Dickey Betts

The Collectors # 1


CD-Review

Reviewdatum: 05.10.2002
Jahr: 2002

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Redakteur(e):

Andree Mitzner


Dickey Betts
The Collectors #1, Eigenvertrieb, 2002
Dickey Betts Nylon Gut String Guitar, Steel String, Acoustic Slide
"Dangerous" Dan Toler Steel String Acoustic Guitar
Matt Zeiner Backing Vocals
Kris Jensen Tenor Sax, Alto Sax, Flute
Bro. Dave Stolz Bass
Frankie Lombardi Percussion, Backing Vocals
Mark Greenberg Drums, Percussion
Gäste:
Dave Liles Guitar
Lenny Ski Fiddle
T.C. Carr Harp
Länge: 60 Min 34 Sek Medium: CD
1. Beyond the Pale6. Change My Way Of Livin' #2
2. Georgia On A Fast Train7. The Preacher
3. One Stop Bebop #28. Seven Turns #3
4. Tangled Up in Blue9. Willy and Po' Bob
5. Steady Rollin' Man

Seit dem Split der ALLMAN BROTHERS BAND hat Dickey Betts einen bemerkenswerten Kreativschub erfahren, sich musikalisch mehr auf jazzigeres Terrain mit Jam-Feeling begeben. Insbesondere die Hinzunahme eines Saxophonspielers haben ihm manche übel genommen.
Nachdem er zusammen mit Mark May zunächst die Dickey Betts Band neu auf die Beine stellte, hat er sich jetzt wieder mit "Dangerous" Dan Toler (warum der immer etwas linkisch wirkende Typ gefährlich sein soll, hat mir nie eingeleuchtet) aus alten (leider nicht den besten) Zeiten zusammen getan und flugs GREAT SOUTHERN reformiert. Der Rest der Band blieb identisch.
Da die Majors nicht mehr Schlange stehen, ist seit dem Frühjahr eine live und unplugged eingespielte CD als "Sammlerstück" nur im Eigenvertrieb bei den Konzerten oder über die Homepage zu erwerben. An einem größeren Absatz scheint man dabei nicht interessiert zu sein, denn einschlägig bekannten Mailordern hierzulande gelang es bisher nicht, einen Deal zu schließen. Blieb also nur die Einzelbestellung zum Stückpreis von $ 20 (mittlerweile um $ 5 reduziert).
Dazu kamen noch mal $ 9 Versandkosten und schon war die Scheibe meine persönliche Nummer 1 - im Preis. Ist ja auch ein Sammlerstück. Die Spannung wurde dann noch mal (dramaturgisch geschickt) durch eine Lieferzeit von fast 8 Wochen erhöht.

Eines vorweg: Dickey Betts exploriert hier weiter neues Terrain, das schon immer mal wieder bei ihm anklang, vor allem Jazz, Swing, Country. Der klassische Southern Rock kommt hier nicht vor. Die Produktion fängt den Charakter einer live spielenden (Big-)Band ein, der Klang ist gut.
Der Opener Beyond the Pale hat mit Southern- oder anderem Rock rein gar nichts zu tun. Das ist... nun ja... Celtic Folk, vielleicht. Hier entfaltet sich das Stimmungsbild eines Sonnenaufgangs im irischen Nebel. Nun, nicht schlecht, aber doch nicht ganz das, was ich erwartet habe. Nach mehrmaligen Hören möchte ich dieses Instrumentalstück nicht mehr missen. Ein Ohrwurm, der durch wunderschönes melodiöses Gitarrenspiel von Dickey veredelt wird. Genau das richtige, wenn man morgens schon Musik hören muss, aber aufgrund der Dröhnung vom Abend zuvor elektrische Riffs noch als körperliche Bedrohung erlebt werden.

Georgia on a fast train ist ursprünglich eine Nummer von Billy Joe Shaver. Hier entfaltet die Band im Hintergrund Big Band Western Swing der 40er oder 50er Jahre, und Dickey Betts und Dan Toler legen darüber ihre Soli im Country Pickin' Stil, der sehr an "Highway Call" erinnert. Hier werden weniger Bilder von verstaubten Highways und Jack Daniels evoziert, die Stimmung ist nicht bluesig, low down dirty mean, vielmehr tauchen herrschaftliche Anwesen am Mississippi auf, der Raddampfer zieht vorbei, alles ist freundlich, entspannt, mellow, Zeit für Southern Comfort.
One Stop Bebop ist mein Lieblingssong der "Let's all get together" CD. Aber unplugged? Das kommt besser als erwartet, hier steht der Jazz noch mehr im Vordergrund, das groovt und swingt, entspannter als die elektrische Version.
Tangled Up In Blue - schönes Remake der Dylan-Nummer. Harp und Gitarre dominieren, man lässt sich Zeit, die Dinge zu entfalten. Dickey nähert sich gesanglich etwas an Dylan an, die Gitarre aber ist Dickey Betts pur: lyrisch, etwas melancholisch, aber im Grunde heiter.
Steady Rollin' Man - purer Country Blues, nur Akustikgitarren und Harp. Stört nicht, aber ist letztlich nichts, was nicht auch andere ebenso könnten.

Change my way of livin' kam auf der letzten ABB Studio-Scheibe (ja, das ist doch tatsächlich schon 8 Jahre her!) noch als bluesiger Rocker daher, jetzt kaum wiederzuerkennen als gaaanz laaangsame Slow Blues Nummer, in der Dickey seinen ganzen Schmerz auch stimmlich rüberbringt. Und damit man so richtig hypnotisch ein- und abtauchen kann in den Blueskelller, lässt er uns dafür auch über 13 Minuten Zeit.
The Preacher ist dann wieder eine Country-Swinggeschichte, ursprünglich vom Jazzpianisten Horace Silver aus den 40er Jahren, ähnlich Georgia on an fast train, aber rein instrumental. Neben den Gitarren haben hier auch Fiddle und Saxophon viel Platz, sich solistisch auszubreiten.
Seven Turns ist wahrscheinlich die einzige Betts Nummer, die mir schon immer auf die Nerven gegangen ist. Ich bekomme dann so Assoziationen von KARAT und Peter M. und sieben Brücken und Feuerzeugen, und alles wird gut. Umso ärgerlicher, dass das Ding ständig überall auftaucht. Aber diese Version ist die einzige, bei der ich nicht umständlich die Skiptaste suchen muss. Wahrscheinlich deshalb, weil es eine Nummer ist, die viel besser akustisch rüberkommt und im Grunde im elektrischen Gewand fehl am Platze ist. Wenngleich die Blockflöte hier doch ein wenig zu sehr Erinnerungen an Jugendgruppenfreizeiten mit sozialpädagogischer Betreuung aufkommen lässt. Damals haben wir dann aber immer gesungen: "the answer, my friend, is blowin' in the wind".
Willy and Po' Bob bildet den Abschluss. Wieder instrumental, nur Akustik-Gitarren und Harp. Klingt wie eine improvisierte, von Robert Johnson inspirierte Nummer.

Fazit: Die musikalische Richtung und die Modalitäten des Erwerbs machen diese CD wohl tatsächlich nur zu einem echten Sammlerstück für Liebhaber. Die aber dürfen sich freuen, denn hier kommen Spielfreude und neues musikalisches Terrain eines Ausnahmegitarristen und seiner Band entspannt rüber. Außerdem soll die Reihe fortgesetzt werden.

Andree Mitzner, 05.10.2002

 

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