Asia

Progressive AOR


Interview

Reviewdatum: 31.03.2001

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Redakteur(e):

Martin Schneider


Asia
Progressive AOR, Interview

Kurz vor 14 Uhr 30 treffe ich am Block E in Heilbronn ein. Hier soll ich also ASIA treffen.
Die einzige geöffnete Tür führt in die Küche des Cateringbereichs. Im Raum dahinter herrscht reges Treiben. Zirka 20 Personen sitzen an mehreren Biertischen verteilt bei Kaffee und Kuchen. 'Hi, ich bin Martin vom Hooked on Music und suche Sir Harry'. Fast alle Köpfe fahren gleichzeitig herum und blicken auf eine Gestalt, die aufspringt, einen Fluchtversuch andeutet und ruft: 'Den kenne ich nicht!' Großes, allgemeines Gelächter und das Eis ist gebrochen.

Das ist er also, der ASIA-Manager. Ja, so habe ich mir einen 'Sir' immer vorgestellt. Schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, ein Piratenkopftuch auf dem kahlen Schädel...

Ich werde der Band kurz vorgestellt und bekomme einen Platz angeboten. Wie selbstverständlich setzen sich sofort alle Musiker zu mir. John Payne bietet Kaffee an und lädt mich und meinen Begleiter Rosco ein uns auch am Kuchen- und Obstbuffet zu bedienen. Schnell kommt man ins Gespräch und wie es sich für echte Briten gehört ist natürlich das Wetter das obligatorische Einstiegsthema. Doch gleich wendet man sich anderen Themen zu: Den Ladenöffungszeiten in Deutschland (John braucht unbedingt Disketten für seinen Schlepptop), Musik und Internet, ich lasse etwas von der Philosophie des Hooked on Music einfließen, Musikmagazine in Deutschland und die Chancen einer Band wie ASIA darin unter zu kommen, die aktuelle Tour, die vergangenen Tourneen der Band (hierbei verblüfft mich John mit überraschend guten Geographiekenntnissen) und und und...

Geoff Downes macht einen relativ angestrengten und gestressten Eindruck und drängt schließlich darauf, dass wir uns in die ruhigere Garderobe zurückziehen um dort das Interview zu führen. Man lässt mir freie Hand, wen ich interviewen möchte und ich wähle natürlich Geoff und John. Sicherlich wären auch Chris und Guthrie interessante Gesprächspartner gewesen, aber ich wollte nicht alle beim Interview dabei haben, da Masseninterviews zwar meist sehr lustig und unterhaltsam sind, aber die Inhalte kommen dabei meist gegenüber dem Klamauk zu kurz.

Einige Minuten später, nach einer abenteuerlichen Odyssee durch die Katakomben des Block E sitzen wir im 5. Stock(!) in der Garderobe von ASIA, die aussieht, als hätte sie einmal einen Friseursalon beherbergt. Gerade als wir loslegen wollen meldet sich Johns Handy. Also legen Geoff und ich erst mal alleine los:

Hooked on Music: Geoff, in der letzten Zeit gab es viele unterschiedliche und widersprüchliche Informationen, wer nun eigentlich bei ASIA als festes Mitglied dabei ist. Wie ist denn der aktuelle Stand? John, du,...

Geoff Downes: Ja, dazu Chris Slade am Schlagzeug und...

HOM: Chris ist fest in der Band?

G.D.: Ja, Chris gehört fest dazu, außerdem Guthrie Govan, der auch schon auf dem Album Gitarre spielte...

HOM: Guthrie ist also nicht nur für die Tour engagiert. Ihr plant auch in Zukunft mit ihm?

G.D.: (kurzes Zögern bei Geoff). Klar, wir planen mit diesem Lineup für die nächsten Jahre und ich denke, es ist eine wirklich gute Besetzung, eine der Besten, die wir je hatten.

HOM: Zwischen dem letzten Studioalbum und Aura liegen vier Jahre. In dieser Zeit gab es zwar einige Livealben, Compilations und Solomaterial von dir, aber war diese lange Pause so beabsichtigt?

G.D.: Ja, wir haben unsere Archive ein wenig geplündert. Es war uns wichtig sicherzustellen, daß wir ein gutes Album veröffentlichen. Deshalb haben wir uns im Studio sehr viel Zeit gelassen. Es kamen auch einfach sehr viel verschiedene Dinge zusammen die uns Zeit kosteten. (Anm: z. B. ein Wasserschaden in Geoffs Studio in Wales, der Ein- und Ausstieg von Ian Crichton (SAGA), Reunionpläne von und mit John Wetton, Suche nach einer neuen Plattenfirma...) Wir haben uns auch mit dem Songwriting sehr viel Zeit gelassen...

HOM: Wann habt ihr denn mit den Arbeiten an Aura begonnen?

