Alice Cooper

Whitesnake

Essen, Grugahalle, 21.11.2008


Konzertbericht

Reviewdatum: 21.11.2008

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Alice Cooper Homepage



Redakteur(e):

Frank Ipach

Jörg Litges (* 1965, ✝ 2015)


Essen, Grugahalle, 21.11.2008

"Es schneit, es schneit, kommt alle vor das Haus, die Welt, die Welt, sieht wie verzaubert aus." Wie meinen? Dieses Kinderlied ging mir heute morgen durch den Kopf, als ich aus dem Fenster schaute und unsere Straße unter Puderzucker verschüttet sah. Zauberhafte Erlebnisse gab's am Freitag bei unserem WHITESNAKE und Alice Cooper Double Feature Konzert in der Essener Grugahalle aber nur bedingt. Wettertechnisch haben wir gestern Abend in Essen noch richtig Glück gehabt. Der Weg von Duisburg nach Essen (wo ich den Kollegen Jörg Litges abholte) geriet zwar aufgrund des Schneeregens etwas beschwerlicher als sonst, aber im Grunde alles easy. Wetterchaos bzw. Verkehrschaos sehen in meinen Augen etwas anders aus.

Ein musikalisches Chaos oder, lass es uns doch klipp und klar aussprechen, einen musikalischen Offenbarungseid leistete sich am Freitagabend unser heißgeliebter Edelshouter David Coverdale und seine Begleitband WHITESNAKE, die schätzungsweise einen Großteil des angereisten Publikums völlig verdattert hinterließen. Okay, die Band um Flitzefinger und Coverdales persönlichen Kompositionsgehilfe Doug Aldrich mag wirklich nicht schlecht sein, obwohl sie rein tontechnisch besser und eleganter hätte ausgesteuert werden können (wie kann man die Drums nur so donnern lassen?), aber der Chef selbst, Mr.David Coverdale? Oh je, oh je...

Was soll man zu so einer Performance sagen? Es war eine Farce. Gesang, Gestus und Habitus kamen derart gestelzt rüber, dass einem Gedanken wie "Zerstört da wirklich jemand seine eigene Legende?" durch den Kopf gingen und mir Coverdale, ob seiner affigen Art, schon ein wenig leid tat. So anbiedernd, so voller manirierter Rock'n'Roll Klischees, die so gar nicht mehr zu dem leicht aufgequollenen und behäbig erscheinenden 57-jährigen passen wollten. Und dieses ständige Klopfen auf seine linke Brustseite (Richtung Herz), so wie es die Fußballer gerne machen, wenn sie ein Tor geschossen haben, um ihre Liebe zum Verein zu demonstrieren, wirkte so lächerlich, so aufgesetzt, abscheulich.

Doch damit nicht genug. Der Gipfel des Irrsinns manifestierte sich in einer mehr als fragwürdigen Gesangsdarbietung Coverdales. Nachher gingen im Auditorium bzw. am Bierstand gar Gerüchte umher, Coverdale habe stellenweise Playback gesungen. Das kann und möchte ich so nicht unterschreiben, aber auch nicht dementieren. Fakt ist, dass Coverdale eine durchaus seltsame und unübliche Mikrofonhaltung an den Tag legte, sein Arbeitsinstrument sehr häufig dreißig oder vierzig Zentimeter vom Mund weghielt, um vermeintlich kritische Töne zu umschiffen. Außerdem legten die Bandkollegen des öfteren einen fetten Backgroundteppich, so dass die Lead Vocals eh kaum auszumachen waren. Hätte man mich mit verbundenen Augen in die Grugahalle geführt, mir gesagt es spiele gleich WHITESNAKE und ich müsse raten, wer der augenblickliche Sänger sei, oh weh, ich hätte wohl Schwierigkeiten bekommen. Nichts, aber auch gar nichts, ist übrig geblieben von seinem einstigen rau-rotzigen, angesoulten Blues-Charme. Kreischen war das Motto des Tages.
Der Knaller: Einige Tage zuvor, so liest man zumindest im 'Deepest Puple Forum' wurde dem armen Coverdale aus dem Publikum heraus sogar ein gefüllter Bierbecher ins Antlitz geschüttet. Das lässt tief blicken.

Erstaunlicherweise liessen sich die ein- bis zweitausend Fans (von insgesamt ca.4000), die im vorderen Bühnenbereich standen davon offenbar nicht wirklich irritieren, denn die Stimmung war gar nicht mal so schlecht. Bei einigen Songs wurde sogar tüchtig mitgegrölt (Ain't no love in the heart of the city z.B.). Was gibt's sonst noch zu berichten? Eine Art Best-Of-Show wurde professionell heruntergespult, die Gitarristen spielten sich den Arsch ab, ein ganz unterhaltsames Drum-Solo gab's zu bestaunen und Schluss. Das war's dann auch...

Vincent Furnier, der alte Haudegen, den wir alle als Alice Cooper kennen und der seit fast vierzig Jahren in einem ständigen Karriere-Auf-und-Ab für mittelmäßige bis tolle Alben steht, in seinen Konzerten stets für Furore sorgte, in den Siebzigern gar die Zensur bemühte, aber seinen Streifen stets durchzog, pulverisierte mit seinem gelungenen Auftritt und einer fulminant auftrumpfenden Band den ganzen Ärger um WHITESNAKE.

