Erfurt, Nordstrand, 14.-15.07.2006

Also, um das erst einmal vorab zu klären: wer das perfekte Open Air Festival sucht, der kann seine Suche als beendet ansehen, denn hier ist es. Ok, man muss natürlich auf reichlich Gitarren und Mucke der härteren Machart stehen, aber das setze ich einmal beim werten Leser voraus, der sich in diesen Bericht verirrt hat. Ansonsten bekommt man alles geboten, was das Herz begehrt, aber in einer derartig vollkommenen Anhäufung gar nicht zu hoffen gewagt hat: ein traumhafte Location (ein Grasbewachsener Hügel direkt neben einem Campingplatz und vor allem direkt neben einem See), eine perfekte Organisation mit ausnahmslos netten und entspannten Leuten, ein ebensolches Publikum, kein Gedränge oder Geschubse und nicht der leiseste Anflug von Stress, auch wenn das Bühnenzelt mal voller wurde, faire Preise und unkompliziertes Handling beim Catering (weder Bons noch "Munten" oder sonstiger Blödsinn, sondern Ware für Cash) und natürlich eine edle Auswahl, die zwar bei der breiten Masse nicht so bekannt sein dürften, aber jedem Stonerfan das Wasser im Munde zusammen laufen ließen.

Dazu kam natürlich, die Veranstalter hatten es sich auch redlich verdient, regelrechtes Kaiserwetter, man konnte auf dem schon besagten Campingplatz derart nahe am Festivalgelände übernachten, dass jeder, egal in welch bemitleidenswertem Zustand er sich zu vorgerückter Stunde befunden haben mag, notfalls auf allen Vieren sein Zelt erreichen konnte, dazu ausreichend kostenlose Parkplätze in der Nähe, also einfach alles allerbestens .

Buckweedz Den Anfang machten am späten Freitagnachmittag die BUCKWEEDZ mit einer recht lebendigen Testosteron-Rock-Variante mit Rock'N'Roll-Feeling und Stonerausflügen. Nachdem man den Sound im Griff hatte, klang das recht frisch und knackig aus den Boxen, Sänger André wusste nicht nur durch intensives Stageacting, sondern auch eine überraschend massive Rockröhre zu überzeugen und die beiden Gitarristen Ebi und Max sorgten für die nötigen Farbtupfer. Kurzum: der ideale Act zum Warmwerden.

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Buckweedz im Hooked on Music

Mother Misery

Anschließend sprangen die kurzfristig noch ins Programm genommenen MOTHER MISERY auf die Bühne. Leichtes Bedauern meinerseits, da deshalb MOJO JAZZ MOB vom Festival-Line-Up in die Aftershowparty rutschte. Aber die Schweden haben natürlich auch ihren Unterhaltungswert und lieferten eine traditionelle Biker-Stoner-Rock-Show nach Art der neueren MONSTER MAGNET ab. Dazu ist Sänger und Gitarrist John Hermansen, im Nebenjob auch noch bei THE AWESOME MACHINE tätig, ein witziger Frontmann ("wir müssen noch mal Nachstimmen.na ja, das sagen wir halt so.tatsächlich können wir einfach nicht spielen") und ein ausdauerndes Partytier. Seine unaufhörlich geäußerte Ankündigung, nach dem Gig mit den Fans reichlich Bier konsumieren zu wollen, wurde selbstredend in die Tat umgesetzt.

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Mother Misery im Hooked on Music

Rotor

Einen ersten richtigen Höhepunkt setzten dann die Berliner Groove-Stoner von ROTOR mit ihren interlligenten und vielschichtigen Instrumentals. Auf der Grundlage von Drummer Milans Beat, der mal stoisch rockend mit enormer Energie, dann wieder geradezu Leichtfüßig verspielt daherkommt, spinnt Marco unglaublich treibende Bassfiguren, zwischen Monsterriffs und nahezu jazzigen Ausflügen. Und darüber setzt Tim mit der Gitarre seine Sahnehäubchen, straight oder wie verquirlt, immer wieder neu ansetzend, Schicht auf Schicht türmend, zu einer mitreißenden, ungeheuer dichten und intensiven Verbindung von Kopf und Bauch. Gewissermaßen eine open-minded-Version von KARMA TO BURN. Die Leute im gut gefüllten Zelt (so war man im Schatten ein wenig geschützt, und dennoch kam ein erfrischendes Lüftchen von der Seite) gingen zurecht so richtig ab und ließen ROTOR erst nach einer ausgiebigen Zugabe von der Bühne.

