The Hellacopters

The Turbo A.C.'s
The Doits

Berlin, Fritz Club, 05.10.2005


Konzertbericht

Reviewdatum: 05.10.2005

Links:


Redakteur(e):

Ralf Stierlen

Peter Tenzler


Berlin, Fritz Club, 05.10.2005

Im nunmehr vom Radiosender Fritz zur Durchführung von Konzerten und sonstigen Veranstaltungen des Fritz Clubs in Beschlag genommenen Postbahnhof, in direkter Nachbarschaft zum Berliner Ostbahnhof (dem früheren Hauptbahnhof) gab es zur Vertreibung herbstlicher Gedanken ein Package mit drei furiosen Livebands aus dem Bereich "Hart, Direkt und Schnörkellos oder was man aus Punkrock alles machen kann". Den Anfang machten dabei THE DOITS.

The Doits The Doits

Die Stockholmer Band um die Gebrüder Sagesen stand sogar schon vor dem offiziellen Beginn um 21.00 Uhr auf der Bühne, um ihren souligen Punk'n'Roll und Retro Rock abzufeuern. Leider verpasste somit ein Großteil der Zuschauer, die sich wahrscheinlich ohnehin auf die Hauptband eingepolt hatten und sowieso schon später anrückten, die meiner Ansicht nach beste Band des Abends. Denn live legen THE DOITS zu ihrem durchaus gelungenen Album noch ein paar Bricketts nach, Altay Sagesen hat neben einer sich unaufdringlich festsetzenden Stimme auch eine sympathisch-bescheidene Ausstrahlung, die Rhythmusgruppe um Tore Hakorinne und David Sagesen läuft richtig gut geölt und Anders Göransson ist wirklich ein famoser Gitarrist - ökonomisch, effizient und von technisch unbestrittener Klasse. Da will man zukünftig gerne mehr hören, als knappe 30 Minuten, was außer am dichten Zeitplan auch am noch überschaubaren Repertoire der Band lag. Jedenfalls machen diese Jungs unheimlich Spass und setzen ihre Songs zielgerichtet in Ohr und Herz der Hörer.

The Turbo ACs The Turbo ACs

Als nächstes dann die Grease-Punk-Veteranen der TURBO A.C.'s. Das Trio aus New York schafft es doch schon seit mehr als 10 Jahren, die Musik von Dick Dale, SOCIAL DISTORTION und MOTÖRHEAD unter einen Hut zu bringen. Dazu hat man natürlich auch die notwendigen Posen und Showeinlagen drauf, Tattoos und Haargel nicht zu knapp und wohlplatziert, Bass in Höhe der Kniekehlen bei Mike Dolan, Gitarre in waghalsiger Schräglage bei Kevin Dole und an den Drums mit Kevin Prunty ein regelrechtes Rock-Tier. Auf die Dauer finde ich den Sound zwar etwas eintönig, aber sie haben ihre Lücke gefunden, ihren Trademark gesetzt und werden vom immer zahlreicher werdenden Publikum auch begeistert für ihren gut dreiviertelstündigen Auftritt gefeiert.

The Hellacopters The Hellacopters

Schließlich ist der Fritz Club richtig gut gefüllt und nach einer erfreulich überschaubaren Umbaupause entern die Headliner THE HELLACOPTERS die Bühne. Nicke Royale alias Andersson, wie meist mit neckischem Hütchen, hat alles schnell recht gut im Griff und gibt den Oberposer-Rock-Entertainer. Die Setlist ist zunächst dominiert von Stücken des aktuellen Albums "Rock'n'Roll Is Dead", das doch einige Fragen bezüglich der Protagonisten aufwarf: Formkrise, Lustlosigkeit oder was? Zwar wirkten die HELLACOPTERS zuletzt im Studio noch nicht tot, rochen aber schon ziemlich komisch, um ein altes Zappa-Zitat mal etwas abzuwandeln.
Aber live ist dann doch noch Hoffnung: Selbst das etwas sehr MTVIVA-kompatible Everything Is On TV kam ganz manierlich herüber, die etwas prollige Rock-Punk-Roll-Maschine lief weitgehend ohne zu Stottern, gelegentliche Ausflüge (auch optisch) in die Welt der Siebziger-Jahre-Bands mit Double-Lead-Gitarre inbegriffen.

The Hellacopters The Hellacopters

Klasse auch hier der Mann an der zweiten Gitarre, Robert Dahlquist und natürlich der den Sound erst so richtig rund machende Boba Fett an der Orgel. Kenny Hakansson, zusammen mit Nicke Royale Initiator und Gründer der Band, überrascht mit eher dem Reggae zuzuordnender Frisur und solidem Bassspiel. Die Show wirkt teilweise schon ziemlich routiniert, aber den Leuten gefallen die Musterbeispiele aus dem Lexikon der gängigsten Rockposen spürbar.
Im zweiten Teil des Sets gibt es dann, spürbar frenetischer bejubelt, die älteren Stücke wie Like No Other Man, Soulseller, Down On Freestreet oder By The Grace Of God. In Anbetracht der Tatsache, dass die erste Generation des skandinavischen Rocks ein wenig am Bröckeln ist, bedenkt man, dass GLUECIFER sich aufgelöst haben und die BACKYARD BABIES oder auch TURBONEGRO zuletzt nicht unbedingt überzeugten, auf der anderen Seite junge Wilde wie MANDO DIAO oder SUGARPLUM FAIRY das Zepter zu übernehmen gewillt sind, schlagen sich die HELLACOPTERS live immer noch mehr als beachtlich. Wohl wissend, dass ihre musikhistorische Bedeutung ohnehin darin lag, den Stein für die skandinavische Rockinvasion ins Rollen gebracht zu haben, als für musikalische Innovationen zu stehen, geriert man sich folgerichtig als Bewahrer dieses Erbes und trachtet nach nichts anderem, als den Leuten auf ihren Konzerten einfach eine gute Zeit zu bereiten.

The Hellacopters

Die Karawane der Hipness im Musikgeschäft zieht weiter, sie hat sich ohnehin nie allzu lange in Rockgefilden aufgehalten, sondern ist eher dem Pop verfallen und hat mittlerweile entdeckt, dass es noch andere Länder in Skandinavien gibt. Will sagen, Dänemark, Finnland sowieso und auch Island rücken zusehends mehr in den Fokus der Medien und somit der Öffentlichkeit, Bands wie die HELLACOPTERS sind mittlerweile sicherlich nicht mehr so angesagt, schaffen es aber auf der Bühne durchaus noch, den Beweis anzutreten, dass der Rock noch nicht tot ist, sondern weiter seine Daseinsberechtigung auch für ein größeres Publikum hat. Und das ist sicherlich die wichtigste Botschaft dieses Abends, die auch Bands wie zum Beispiel den DOITS für die Zukunft Mut machen wird.

CD-Review - BEYOND THE BLACK - Heart Of The Hurricane - Black Edition

CD-Review - POSSESSED - Revelations Of Oblivion

CD-Review - JUDAS PRIEST - Firepower

CD-Review - US RAILS - We Have All Been Here Before

 


Konzerttipps:

 

(C) 2008 - 2019 by Hooked on Music