Blackmore's Night

Camino Dos

Esslingen, Burg, 25.07.2004


Konzertbericht

Reviewdatum: 25.07.2004

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Redakteur(e):

Martin Schneider


Esslingen, Burg, 25.07.2004 Bildergalerie Blackmore's Night
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Vom Regen des Deep Impact Festivals in München direkt in die Traufe.
Dabei scheint am Sonntagabend die Sonne über Esslingen, ohne unangenehm herunter zu brennen. Das Wetter spielt zumindest mit, um den Abend mit BLACKMORE'S NIGHT auf der Burg in Esslingen zu einem besonderen Erlebnis werden zu lassen.

Schon am Ortseingang verkünden die überklebten Konzertplakate, dass die Show ausverkauft sein wird. Entsprechend langsam und schwerfällig gestaltet sich der Einlass, dem eine knapp halbstündige Wanderung vom offiziellen Parkhaus durch Wohngebiete, über Stäffelen bergab zur Burg, vorausging.

Camino Dos Im Inneren der Burg erstreckt sich ein weitläufiges zur Bühne hin abfallendes Areal, das etwa bis zur Hälfte bestuhlt ist. Sofort fallen einem die unzähligen Hinweistafeln auf, die das Verhalten der Besucher während der Veranstaltung maßregeln. Rauchverbot! Kein Getränkeausschank während des Konzertes! Alles unter dem Deckmantel der fadenscheinigen Begründung, das könnte das Konzert in den leisen Passagen stören.

Ich bin verflucht! Ihr Götter, wo bin ich denn da hin geraten? Da drückt der Besucher knapp 40 Euro für die Show ab, darf nicht rauchen, nicht trinken, nicht tanzen und singen. Das alles auf Veranlassung des Managements von BLACKMORE'S NIGHT! Wir sind doch hier bei einem Konzert und wollen Spaß haben. Was anderen Ortes zu einem Boykott der Veranstaltung oder zu einem mittleren Aufruhr geführt hätte, erträgt der deutsche Michel mit stoischer Ruhe. Mehr als ein resignierendes Schulterzucken und immer wieder der Kommentar: 'Es ist halt Richie Blackmore' kommt nicht zu Stande. Das Gen das auch für den Kadavergehorsam am Anfang des letzten Jahrhunderts verantwortlich war erfüllt seinen Zweck immer noch. Da passt es hervorragend ins Bild, dass das größte Problem eines Besuchers darin besteht, dass er von seinem Sitzplatz relativ weit vorne und außen nur einen Teil der Bühne einsehen kann.

Muss noch erwähnt werden, dass auch die Bildberichterstattung erheblichen Einschränkungen unterliegt? War eigentlich zu erwarten.

CAMINO DOS
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Camino Dos Wer aufgrund der freunschaftlichen Beziehungen von BLACKMORE'S NIGHT auf ADARO oder wenigstens DIE GEYERS als Support hoffte, sah sich enttäuscht. Stattdessen versuchte das Duo CAMINO DOS mehr schlecht wie recht die Anwesenden zu unterhalten. Die beiden Spielleute, die ihr Mittelalter längst hinter sich gelassen haben, versuchten sich eine halbe Stunde lang an mittelalterlicher Instrumentalmusik, die nur bei waschechten Puristen Anklang finden konnte.
Okay, so ganz übel war das nicht, aber mit den Sackpfeifenarmeen von CULTUS FEROX oder CORVUS CORAX können CAMINO DOS einfach nicht mithalten. Das war Mittelaltermusik light, die Easy-Listening-Variante, quasi der Franz Lambert des dunklen Zeitalters. Da setzte man sich am besten ruhig in eine Ecke, trank ein paar Bier, so lange es noch welches gab und wartete auf das Ende... das Ende des Konzertes und des Tages versteht sich.

Die untergehende Sonne sorgte jedenfalls für ein wunderbares Ambiente innerhalb des alten Gemäuers der Burg Esslingen.

Camino Dos im Hooked on Music

Blackmore's Night Kurz bevor BLACKMORE'S NIGHT die Bühne betreten, spielen sich an den Getränkeständen unglaubliche Szenen ab. Leute, die fünfzehn Minuten oder länger für ein Getränk anstanden, wird quasi vor der Nase der Laden dicht gemacht. Leidtragende sind nicht zuletzt das Verkaufspersonal, das sich einige unschöne Worte und Gesten gefallen lassen muss, die ganz andere windige Gestalten sich verdient haben.

Es ist mit gesundem menschlichen Ermessen kaum nachzuvollziehen, warum es sich BLACKMORE'S NIGHT absichtlich schwer machen. Auch die Maßnahme das Konzert als 'ausverkauft' zu deklarieren ist eine einzige Lachnummer. Seien wir doch ehrlich und sprechen von einer gezielten Limitierung auf 2.500 Tickets. Das Areal der Esslinger Burg hätte locker die doppelte Besucherzahl verkraftet, ohne dass es wirklich ungemütlich gewesen wäre. Zur Not hätte man einfach auf die unnötige Bestuhlung verzichten können.

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Blackmore's Night So treffen BLACKMORE'S NIGHT auf ein sehr verhalten reagierendes Publikum. Auch wenn sich das die Band selbst zuzuschreiben hat, wären ihnen bessere Reaktionen zu gönnen gewesen, denn musikalisch machen BLACKMORE'S NIGHT nicht alles, aber vieles richtig.
König Richard von Blackmore zieht zwar permanent ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, aber wer will ihm das verdenken, stiehlt ihm doch seine Holde Candice Night vollkommen die Show. Wieder einmal wird mehr als deutlich, dass BLACKMORE'S NIGHT im Grunde nichts anderes als ein Projekt ist um Candice ins Rampenlicht zu rücken, für das Ritchie Blackmore vor allem die Funktion als Namenspatron zu erfüllen hat. Als Musiker ist der ehemalige DEEP PURPLE- und RAINBOW-Gitarrist vollkommen unterfordert. Sein wahres Können blitzt nie auf, weil es für diese Musik einfach nicht nötig ist.