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Rotor im Hooked on Music

Truckfighters

Und der nächste Höhepunkt folgte zugleich: die schwedischen TRUCKFIGHTERS mit ihrem herzlichen Dampframmenstoner. Ein richtiges Paket voller Power, Energie und garantierter guter Laune. Natürlich Paco, Dango, Ozo und Fredo (echt schwedische Namen, nicht wahr?) nicht gerade subtil in der Wahl der Waffen, aber dafür gibt es fetten Fuzz-Stoner, der sofort mitreißt und ins Ohr geht, mit einer Performance, bei der kein Auge trocken bleibt. Von der Bühnenpräsenz wahrscheinlich sogar das Beste, was an beiden Tagen in Erfurt lief. Am Ende wollte man sie jedenfalls kaum gehen lassen, das Festival war endgültig auf Siedetemperatur angelangt, obwohl es schon langsam dunkler und damit auch etwas kühler wurde (muss an der Nähe zum See liegen - in jedem Falle sollte man immer, so warm es tagsüber auch ist, für den Abend was zum Drüberziehen dabei haben).

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Truckfighters im Hooked on Music

Colour Haze

Gewissermaßen so etwas wie die graue Eminenz des deutschen Psychostoner sind COLOUR HAZE (oder klingt das jetzt zu despektierlich?), schließlich ist das Münchner Trio schon seit 1994 unterwegs. Über den Teppich von Drummer Manfred Merwald und Bassist Philipp Rasthofer legt Stefan Koglek, nebenher ja auch mit dem Eletrohasch-Label im Dienste des lebendigen Untergrunds, seine ausgedehnten Gitarrenspuren, die zwischen doomigen Riffs, psychedelischen Ausuferungen und jazzähnlichen Jamparts liegen. Der Gesang spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle, ist vielmehr eine zusätzliche Klangfarbe. Die teilweise ultralangen Stücke nehmen tranceähnlich Züge an, mir persönlich ist die Gitarre bei COLOUR HAZE fast etwas zu laut, zu offensichtlich angreifend, obwohl ich derartige Musik eigentlich mag, nur dürfte es da manchmal etwas subtiler sein. Die neueren Stücke scheinen tatsächlich auch in diese Richtung zu gehen, etwas offener, auch subtiler zu werden. Unheimlich gut an kam natürlich der zusätzlich Akustik-Jam, den COLOUR HAZE nach Torschluss auf der Festivalwiese zelebrierten. Irgendwie hatte ich keine rechte Lust auf die Aftershowparty in der nahe gelegenen Diskothek Spot, obwohl der Clash der Kulturen (hier das Discovolk der Schaumparty, dort die ledergewandeten, staubigen Stonerfreaks) durchaus viel versprechend erschien. Aber sich dafür in einen vermutlich engen, heißen Raum zu quetschen, um irgendwann die MIDNIGHT RUNNERS, die ohnehin eher punklastigen THE SHOCKER oder MOJO JAZZ MOB zu hören, wollte ich mir denn doch lieber knicken. Lieber halbwegs ausschlafen, um am nächsten, vermutlich großartigen Festivaltag fit zu sein.

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Samos

Und siehe an, am nächsten Tag war immer noch alles so prächtig, ich hatte es wirklich nicht geträumt. Auch das Wetter war fabelhaft (fast noch wärmer), alles wirkte entspannt und friedlich in Erwartung grandioser Musik. Der Berliner Band SAMOS fiel die undankbare Aufgabe zu, die Bühne zu entern, während der durchschnittliche Stoner noch in Morpheus Armen lag (sprich gegen 14:00 Uhr). Nichtsdestotrotz legten sie eine kraftvolle und knackige Performance hin, auch wenn man die Texte vom guten Sänger Zwie dank der Abmischung nicht so richtig mitbekam (der Gesang wurde des Öfteren als unwichtig erachtet und unter die Gitarrenmucke gemischt). Trotzdem kam man gut auf den Punkt und rüttelte die anwesenden Unerschrockenen richtig wach, so dass man die Stimmung als erwartungsvoll und den Auftakt für den zweiten Tag als rundum gelungen ansehen darf. Am Schluss durfte sogar noch Gitarrist Christian ans Mikro, um den John Garcia zu machen.

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The Last Supper

Ein klein bisschen merkwürdig war das dann schon, finsteren, sinistren Doom bei strahlendem Sonnenschein zu hören. THE LAST SUPPER aus dem Saarland boten traditionell schleppende, verzweiflungsschwangere Kost der Marke BLACK SABBATH oder CANDLEMASS. Immerhin bot die etwas statische Performance (bei dieser Musik kann man auch kein Stagediving erwarten) eine willkommene Gelegenheit, das Gelände samt Catering zu erkunden und die weniger werdenden schattigen Plätze auszuloten.

