Die Ärzte

Debil


LP-Review

Reviewdatum: 17.09.2019
Jahr: 2019
Stil: Deutsch-Pop
Spiellänge: 37:27
Produzent: Die Ärzte mit Stan Regal und Mattias Härtl

Links:

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Plattenfirma: Sony Music


Redakteur(e):

Epi Schmidt

Titel
Jungsseite:
01. Ärzte Thema (Instrumental)
02. Scheisstyp
03. Paul
04. Kamelralley
05. Frank‘n‘Stein
06. El Cattivo
07. Claudia hat ‘Schäferhund
 
Mädchenseite:
01. Mädchen
02. Mr. Sexpistols
03. Micha
04. Zu Spät
05. Roter Minirock
06. Schlaflied
Musiker Instrument
Farin Urlaub Gesang, Gitarre
Bela B Schlagzeug, Gesang
Sahnie Bass

Wir schreiben das Jahr 1982. Die Republik dümpelt, was deutschsprachige Popmusik angeht, immer noch im  Weichspülgang der 70er Jahre, Heck‘scher Hitparaden-Prägung dahin. Das Metall aus britischen Schmieden setzt dem teilweise ein gutes Gegengewicht, aber deutsche Zungen – von wenigen Revolutionären abgesehen – werden höchstens aus dem Punk-Rock-Millieu gehört. Das aber bewegt sich überwiegend im Independent-Bereich und kratzt Redaktionen bei Funk, Fernsehen und Presse kaum am Allerwertesten.

In Berlin war das immer schon etwas anders. Hier, der Sage nach, in der Diskothek “Ballhaus Spandau“ (den Club gibt‘s übrigens immer noch!), lernten sich die baldigen Chef-Mediziner Farin Urlaub und Bela B kennen und die gemeinsamen Punk-Wurzeln stifteten sie schnell zur gemeinsamen Band namens DIE ÄRZTE. Komplettiert wurde das Trio durch Sahnie (bürgerlich Hans Runge) am Bass. Zwei Jahre nach dem ersten Konzert (1982) entstand 1984 die erste LP. Eigentlich als EP geplant, aber die drei Musiker arbeiteten so schnell, dass in der geplanten Studiozeit ein komplettes Album aufgenommen wurde.

Inzwischen längst mit Kultstatus versehen, wurde “Debil“ nur wiederveröffentlicht. Auf schwerem 180 Gramm-Vinyl, im Original-Cover und mit Download-Code kann man sich am Erstlingswerk der Berliner jetzt noch einmal stilgerecht erfreuen. War ja lange Zeit nicht so, denn umgehend nach Erscheinen – also, drei Jahre nach der Erstveröffentlichung -  schaltete sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ein und setze das Album auf den Index. Solche Texte, wie in Claudia hat ‘Schäferhund und Schlaflied, das ging im bundesdeutschen Kohl-Land nun wirklich nicht. Wo kommen wir denn dahin?!

Nun, DIE ÄRZTE sind ziemlich weit gekommen, auch wenn man ihnen da anfangs ganz schön Steine in den Weg warf. Umso mehr ein Grund, sich an diesem Fun-Punk-Album zu freuen. Oder, wie es auf der Cover-Rückseite steht: “Heiße Musik für wilde Teenagerparties – Vol. 1“.

Los geht‘s mit dem Ärzte Thema, einem Instrumental, das an 50‘s Rock und Surf-Musik erinnert. Die weiße Gretsch-Gitarre von Farin Urlaub liefert dafür den perfekten Sound, während Felsenheimer (Bela B) und Runge (Sahnie) einen knochentrockenen, treibenden Rhythmus darunter legen. Und das Motto, der Musik für Teenagerfeten, wird dann auch gnadenlos durchgezogen. Jeder Song lädt zum Pogo, oder was auch immer, auf die Tanzfläche ein.

Der Bo Diddley-Beat von Scheisstyp ebenso, wie die fröhliche Mitsing-Nummer Paul und selbst das Pseudo-Liebeslied Kamelralley. Hier zeigt sich bereits eines der unschlagbaren ÄRZTE-Elemente, nämlich, noch die romantischste Nummer mittels einer plötzlich Kehrtwendung, oder ein paar eingestreuten Worten zu ruinieren und dem Mainstream ein Schnippchen zu schlagen. Für mich haben sie diese Fähigkeit später mal verloren, aber auf dem Debüt springt sie einem noch aus fast jedem Song entgegen.

Oder man nimmt erst gar kein Blatt vor den Mund und wird gleich richtig deutlich. Wie in El Cattivo und im Skandallied Claudia hat ‘nen Schäferhund.  Mit diesem Song endet die “Jungsseite“ betitelte A-Seite der LP und wird nach dem 180-Grad-Schwenk von der “Mädchenseite“ fortgesetzt.

Hier finden sich mit Mädchen, Zu Spät und Roter Minirock mindestens drei ÄRZTE-Klassiker bis auf den heutigen Tag. Daneben mach der flotte Rockabilly sowohl musikalisch wie textlich richtig Spaß. Zu Spät ist sicher eines der wenigen deutschsprachigen Songs aus der damaligen Deutschwellenzeit, die man auch heute noch hören kann, ohne schmerzerfüllt die Mundwinkel zu verziehen. Später zwar mit deutlich höherer Schlagzahl gespielt, aber auch in dieser Ursprungsfassung einfach ein Klassiker. Ja, Schlaflied, am Schluss, ist teilweise schon etwas eklig, aber der typische ÄRZTE-Humor überstrahlt das letztlich und so ist dieses Debüt auch heute noch jede Rezeptgebühr wert.

 

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