Da stimmte aber auch alles. Der Sound war transparenter, nicht so schwammig wummerig wie bei WHITESNAKE, vor allen Dingen Schlagzeug und Gitarren kamen viel differenzierter rüber. Das an eine auf's Edelste gestaltete Geisterbahn erinnernde Bühnenbild und das adäquat inszenierte Lichtspektakel sorgten für äußerst zufriedenstellende optische Reize. Alice Cooper, der mit seiner zeitweise recht morbiden Bühnenshow seit eh und je polarisiert, zeigte sich gut bei Stimme, wirkte trotz seiner 60 Lenze verdammt agil und füllte die Rolle des gewieften Rock'n'Roll Entertainers, der mit seinen Schrullen zweifellos auch das eine oder andere Stirnrunzeln verursacht, blendend aus. Was hat der Mann aber auch für eine geile Band dabei gehabt: Kerri Kelli, der ehemalige Slash-Snakepit Bandgefährte traktierte die eine Gitarre, Jason Hook die andere. Wow, fett, fett, fett. Der imposante Chuck Garric am Bass und der wahnsinnig gute Eric Singer am Drum-Set. Was für eine Freude, diesen Mann beim Schlagzeugspielen zu beobachten.

Coopers Bühnenshow wirkte wie ein Hollywoodstreifen, ein von vorne bis hinten exakt durchorganisiertes Spektakel, ein Rock'n'Roll Musical. Nicht eine Sekunde Langeweile, Optik und Akustik wurden gleichermaßen gut bedient. Für mich, der Cooper noch nie zuvor live gesehen hatte, ein tolles Erlebnis.
Alice knallte seine hart rockenden Klassiker in die Meute: No more Nr. Nice Guy, Welcome to my Nightmare, I love the dead, Eighteen, Feed my Frankenstein, Only Women Bleed, Woman of Mass Distraction, Poison, School' s Out, Billion Dollar Baby und vom "Spider"-Album gab's u.a. Vengeance is mine. Alice verteilte glitzernde Ketten, auf einem Degen aufgespießte Dollarscheine, baumelte am Galgen, schmiss seinen Gehstock ins Publikum und ließ mit Konfetti gefüllte, riesige Luftballons durch die Halle zirkulieren. Sehr unterhaltsam, sehr kurzweilig, sehr lohnend. Alice Cooper plus Band waren der haushohe Punktsieger an diesem Abend. David Coverdale indes tut mir immer noch ein wenig leid. Vielleicht höre ich nachher mal wieder PURPLE's Mistreated. Das waren noch Zeiten...

Frank Ipach, 21.11.2008

Zur Playback Show David Coverdales kann ich nur sagen, dass man ihn im Fotopit überhaupt nicht gehört hat. Ohne seine ausgezeichnete Backing Band wäre der Abend sicherlich noch desaströser für WHITESNAKE verlaufen. Man darf den Herrschaften neben guter Gitarrenarbeit auch eine ausgezeichnete Vocalarbeit attestieren, Reb Beach Stimme ähnelt der Coverdales, und wenn der gute Mann nicht an seinem Platz (sprich Mikro) war, verstummte auch Coverdale. Was ich mich frage, warum macht man DC das Mikrofon überhaupt auf? Immerhin krächzte er ja ein oder zwei Songs vom neuen Album ähnlich schändlich wie auf dem Arrows Festival im Sommer, einzig bei den Akustik Nummern wusste David noch zu begeistern. Lächerlich war's halt, wenn er das Mikro vor dem Mund hatte und die Lippen nicht bewegte. Schade, schade, die Demontage einer Legende.

Alice Cooper dagegen legte gleich rasant mit Klassikern los. No More Mr Nice Guy, Under My Wheels und I'm Eighteen, Sagenhaft. Stimmlich gut drauf präsentierte Old Alice ein Bühnenbild, ganz im Sinne des Spiders, mit Netzen ausgelegt. Vorbei sind die Brutal Planet Endzeitspiele, wo er noch die Gitaristen "blutig" ritzte, vielmehr schweben diesmal häufig Mumien, Zombies oder Sensemänner tanzend über die Bühne. (Besonders stark: Alices Tochter Calico als geprügelte Hausfrau bei Only Women Bleed) Ansonsten war diesmal der Galgen an der Reihe, um den bösen Alice nachdem er bei Dead Babies die erstaunlich echt aussehende Säuglingspuppe gepfählt hatte, seiner gerechten Strafe zuzuführen. Einzig hätte ich mir mehr Songs von seinem neuen Hammeralbum "Along Came A Spider" gewünscht, I Am The Spider oder Wrapped In Silk fallen mir da ein, anstatt Feed My Frankenstein oder Poison vielleicht. Unter dem Strich war es eine tolle, mitreißende Horror-Rock-Revue die Cooper präsentierte und jeden begeisterte!

Hier sind unsere Fotostrecken: Alice Cooper & WHITESNAKE

Jörg Litges, 21.11.2008

 

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