G.D.: Ich würde sagen, vor etwa zweieinhalb Jahren. Andererseits, sobald wir ein Album fertigstellen beginnt quasi die Arbeit am Nächsten, weil wir ständig irgendwelche neue Songs schreiben. Wenn ich so nachdenke, dann sind etwa 50 % der Songs älteren Datums.

HOM: Das Album hat eine ganz typische, spezielle Atmosphäre, die sich durch alle Songs zieht...

G.D.: Ja, das hatten wir auch so beabsichtigt. Das Schwierige dabei war, dass so viele verschiedene Leute an dem Album mitwirkten. Jeder der Gastmusiker sollte seine individuellen Stärken ausspielen und trotzdem sollte es wie ein Bandalbum klingen und nicht wie ein Album von Gastmusikern.

HOM: Wo siehst du den Hauptunterschied zwischen Arena und Aura? Arena hatte für mich einen gewissen Latin-Touch, fast schon wie SANTANA, dagegen ist Aura sehr viel symphonischer ausgefallen.

G.D.: Ja, ich denke Arena war mehr ein experimentelles Album, etwas dass wir nie zuvor gemacht hatten. Klar, wir machen da kein Geheimnis daraus, John und ich sind große SANTANA-Fans. Beim aktuellen Album haben wir uns wieder mehr an Aria orientiert, und das ist das, was du als diesen symphonischen Sound bezeichnest.

HOM: Bei dem neuen Album habt ihr bei ein paar Songs gemeinsam mit einem Gospelchor aufgenommen und soweit ich informiert bin werdet ihr einige dieser Stücke heute Abend spielen. Zumindest habt ihr sie auf der abgelaufenen England-Tour gespielt. Wie macht ihr das? Verwendet ihr Samples oder werden die Stücke umarrangiert?

G.D.: Gewöhnlich machen wir das Allermeiste auf der Bühne live, von gelegentlichen Spezialeffekten einmal abgesehen. Das, was wir tun, ist auch das, was du hörst. Meine Meinung ist: Ein Song ist ein Song, genau so, wie du weitere Instrumente dazu packen kannst, kannst du ihn auch auf das Wesentlichste reduzieren. Es ist immer noch das gleiche Lied. Manchmal spiele ich eine neue Version von Video killed the radio star, und trotzdem ist es immer noch der gleiche Song wie früher.

HOM: Das ist eine klasse Nummer...

G.D.: Findest du?

HOM: Klar, doch. Als das Ding damals raus kam, dachte jeder: Na ja, ein netter Popsong, aber die Nummer hat den 'Test of time' bestanden. Die kann man heutzutage noch problemlos hören, ohne dass sie altbacken wirkt. Und sie gibt einem immer noch einen Kick...

(John kommt wieder hinzu)

HOM: ...wir sprechen gerade von Video killed the radio star...

John Payne: Ja, da ist was Wahres dran... und der Song macht Spaß.

HOM: Habt ihr Lieblingssongs auf dem neuen Album?

G.D.: Ja, Verschiedene aus den unterschiedlichsten Gründen, aber das ist eine sehr persönliche Sache.

J.P.: Ich meine, wir könnten aus den unterschiedlichsten Beweggründen heraus Lieblingssongs haben, genau wie der Hörer auch, aber es waren bestimmte Teile während des Aufnahmeprozesses, die bemerkenswert waren.

G.D.: Es sind wohl in erster Linie die älteren Stücke, weil wir uns lange mit ihnen auseinander gesetzt haben und sie uns bewusst gemacht haben. The last time finde ich ungewöhnlich gut, aber es ist recht schwer sich da festzulegen...

J.P.: Die meisten Leute, die uns E-mails geschickt haben bevorzugten Free oder von den eher als Singleauskoppelung geeigneten Stücken Ready to go home.

G.D.: Aus verschiedenen Gründen kann Free niemals eine Single werden.

HOM: Logisch, aber gerade das ist momentan mein Lieblingssong auf Aura.

J.P.: Ja, es ist irre, wieviele Leute auf die Nummer abfahren.

G.D.: Dabei spielen wir die Nummer aus Zeitgründen nicht mal live auf der Tour. Das holen wir dann nach, wenn wir für unsere eigene Headlinertour wiederkommen.

J.P.: Ja, dann spielen wir einen längeren Set mit fünf, sechs Nummern mehr, im Vergleich zu der KANSAS-Tour. Wir gehen jetzt im Juni/Juli voraussichtlich nach Amerika und dort wollen wir Free erstmals in den Set einbauen und dann wenn wir im Herbst nach Deutschland zurückkommen, vermutlich im September, dann spielen wir auch hier einen Set von eineinhalb Stunden

HOM: Okay, jetzt habt ihr mir eine Frage vorweg genommen. Kommt ihr noch mal als Headliner nach Deutschland?

