Brian Tarquin

Fretworx


CD-Review

Reviewdatum: 25.02.2009
Jahr: 2008
Stil: Workbook: E-Guitar for Professionals

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Brian Tarquin Homepage



Redakteur(e):

Christian Gerecht


Brian Tarquin
Fretworx, NuGroove, 2008
Brian TarquinGuitars
Ingram/Sheehan/Coven/BrownBass
Ingram/Rolie/MiddletonKeyboards/Piano/Fender Rhodes
Morrow/Pryor/Macaluso/Turkisher/ShrieveDrums
Pryor/Darken/Areas/CarabelloPercussion
Gast-Gitarristen siehe Review
Produziert von: Brian Tarquin Länge: 79 Min 18 Sek Medium: CD
01. Blue Wind10. Aphrodite
02. Spanish Harlem11. Jungle Room Boogie
03. Towers12. Tears
04. Constantinople13. Yorkville
05. 86th Street14. Westside Highway
06. Solidarity15. Triumphant We Stand
07. Dionysus16. Funk Me Tender [Bonus]
08. Manhattan17. Jam In E [Bonus]
09. Black Rose18. Homeward Strut [Bonus]

Mit BRIAN TARQUINs "Fretworx" liegt eine Scheibe vor, die alle ambitionierten Gitarreros und die die es werden wollen, aufhorchen lassen sollte. TARQUIN, ohnehin ein Flitzefinger vor dem Herrn, hat sich für dieses Projekt Verstärkung in Form aller noch lebenden Gitarren-Technokraten geholt und so liest sich die Teilnehmerliste wie das Who's Who der 6-Saiter Fraktion:
Doug Doppler - Take 01
Frank Gembale - Take 02
Steve Morse - Take 03
Will Ray - Take 04
Andy Timmons - Take 08
Hal Lindes - Take 10
Rob Balducci - Take 12
Chuck Loeb - Take 13
James Ryan - Take 14
Steve Booke - Take 15
Steve Vai - Take 16
Carlos Santana - Take 17
Neil Schon - Take 17
Auffallend ist die Anzahl der Jazzer und, man glaubt es kaum, TARQUIN hat sich nicht gescheut, post mortem sogar TOMMY BOLIN (Take 18) in den Kreis seiner Erlauchten aufzunehmen und lässt ihn in dessen Homeward Strut emsig solieren. Der aufmerksame Leser merkt es schon: Zwischen den Zeilen des Rezensenten fließt ein honigzäher Strom an Sarkasmus. Bitte erstmal nicht missverstehen! "Fretworx" ist, wie eingangs erwähnt, für den ambitionierten Gitarristen eine durchgängig gute, vermutlich sogar außergewöhnlich gute Scheibe.
Aber genau da liegt auch die Krux an der ganzen Geschichte. Hier wird soliert und gefrickelt, gefrickelt und soliert bis die Schwarte kracht. Beseelt sind nur wenige der, mit 18 Titeln und 79 Minuten, rammelvollen CD! Ich will damit nicht mangelnden Groove beklagen. Nein, jedem Flitzefinger-Solo wird ein passendes Fundament unter die sechs Saiten gelegt; es fehlt bei vielen Nummern, und seien sie noch so aufwändig arrangiert, schlichtweg das "Leben". Nun mag manch einer den Finger heben und darauf hinweisen, dass ein Instrumental-Lehrstück für den fortgeschrittenen Gitarristen natürlich nicht so "soulful" 'rüber kommen kann, als wenn Gillan, Dio und Adams im Chor sängen. Im Prinzip ist das schon richtig, aber dann muss man auch an Bands wie GRATEFUL DEAD oder GOVT MULE denken, die in viertelstunden langen Jams jede Menge "Soul" hinein interpretierten ohne das auch nur eine Silbe gesungen wurde.

Kurzum: Nach zwei eher aufdringlich wirkenden "Nur-Solo-Tracks", liegt es an Steve Morse, mit Towers einen ersten Song zu interpretieren, bei dem man die Seele wirklich mal fliegen lassen kann.
Genauso gut wird es bei Black Rose in das TARQUIN selbst jede Menge Feeling legt. Eine der Nummern, wie ich sie weiter oben unter den DEADs oder Maultieren angesprochen habe.
Auch das kurze Tears ist ein Nümmerchen, das nicht nur die Gitarren in den Vordergrund stellt. Natürlich wird auch hier (in kleineren Anteilen) snobistisch soliert, aber dennoch bleibt das in einem Rahmen, der dem Song noch gut tut und auch für einen Nicht-Gitarristen hörbar macht.
Davor und dazwischen wird aber "gefunkt" und "geshuffelt", gefrickelt und vor- und rückwärts soliert bis der Hörer das Handtuch wirft. Teilweise ist das, für die Protagonisten vermutlich unverständlich, wirklich anstrengend!
Zum Glück wird die Scheibe aber auch wieder versöhnlicher: Mit Triumphant We Stand lassen sich Brooks und TARQUIN ein klein bisschen den DAVID GILMOUR 'raus hängen und interpretieren ein wirklich erstklassiges Instrumental, bei dem der Hörer schon innerhalb der ersten 30 Sekunden zu fliegen beginnt. Natürlich waren bzw. sind GILMOURs Soli nie so aufdringlich, wie das TARQUIN zu Eigen ist, aber insgesamt macht diese Nummer nach Black Rose noch am meisten Laune.

Schnitt! -Leider! Die Bonus Nummer Funk Me Tender, in der Steve Vai und Randy Coven ihren Auftritt haben, hinterlässt beim Schreiber wieder ein langes Gesicht. Nee Leute, sorry, aber das muss ich nicht verstehen, oder?! Der Song ist mir zu akademisch und zu gekünstelt. Zapp und weg!
Gottlob ist der lange Jam In E dagegen wieder ganz gut anzuhören. Ob's an SANTANA oder Greg Rolie's wirrer Hammond liegt...?! Jedenfalls ist das eine Nummer, die auch dann ankommt, wenn man nicht Gitarre studiert hat...!
Den Ausklang der Scheibe bildet TOMMY BOLINs Homeward Strut für den TARQUIN offensichtlich auf die Original-Tapes zurück gegriffen hat. BOLINs angefuzzter Strut macht nochmal richtig Laune, zeigt aber auch deutlich auf, wie erstklassig und kurzweilig gutes Gitarrenspiel sein kann!

Was bleibt?! Unter dem Strich kann man diese Scheibe jedem empfehlen, der von überwiegend frickelig-komplizierten über ein paar gut-bürgerliche, bis hin zu wirklich schönen Gitarrensoli nicht genug bekommen kann. Des weiteren darf man sie, frei von des Rezensenten üblichen Sarkasmus, wirklich als Lehrstück für die jetzige und die kommende Gitarristen-Generation werten.
Wer jedoch Musik sucht, die das Herz berührt, die Emotionen (abseits von Aggressionsschüben gegenüber zu viel Gefrickel) weckt und den Hörer mit auf eine imaginäre Reise nimmt, der wird hier, mit Ausnahme der wenigen, explizit angesprochenen Titel, nicht fündig werden.

So bleibt als eine überaus positive Nachricht, dass Teile der Einkünfte dieses Albums den "Friends of Firefighters" (www.friendsoffirefighters.org) zukommen werden. Davor ziehe dann wohl nicht nur ich den Hut!

Christian "Grisu" Gerecht, 24.02.2009

 

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