Isis

Oxbow

Berlin, Postbahnhof, 13.06.2007


Konzertbericht

Reviewdatum: 13.06.2007

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Redakteur(e):

Ralf Stierlen


Berlin, Postbahnhof, 13.06.2007

Ein beachtlicher Brocken stand in musikalischer Hinsicht im Postbahnhof auf dem Programm, sind doch sowohl OXBOW aus San Francisco als auch die in Los Angeles ansässigen ISIS, sofern man überhaupt derartige Kategorisierungen vornehmen will, am ehesten dem Post Hardcore und Doom Metal zuzuordnen. Also etwas für die Freunde gepflegter brachialer Düsternis der Marke NEUROSIS oder CULT OF LUNA. Und beim Stichwort "beachtlicher Brocken" kommt man auch recht schnell und zwanglos zu Frontmann Eugene Robinson von OXBOW, dessen Bühnenperformance sicherlich regelmäßig von den Dabeigewesenen nicht so schnell vergessen wird.

Denn der muskelbepackte Schrank am Mikro legt zu den schweren, sich dahinschleppenden Grooves der sägenden, bohrenden und alles platt walzenden Gitarren von Niko Wenner und Greg Davis einen Mischmasch aus Schreien, Brüllen, Winseln und Röcheln hin, das teilweise erstaunt, abschreckt und doch wieder fasziniert und in jedem Falle niemanden kalt lässt. Robinson wirkt dabei richtiggehend weggetreten, wie in Trance, entledigt sich rasch seiner Textilien in Form von Hemd und Hose und legt eine Version von "Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann" hin, die eher FSK 18 ist. Jedenfalls erstaunt es nicht, dass man beim Googeln mit "Oxbow" und "Eugene Robinson" sehr schnell auf den Begriff ""penisfixiert" stößt. Ich bin mir jedenfalls nicht so ganz sicher, ob das alles nur Schweiß und Spucke ist, die da reichlich auf der Bühne fließen, so oft wie er sich an sein Gemächt packt oder das Mikro in seine Unterhose stopft.

Oxbow Oxbow

Oxbow Oxbow

Sex ist ohne Zweifel ein recht zentrales Thema bei OXBOW, genauso illustriert die Musik aber auch Verzweifeltheit, Wut, Zerrissenheit, Schmerz und Trauer, was allerdings angesichts der handfesten Körperlichkeit von Robinson fast etwas in den Hintergrund gerät. Der spröde und noisige Blues, den OXBOW auf die Bretter legen ist jedenfalls gleichermaßen anziehend wie verstörend, reißt er doch kratergroße Wunden auf, um bis auf den innersten Kern vorzudringen. Die durchgeknallte Show von Robinson dazu ist Geschmackssache, aber immerhin, die Leute reden darüber.

Oxbow Oxbow

Oxbow Oxbow

Optisch durchaus gesitteter ging es dann bei ISIS zu. Aaron Harris an den Drums legte die präzisen, stahlkalten Beats, über den sich wuchtige Gitarrenlandschaften erhoben und in manchmal zähem, lavaartigem Fluss, aber dann auch wieder mit chirurgischer Präzision die Luft schneidend, abstrakte Klangskulpturen mit den Ausmaßen von Meteoriten erschufen. Vorwiegend instrumental (der Gesang von Aaron Turner war ohnehin ziemlich nach hinten gemischt) wird die Schneise zwischen Postrock und Metal geschlagen, die Balance gehalten zwischen zarter Zerbrechlichkeit und roher Energie. Dabei wirkt der Sludgecore von ISIS organisch, die Soundeffekte fügen sich nahtlos ein und wirken nie aufgesetzt. Ohnehin sind Showelemente oder Äußerlichkeiten nicht die Sache der Band, was so weit geht, dass eine Kommunikation mit dem Publikum auf verbaler Ebene praktisch nicht stattfindet. Man konzentriert sich völlig auf das Wesentliche, und das ist nun mal die Musik.

Isis Isis

Isis Isis

Der Sound ist nicht so glasklar wie auf Konserve, was allerdings überhaupt nicht stört, sondern im Gegenteil den Doom-Charakter verstärkt und die mitunter etwas architektonisch strukturiert wirkende Musik erdet. Jedenfalls kommt zu keiner Zeit betuliche Postrock-Behäbigkeit auf, es bollert und rockt angemessen, so dass die mittlerweile sehr stattliche Anzahl von Zuschauern aus dem Kopfnicken zu der hypnotisch wirkenden, nur von der, allerdings recht stimmigen, Lasershow optisch angereicherten Performance nicht mehr herauskommt. Packend und den Bauch bedienend, aber dennoch mit Tiefe und Substanz sind die langen Songs mit zumeist drei Gitarren quasi Art-Metal ohne die üblichen Klischees und Mätzchen sonstiger Hartmucke, der genreübergreifend immer mehr Anhänger findet. Viele Schubladen wurden hier in den letzten Jahren geöffnet, viele verschiedene Einflüsse aufgesogen und verarbeitet, man befruchtet sich gegenseitig und hat die harten Klänge auch für intellektuelles Klientel reizvoll gemacht, Bands wie TOOL, MASTODON oder eben NEUROSIS sei Dank. ISIS nimmt den Stab auf und führt dies weiter mit beeindruckender Konsequenz und Perfektion.

Isis Isis

Isis Isis

Ganz zum Schluss wird es dann doch etwas lebhafter auf der Bühne, als beim Zugabenteil nochmals Eugene Robinson die Bühne entert, der, (vermutlich nicht nur) vom Rotwein in Stimmung gebracht, aber immer noch in seinem knappen Bühnenoutfit ein wenig herumeiert und mehr oder weniger passend in das Mikro krächzt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich später nicht mehr sehr detailliert an diese Einlage wird erinnern können. Gegen Mitternacht endet dann mit relativ nüchternen Worten ("Das war es, wir sind durch") das Konzert und es geht zurück aus dem Tal der Sonnenfinsternis in die schnöde Wirklichkeit des Alltags.

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