J.P.: Wir gehen ganz fest davon aus. Allein schon, weil diese Tour große Teile Deutschlands unberührt lässt.

HOM: Stimmt, ihr seid fast nur im Süden Deutschlands unterwegs.

J.P.: Ja, aber ich habe auch den Eindruck, daß wir im Süden gefragter sind.

HOM: Hm, ich weiß es wirklich nicht, aber möglich wäre es schon. Falls ihr die schottische Band RUNRIG kennt, die sind auch nur hier im Süden richtig angesagt. Man kann fast eine Linie bei Köln ziehen und nördlich davon kennt sie kaum noch jemand.

J.P.: Ehrlich? Sind die hier überhaupt noch populär? Das ist ja bemerkenswert. Wie viele Leute kommen so zu deren Konzerten?

HOM: So um die 2.000 pro Show sind es immer und das ist recht ordendlich für eine Band ohne Hits und ohne große Chartnotierungen ihrer Alben.

J.P.: Okay, dann ziehen sie das Publikum als Liveband.

HOM: Klar. Die touren hier ausgiebig mit jedem Album, spielen im Sommer massiv Festivals und sind sich auch nicht zu schade, Festivals in kleineren Orten zu spielen.

J.P.: Ja, wir würden auch gerne mal ein paar Festivals in Deutschland spielen, aber über den Sommer sind wir jetzt zwei Monate lang in Amerika, und außerdem gibt es auch nicht so viele Festivalveranstaltungen in Deutschland, wo eine Band wie ASIA auftreten könnte.

HOM: Ach, Festivals sind ein besonderes Thema in Deutschland. Früher hattest du eine Bühne auf der fünf, sechs Bands auftraten und das war okay. Heute muss ein Open Air drei Tage dauern, du hast 80 bis 100 Bands, du brauchst fünf Bühnen auf denen acht Bands gleichzeitig spielen, zwischen denen du als Besucher hin- und her hechelst, und keine Band richtig anschauen kannst.

J.P.: Das ist einfach zu viel.

G.D.: Vor einigen Jahren haben wir Festivals gespielt. Da hattest Du einfach fünf, sechs Top Bands auf dem Programm und das war für das Publikum ideal. Du erreichst mit so einer Veranstaltung einfach eine Menge Leute auf einmal. Wir würden es jedenfalls gerne mal wieder machen.

HOM: Auf eurer UK-Tour habt ihr jetzt als Support für Paul Rodgers gespielt. Wie waren denn da die Zuschauerresonanzen?

G.D.: Es war phantastisch. Gut, Paul Rodgers ist ein Künstler, der völlig andere Musik macht wie wir. Bei KANSAS jetzt ist der Unterschied zu uns ja nicht so krass. Wir spielten also vor einem Publikum, wo wir nicht sicher sein konnten, wie es uns aufnehmen würde.

J.P.: Das war ein reines Bluespublikum.

G.D.: Wir durften 45 Minuten spielen und die Reaktionen des Publikums waren phantastisch. Da haben wir wirklich etwas bewegen können.

J.P.: Ja, es war richtig gut und hat uns Spaß gemacht. Bei den letzten beiden Konzerten in Folkstone und Hammersmith hat dann unser Schlagzeuger Chris Slade noch mit Paul Rodgers gejammt. Sie haben zusammen Radioactive gespielt, daß sie damals zusammen mit FIRM aufgenommen hatten. Ich denke diese Tour war für uns wirklich gut. ASIA waren nie eine Band, die für andere Support spielen musste. Jetzt waren wir aber lange Zeit von der Bildfläche verschwunden und wir müssen uns beim Publikum erst wieder in Erinnerung rufen. Es ist gut, wenn man sich mal einem Publikum stellen muss, das nicht sein Eigenes ist. Da musst du dann wirklich hart arbeiten um zu überzeugen, aber es gibt dir die Gelegenheit neue Fans zu gewinnen. Ich habe keine Ahnung wieviele Leute jetzt in Deutschland wegen uns zu den Konzerten kommen, aber auch wenn es nach einer Doppelheadliner-Tour aussieht, so ist es in erster Linie die Tour von KANSAS und wir müssen uns ihrem Publikum stellen.

HOM: Dennoch ist der Unterschied zwischen KANSAS und euch jetzt nicht so gravierend. Der typische KANSAS-Fan sollte auch mit ASIA etwas anfangen können.

J.P.: Ja, wie JOURNEY ...

G.D.: ...oder STYX. Diese Schiene eben...

J.P.: ...Progressive AOR!

HOM: Das ist ja eine tolle Beschreibung für euren Sound: Progressive AOR!