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The Last Supper im Hooked on Music

Hainloose

Gespannt durfte man sein, wie HAINLOOSE sich als Trio schlagen würden, hatte doch der zweite Gitarrist Mario die Band zwischenzeitlich verlassen. Aber auch zu dritt lassen es Harris, Daniel und Rico ordentlich krachen. Ihre unglaublich fetten, dabei ungemein catchy Riffs haben neben der Stonerschwere auch eine gewisse Southern-Lässigkeit und verbinden so ganz selbstverständlich FU MANCHU mit ZZ TOP und SPARZANZA mit den QUEENS OF THE STONEAGE. Groovig, heavy, bluesig und im besten Sinne retro, das Ganze mit einer unverschämt geschmeidigen Eleganz aus dem Ärmel geschüttelt, dazu die explosive, auch irgendwie Whiskey-Gestählt scheinende Röhre von Harris - da stören nicht einmal leichte technische Probleme mit der Anlage den Auftritt, der sicherlich zu einem der weiteren Highlights des Festivals gerät. Höchste Zeit, sich die neue HAINLOOSE-Scheibe "Burden State" zuzulegen.

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Causa Sui

Noch relative Neulinge im Geschäft sind die Dänen von CAUSA SUI. Letztes Jahr haben sie ihr Debüt herausgebracht mit sehr stark psychedelisch orientierter Musik mit reichlich Druck, zwischen Hendrix und BLUE CHEER und LED ZEPPELIN gelegen. Auch hier gab es erstmal Probleme mit dem Gitarrenverstärker, zum Glück konnte Stefan Koglek von COLOUR HAZE mit Ersatz aushelfen (wozu ist man auch Labelgenosse). Zwar verschwand der Gesang des sehr aktiven Frontmanns Kasper ab und zu in der Abmischung, aber was die Nordländer präsentierten, war wirklich nicht von schlechten Eltern: gitarrensatt, schwerst psychedelisch und mitreißend jamfreudig wurden alle Retro-Stoner-Fans allerbestens bedient. Ähnlich ihre Landsleuten von ON TRIAL erweisen sie sich als ebenso authentisch wie stylsicher, so dass man davon ausgehen kann, dass sich CAUSA SUI insbesondere live über nicht allzu lange Zeit eine treue, stattliche Fangemeinde wird erspielen können.

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Causa Sui im Hooked on Music

Josiah

Und weiter ging es mit fröhlicher Zeitreise in die Siebziger, mit JOSIAH noch einen Zacken heftiger als bei CAUSA SUI. Denn das britische Powerrrocktrio gibt dem Affen mächtig Zucker, während Gitarrist und Sänger Mat Bethancourt mit den KINGS OF FROG ISLAND mehr in Richtung Stoner geht, widmet er sich mit JOSIAH der bluesigen Heavy-Psychedelia und dem kernigen Rock 'N' Roll. Gemeinsam mit Bassist Sie Beasley und Drummer Keith Beacom treiben sie die Temperatur im Zelt auf neue Rekordmarken und liefern einen äußerst knackigen, pointierten Gig ab. Das kracht und knarzt, riecht nach Diesel, Schweiß und Gummiabrieb und wirkt wie Acidrock auf doppelter Geschwindigkeit. JOSIAH ist eine ganz sichere Sache für eine Bikerparty und auch in Erfurt haben sie sich wieder nachhaltig in Erinnerung gebracht und in die Herzen auch der Stonerfreunde gespielt.

