rockt.
Darf man durchaus gespannt sein auf das kommende Album.

Jetzt muss ich natürlich noch erwähnen, das sich in meiner Begleitung ein Mensch befindet der Ten Years After schon 1972 gesehen hat (Dein zweites Ich?)! In Frankfurt!! In der Festhalle!!! Ja, genau auf dem Konzert bei dem z.T. die "Recorded Live"-Doppel-LP mitgeschnitten wurde. Und auch dem, Peter S., hat's super gefallen.

Alles in allem ein unterhaltsamer Abend im Colos-Saal mit Spitzen-Musikern, die durchaus einige Zuschauer mehr verdient gehabt hätten.
Abschließend wäre allerdings noch die Frage zu klären, warum eigentlich nicht mehr mit Alvin Lee? Etwas Alkohol ist wohl schon im Spiel, als mein Bandkollege Peter S. Leo Lyons mit dieser Frage am Merchandising-Stand konfrontiert. Leo's Antwort: "Too Old."

Epi Schmidt, 25.07.2003

 

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