Das Ensemble befreit sich vollkommen von dem vermeintlichen Druck mit "Ghost of a rose" ein relativ aktuelles Album promoten zu müssen und spielt sich stattdessen ungezwungen durch einen Set, der alle bisherigen Studioalben gleichermaßen berücksichtigt.

Blackmore's Night An großartigen Songs mangelt es BLACKMORE'S NIGHT dabei nie, im Gegenteil. Das insgesamt zweistündige Programm kommt sogar ohne Rainbow Blues und Writing on the wall aus.

Trotz des hochkarätigen Auftakts mit Stücken wie Cartouche, Under a violet moon und Past times with good company kommt zum ersten Mal wirklich Stimmung auf, als BLACKMORE'S NIGHT den DEEP PURPLE-Klassiker Soldier of fortune anstimmen. Auch wenn sich Puristen nicht damit anfreunden können, dass Candice Night einen Song singt, der untrennbar mit der Stimme David Coverdales verknüpft scheint, ihre Version hat unbestritten Klasse und befreit das Stück vom staubigen Mief der Siebziger.
[Na toll, vom staubigen Mief der Siebziger direkt in die fröhlich beschwingte Epoche der Minnesänger... Red., Abt. Purismus]
Ähnliches gilt für Diamonds and rust, den alten Joan Baez-Titel, wenngleich hier nicht ganz die Intensität der 79er JUDAS PRIEST-Live-Version erreicht wird.

Blackmore's Night Die große Überraschung des Abends ist Child in time. Sich dieses Stückes anzunehmen beweist großen Mut, denn besonders hier sind die Schatten der Vergangenheit übergroß. Natürlich verzichtet Candice auf die manischen Emotionsausbrüche eines Ian Gillan, natürlich wurde der Song umarrangiert und in das folkloristische, mittelalterliche BLACKMORE'S NIGHT-Korsett gezwängt, aber die Nummer überzeugt trotzdem auf ganzer Linie.

Ein Manko der Band ist ganz klar, dass sie nicht in der Lage ist die Stimmung im Publikum durchgängig hochzuhalten. Das liegt sicher auch an der Abfolge des Programms. Wann immer das Publikum bereit ist durchzustarten und willig ist die Band abzufeiern, wird auf der Bühne ein Gang zurück geschaltet. So folgt auf Soldier of fortune das seltsame Instrumentalstück Mr. Peagram's Morris and sword und nach dem Diamons and rust-Zwischenhoch Durch den Wald zum Bach Haus. Ob denen das irgend jemand mal übersetzt hat?

BLACKMORE'S NIGHT haben ihre großen Momente voller Dynamik, an dem normalerweise ein Publikum steil geht, doch die Versitzplatzung des Konzertes weiß dies konsequent zu verhindern. Zur großen Überraschung wagt ein Teil des Publikums bei Home again den offenen Aufstand und steigt auf die Stühle. Der Konter der Band besteht in einer elendig langen und streckenweisen langweiligen Version von Fires at midnight, die das Publikum wieder runter bringt.

Blackmore's Night Beim Zugabenblock schlägt dann spät, aber immerhin doch noch Richie Blackmores große Stunde. Vermutlich sind das die Minuten auf die er den ganzen Abend hinarbeitet, wenn er endlich die Laute zur Seite legt und zur elektrischen Gitarre greift. Dann sind BLACKMORE'S NIGHT nicht wieder zu erkennen. Das musikalische Folkgewand wird achtlos in die Ecke geschleudert und die Band zeigt, dass sie in der Lage ist richtig zupackend loszurocken. Das ist der Moment in dem die zahlreich vertretene Hippie- und Hardrocker-Fraktion den keinesfalls in der Überzahl befindlichen Mittelalter- und Folkfans stimmungsmäßig das Heft aus der Hand nimmt und nach langer Wartezeit endlich auf ihre Kosten kommt.

BLACKMORE'S NIGHT verdienen großen Respekt, denn sie zelebrieren einfach zeitlose, schöne Musik und doch bleibt ein fader Nachgeschmack, weil unter publikumsfreundlicheren Bedingungen die Band noch mehr in der Lage wäre für einen unvergleichlichen Abend zu sorgen. Letztendlich muss jeder Besucher für sich selbst entscheiden, ob BLACKMORE'S NIGHT den unverhältnismäßig hohen Eintrittspreis wert sind.

Blackmore's Night Vollauf zufrieden kann eigentlich nur der sein, dem es bisher nicht vergönnt war ein entfesseltes Mittelalterkonzert bei dem der Schweiß in Ströhmen fließt in ungezwungener Atmosphäre zu erleben. Aufgrund der restriktiven Rahmenbedingungen wirkt vieles doch klinisch steril und lässt wenig überschwängliche Begeisterung zu. Wenn das, so wie es scheint, im Sinne von BLACKMORE'S NIGHT ist, dann sollten sie den Besuchern ihrer Konzerte wenigstens zum Ausgleich beim Erwerb eines Konzerttickets für ein richtiges Mittelalterkonzert mit ADARO, CORVUS CORAX oder CULTUS FEROX auf der Wäscherburg oder dem Hohenneuffen einen großzügigen Rabatt einräumen.

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Besonderer Dank an: Martin von SPV

Martin Schneider, 27.07.2004

 

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