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Josiah im Hooked on Music

Monkey 3

Dann kam für mich der Höhepunkt des Tages, ja vielleicht sogar des ganzen Festivals (in harter Konkurrenz mit den TRUCKFIGHTERS, ROTOR und HAINLOOSE): die Westschweizer Psychostoner von MONKEY 3. Vor allen Dingen auch, weil Walter, Picasso, Boris und Mister M. vor allem nördlich der Mainlinie so gut wie gar nicht live zu sehen sind (und südlich der Mainlinie auch nur ganz selten) und ihr erstes Album auch in ausgesuchtesten Läden nicht vorrätig ist (am besten man versucht es über das Label Buzzville Records aus Belgien). Der Auftritt der Band in Erfurt spaltete schnell die Geister: einige (wenige) wohl eher traditionalistische Stoner ergriffen schnell das Weite angesichts der heftigen und mitunter ganz schön metallischen Spacedröhnung, die die übrig blieben waren dafür umso enthusiastischer angesichts dieser Mischung aus PINK FLOYD, 35007 und ein bisschen UFOMAMMUT mit gestählten Stonergrooves. Das ganze in einer spacigen Ummantelung, die nicht nur die Landung eines Raumschiffs, sondern einer ganzen Armada von Raumschiffen suggerierte. Immer wieder bauten sich von ruhigen Phasen ausgehend, massive Soundwände auf, wurden ausgedehnt bis auf extremste Positionen. MONKEY 3 betreiben weniger Songwriting im traditionellen Sinne, sie kreieren Sounds, verformen diese und loten die sich daraus ergebenden Spannungsmöglichkeiten perfekt aus. Die viel umjubelte Zugabe war dann noch Ennio Morricones Once Upon A Time In The West. Wie man hört, ist gerade das zweite Album im Entstehen - unter den in Erfurt anwesenden werden viele Käufer sein, sofern es etwas leichter erhältlich ist als der Vorgänger. Eine fulminante Performance einer außergewöhnlichen Band.

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Disengage

Etwas schwer war es danach für DISENGAGE. Denn zum einen hatte die Band mit einer nicht so tollen Abmischung zu kämpfen, dann war Sänger Jason Byers stimmlich etwas angeschlagen und zuletzt war diese sicherlich mit Abstand härteste Band des Festivals für einige Besucher doch wieder eine Spur zu heftig. Die kompromisslose Verbindung von Stoner mit Hardcore-, Punk- und Metal-Elementen wurde von den Jungs aus Cleveland zwar mit unglaublicher Wucht, Energie und Aggressivität dargeboten, war aber letztlich eher etwas für einen kleineren, dafür umso heftiger abrockenden Teil der Besucher direkt vor der Bühne. Der übrige Teil relaxte (der Tag war ja auch schon lang und heiß), beschäftigte sich allmählich mit dem Aufbruch oder versorgte sich mit dringend benötigten Utensilien (Stichwort: Bier) für den Rest des Abends. Wahrscheinlich zündet DISENGAGE in kleineren, engen Clubs mit noch unmittelbarerem Kontakt zum Publikum noch besser, so blieb es etwas unbefriedigend für Band und Publikum.

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Disengage im Hooked on Music

Sheavy

Zum Abschluss des Open-Air-Teils des Festivals und damit quasi als Headliner hatte man SHEAVY verpflichten können. Die schon seit 13 Jahren das Feld bestellenden Kanadier mit ihrem auf den Spuren von OZZY OSBOURNE wandelnden Sänger Stephen Hennesy waren sicherlich wieder etwas für die Old School Anhänger mit ihrem Mix aus Siebziger Hardrock, Stoner und einer ganz kleinen Prise Doom, irgendwo zwischen BLACK SABBATH, FU MANCHU, ORANGE GOBLIN und auch RAINBOW, wobei es allerdings auch wieder etwas Probleme mit der gesanglichen Abmischung (ein gewisser roter Faden) des Mähnenschüttlers am Mikro gab. Mir persönlich war das etwas zu klischeebehaftet und nicht sonderlich originell, als partytauglicher Abschluss und SABBATH-Klon mag es vielen am Ende des Tages gefallen haben.

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Sheavy im Hooked on Music

Auch am zweiten Tag schenkte ich mir die Aftershowparty in der Diskothek Spot (sollte ich etwa gegen Diskotheken allergisch sein?), was sicherlich im Hinblick auf den Auftritt der norwegischen SAHG schade war (VOLT bekommt man in den hiesigen Breitengraden öfter mal zu sehen), aber irgendwann ist halt auch einmal Schluss, vor allem bei einer derartigen Dauerbedröhnung durch den Stern im Zentrum unseres Planetensystems, umgangssprachlich auch Sonne genannt.
Als Fazit bleibt nochmals zu bekräftigen, dass STONED FROM THE UNDERGROUND ziemlich einmalig dasteht in der Festivallandschaft. Das liegt an Musikern, denen ihre Musik, der Zugang zu den Fans und das gemeinsame Erlebnis daraus wichtige ist als Verkaufszahlen, an den Machern von Caligula 666, allen voran Fred Bienert, die ebenso idealistisch für ihre "Mission" leben, tolle Musik unter die Leute zu bringen und schließlich auch an den entspannten, friedlichen und zufriedenen Festivalbesuchern. Auf ein sicheres Wiedersehen im nächsten Jahr, macht alle weiter so in Erfurt!!!

Ralf Stierlen, 31.07.2006

 

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