J.P.: Ja, wir sind einfach keine hundertprozentige Progressivband. Wenn du mich fragst: EMMERSON, LAKE & PALMER sind progressiv, YES sind progressiv, aber wir gehören eher in die Ecke von FOREIGNER oder JOURNEY.

G.D.: Ja, aber dann schau dir mal die Songs an. ELPs größter Erfolg war Lucky man. Das ist ein Popsong, aber genau die Nummer hat dazu geführt, dass sich die Leute auf EMMERSON, LAKE & PAlMER konzentriert haben. Wegen einem einfachen Popsong... (singt Lucky man). Oder nimm YES: Owner of a lonely heart, auch das ist ein Popsong. Wir waren immer eine Rockband, eine songorientierte Band, in der Musiker aus der Progressivszene mit progressiven Ideen mitwirkten, aber im Mittelpunkt stand immer der einzelne Song.

HOM: Ihr werdet in Deutschland oft in diese Progressiv-Schublade gepackt, aber das stimmt einfach nicht. Da gefällt mir Johns 'Progressive AOR' viel besser. Das trifft den Nagel auf den Kopf.
In Deutschland verbinden immer noch viele Leute mit ASIA das Originallineup mit Wetton, Howe, Downes & Palmer. Nervt das nicht mit der Zeit?

J.P.: Ich denke, das lässt immer mehr nach, denn das Line up mit Geoffry und mir ist doch schon recht lange zusammen. Aber das Originallineup war so erfolgreich und verkaufte so viele Alben, dass es immer wieder passieren wird. Trotzdem nimmt die Zahl derer, die nach dem Originallineup fragen immer mehr ab.

G.D.: Wir haben bewusst als es darum ging die Songs für die Tour auszuwählen nur wenig Material aus den 80-ern genommen, um uns etwas abzugrenzen.

HOM: Ich finde das sehr gut. Es gibt so viele Bands, die personelle Umbesetzungen hatten, aber immer noch überwiegend das Material aus den 70-ern und 80-ern spielen und sich so zu ihren eigenen Coverbands degradieren.

J.P.: Ja, das ist eine große Gefahr.

G.D.: Wir haben uns weiter entwickelt. Ich glaube es gibt nichts schlimmeres, als den Leuten vorzumachen, sie würden die selbe Band wie vor sechs oder sieben Jahren sehen. Du hast zwar ein neues Album, aber du ignorierst es und das war es.

J.P.: Wir spielen auch weniger und weniger von dem alten Material. Wieviel haben wir jetzt von den frühen Sachen im Set? Drei oder vier und das ist wirklich genug bei zehn, zwölf Songs im Set. Aber auch wenn wir eineinhalb Stunden Zeit hätten, würden wir nicht mehr von dem alten Material spielen.

G.D.: Als wir mit ASIA anfingen hatten wir Schwierigkeiten ein komplettes Konzert zu bestreiten. So spielten wir Sachen von ELP und YES. Wir hatten ausufernde Solopassagen von Carl Palmer, aber das haben wir heute nicht mehr nötig. Wir spielen Songs von jedem unserer Alben und das muss genügen.

HOM: Trotzdem war es für mich eine angenehme Überraschung eine Setlist der UK-Tour in die Finger zu bekommen und zu sehen, dass ihr so viel aktuelles Material spielt. Man kann nicht immer in der Vergangenheit verweilen.

J.P.: Und das Publikum hat es zum Glück angenommen. Ich gebe dir vollkommen recht, daß man sonst zu seiner eigenen Coverband wird...

HOM: ...außerdem muss es doch auch für euch als Künstler depremierend sein, wenn ihr haufenweise starkes, aktuelles Material nicht live spielen könnt, weil das Publikum von euch den alten, langweiligen Kram erwartet.

G.D.: Richtig. Die Balance muss gewahrt bleiben. Wir sind stolz auf die Vergangenheit der Band, aber wir lassen uns von ihr nicht die Gegenwart und Zukunft diktieren.

HOM: Letzte Frage: Ihr erwähnt den FC Wimbledon in euren 'Special Thanks'. Wer von euch ist der Fußball-Fan?

J.P.: ...bricht in lautes Gelächter aus

G.D.: Das bin ich. Du interessierst dich auch für Fußball?

Die folgende Diskussion über unsere Lieblingsclubs, ihre Probleme mit den Großvereinen in der selben Stadt und die daraus resultierenden Rivalitäten hätten den Rahmen des Interviews gesprengt.

Danke für Eure Unterstützung / Thank you for your support: ASIA (Geoff Downes, Gowan Guthrie, John Payne, Chris Slade), Anita Schröder (MCC), Sir Harry (ARC Management), webmaster@www.asiaworld.org
Ohne Euch wäre dieses Interview nicht möglich gewesen.

Martin Schneider 31.03.2001

 

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