Axe

Serum

Stuttgart, Röhre, 07.06.2001


Konzertbericht

Reviewdatum: 07.06.2001

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Redakteur(e):

Martin Schneider


Stuttgart, Röhre, 07.06.2001 - Bilder: 03.06.2001, Pratteln / Schweiz, Z7Bildergalerie Axe
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Was für ein Armutszeugnis für Stuttgart. Gerade mal um die 50 Gäste versammelten sich in der Röhre um dieses Konzert zu besuchen.
Verständlicherweise gab es lange Gesichter in den Reihen der Bands und der Roadcrew, nachdem die Besucherzahlen auch in den vergangenen Tagen nicht sonderlich zufriedenstellend gewesen waren.

SERUM aus München waren um ihre Aufgabe als Anheizer wirklich nicht zu beneiden. Nicht nur, dass wohl kaum jemand mit dem Material ihres Debutalbums "See through my eyes" vertraut war, kam noch erschwerend hinzu, dass ihr progressiver Heavyrock nicht gerade die Art von Musik ist, die man ab dem zweiten Refrain unfallfrei mitpfeifen und -singen kann.

Trotzdem überzeugten SERUM und zogen das Publikum geschlossen auf ihre Seite. Sehr schnell wurde deutlich, dass hier fünf versierte Musiker auf der Bühne standen, die überhaupt keine Lust hatten, sich von den bescheidenen Rahmenbedingungen den Abend verderben zu lassen.
Zudem sind SERUM eine Band bei der trotz eindeutigem Bekenntnis zu progressiven Elementen, einschließlich der damit verbundenen Präsentation der individuellen technischen Fähigkeiten, immer noch der Song im Mittelpunkt steht. Bei SERUM wird nicht einfach um der Frickelei selbst willen drauf los gefrickelt, sondern weil es der Komposition gut zu Gesicht steht.

Ich bin sicher von dieser Band, die man stilistisch zwischen DREAM THEATER zu "Images and words"-Zeiten und TRIUMPH einordnen kann, wird noch viel Positives zu berichten sein. Das Publikum spendete jedenfalls mehr als nur den obligatorischen Höflichkeitsapplaus.

Bobby Barth hatte vor dem Auftritt noch gewitzelt, dass wenn nicht ein paar mehr Leute noch auftauchen, er nur zwei Gitarrensaiten aufziehen wird, um die restlichen zu schonen.
Nun, mehr Leute kamen zwar nicht, aber die Band ließ sich trotzdem nicht lumpen.

Schon der Opener The crown machte jedem Zweifler klar, dass AXE an dem Abend keine Gefangenen machen würden.
Die Band legte los als würden nicht 50 sondern 5.000 Leute vor der Bühne stehen. Die Spielfreude war wirklich beeindruckend.

Bob Harris, der 1996 im Zuge der Reunion Bobby Barth als Sänger ablöste, erwies sich live als ein ausgesprochen starker Performer. Irgendwie erinnerte er mich vom Stageacting her an Michael Sadler von SAGA vor 20 Jahren. Ständig war er in Bewegung, suchte Kontakt zum Publikum und den Mitmusikern und so ganz nebenbei sang er wie ein kleiner Gott. Nun, wer schon die Ehre hatte, in Frank Zappas Band mitwirken zu dürfen, der ist auch mit Sicherheit kein Stümper. Faszinierend ist, wie sehr seine Stimme der von Bobby Barth ähnelt. Mit Sicherheit war ich nicht der Einzige, der beim Anhören von "Five", dem AXE-Reunionalbum, erst relativ spät feststellte, dass hier ein neuer Sänger am Werke war.

Doch damit erschöpfte sich auch schon die Ähnlichkeit des aktuellen und des ehemaligen Sängers von AXE. In der Bühnenmitte der schmächtige, drahtige und agile Harris, rechts lag der Herrschaftsbereich des massigen, behäbig und gemütlich wirkenden Bobby Barth, Typ "Biker in Ehren gealtert".
Vom Gesang weitestgehend befreit, lediglich Heat in the street bellte Bobby aggressiv ins Mikro, konzentrierte sich der Kopf der Band auf sein Gitarrenspiel. Mit Neuzugang Danny Masters, einem Gitarristen in der Tradition eines Randy Rhoads, hatte er zudem noch einen hervorragenden Partner an seiner Seite. Die beiden ließen ihre Instrumente gewaltig krachen und sorgen dafür, dass AXE live einen ganzen Zacken rauer wie auf Platte klangen.

Optisch wirkte die Band zwar wie ein wahllos bunt zusammengewürfelter Haufen, doch musikalisch harmonierten die sechs Recken hervorragend. Schlagzeuger Christian Teele und Spencer Hall am Bass bildeten eine solide Rhythmussection, auf die jederzeit Verlass war.
Keyboarder Edgar Riley Jr., neben Bobby Barth letztes verbliebenes Gründungsmitglied der Band, ging dank des überraschend guten, nicht zu lauten Sounds in der Röhre musikalisch zwar nicht völlig unter, doch die erste Geige spielten ganz klar die Gitarren.

AXE boten eine mitreißende Show. Musikalisch lag der Schwerpunkt auf den beiden letzten Studioalben "The crown" und "Five", doch auch Fans der ersten vier Alben kamen nicht zu kurz. So wurde "Offering" mit Steal another fantasy, Burn the city down und Rock'n'Roll party in the streets ausgiebig gewürdigt, und ein Running the gauntlet hätte ich auch nicht unbedingt erwartet.

Torturous game, Where there's smoke (there's fire), Heroes and legends, Sting of the rain... Jeder Schuss ein Volltreffer. Selbst Songs, die auf CD etwas abfallen, wie beispielsweise Together we fly kamen live überraschend stark rüber.

Die Band ließ dem Publikum kaum Zeit zum verschnaufen. Die wenigen ruhigen Momente wurden so dramatisch und dynamisch inszeniert, dass ein gewisser Härtegrad nie unterschritten wurde. Genau so muss Melodic Rock live funktionieren, vor allem in einem kleinen Club!

Ein großartiges Konzert, das deutlich mehr Zuspruch verdient gehabt hätte. Band und Publikum geben jedoch alles und am Ende der Show sah ich ausschließlich zufriedene Gesichter.
Ich unterstelle auch einfach mal, dass die Band ihren Spaß an der Show hatte, denn anders kann ich mir nicht erklären, dass die Setlist mehrfach um- und vor allem ausgebaut wurde und den Musikern allenfalls als grobe Orientierung diente.

Bleibt zu hoffen, dass AXE sich von den Besucherzahlen nicht zu sehr frusten lassen und uns in Europa bald wieder besuchen. Dann will ich euch aber alle bei dieser erstklassigen Band vor der Bühne sehen!

Danke an Sebastian Eder (MTM), Christian (Tourmanager), SERUM & AXE.

Martin Schneider, 08.06.2001

Bilder: Markus Hagner, 03.06.2001

 

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