Fairport Convention

Ebbets Field 1974


CD-Review

Reviewdatum: 09.07.2011
Jahr: 2011
Stil: Folkrock

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Fairport Convention Homepage



Redakteur(e):

Michael Stepien


Fairport Convention
Ebbets Field 1974, It's About Music, 2011
Sandy DennyVocals, Piano
Jerry DonahueLead guitars, Vocals
Trevor LucasVocals, Acoustic Guitar
Dave MattacksDrums
Dave PeggBass, Vocals
Dave SwarbrickViolin, Vocals
Produziert von: Jerry Donahue Länge: 69 Min 03 Sek Medium: CD
01. Solo07. Sloth
02. Hexhamshire Lass08. It'll Take A Long Time
03. John The Gun09. Matty Groves
04. Fiddlestix10. The Medley
05. Dirty Linen11. Down In The Flood
06. Who Knows Where The Time Goes

FAIRPORT CONVENTION, das Flagschiff des britischen Folkrock, war wohl wie keine andere Band der Rockgeschichte von permanenten personellen Veränderungen geprägt. Denkwürdig war die Besetzung, die 1969 das epochale Album "Liege & Lief" einspielte: Sandy Denny - Vocals, Gitarrenvirtuose Richard Thompson, Bassmann Ashley Hutchings, Rhythmusgitarrist Simon Nicol, Dave Mattacks an den Drums und Neuzugang Dave Swarbrick an der Geige. FAIRPORT CONVENTION des Jahrgangs 1974 war immerhin in drei Position mit der Besetzung von "Liege & Lief" identisch: Dave Mattacks und Dave Swarbrick waren quasi die Konstanten im Besetzungskarussel von FAIRPORT CONVENTION in der ersten Hälfte der Siebziger. Sandy Denny hatte nach fünf Jahren wieder zur Band zurück gefunden. Gitarren-Ass Jerry Donahue und Denny-Ehemann Trevor Lucas waren seit 1973 bei Fairport. Beiden hatten mit Sandy Denny in der Folkrockband FOTHERINGAY gespielt. Bassist Dave Pegg hatte nach "Liege & Live" Ashley Hutchings ersetzt. Von der der Band, die 1967 in Nord-London gegründet worden war, war 1974 kein Originalmitglied mehr an Bord.

Entgegen der Ankündigung der CD "first time on CD" muss darauf hingewiesen werden, dass beide Konzerte vom 23. und 24. Mai 1974 aus dem Ebbets Field Club in Denver 2002 schon mal auf der DoCD "Before The Moon" veröffentlicht worden waren. Für die vorliegende CD sind die Aufnahmen von Jerry Donahue remastert worden. Dazu wurden Aufnahmen von beiden Tagen verwendet und so zusammengeschnitten, dass der Eindruck entsteht, es handele sich um ein einzelnes Konzert. Der Vollständigkeit halber sei hier darauf hingewiesen, dass 1974 unter dem Titel "Live Convention" (in Nordamerika wurde die Platte unter dem Titel "A Moveable Fear" veröffentlicht) Liveaufnahmen der gleichen FAIRPORT-Besetzung mit vielen Titelüberschneidungen zur vorliegenden CD veröffentlicht wurden.

Für die meisten Fans der Band und für die Musikkritiker gelten die drei Langspielplatten von 1969 als der heilige Gral der FAIRPORT CONVENTION Musik: "What We Did In Our Hollydays" war im Januar 1969 erschienen, "Unhalfbricking" folgte im Juli und "Liege And Lief" schloss im Dezember das produktive und erfolgreiche Jahr ab. Mit den drei LPs wurde die Grundlage für den Boom des englischen Folkrock der Siebziger Jahre gelegt. Bands wie STEELEYE SPAN, FOTHERINGAY, die ALBION BAND, DANDO SHAFT, die JSD BAND und viele andere waren alle direkt von den frühen FAIRPORT CONVENTION beeinflusst.

Umso verwunderlicher ist, dass nur ein einziger Songs (Matty Groves von "Lief And Liege") aus dieser Phase im Live-Set des 74er Konzerts enthalten ist. Selbst wenn man das vollständige Konzert der DoCD betrachtet, schaut das nicht anders aus. Stattdessen gab es Songs aus dem Solo-Repertoire von Sandy Denny (Solo und It’ll Take A Long Time), von Fotheringay (John The Gun), von der fünften Fairport-Scheibe "Full House" (das epische Sloth und Dirty Linen). Ein Song von "Nine", dem damals aktuellen Studio Albums von FC (Hexhamshire), zwei Traditionals (Fiddlestix, Medley), ein Dylan-Cover (Down In The Flood) und ein Song von Sandy aus der Zeit bevor sie sich 1968 das erste Mal Fairport Convention anschloss, (Who Knows Where The Time Goes) komplettieren die Live-CD.

Die Stimme von Sandy Denny ist natürlich wie eine Naturgewalt. Ich lehne mich auch nicht weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass Sandy meine alltime-Lieblingssängerin ist. Von daher hat jede Veröffentlichung von Material von Sandy Denny meine Aufmerksamkeit. Zumal es nicht allzu viel Live-Aufnahmen von FAIRPORT und Sandy Denny gibt. Für Interessierte sei hier auf die 4 CD Box "Live At The BBC" hingewiesen. Mit Jerry Donahue, der ja in den Neunzigern mit der Speed-Country-Band HELLECASTERS bekannter wurde, war die Position des Leadgitarristen mit der besten Wahl nach Richard Thompson besetzt. Was der Mann drauf hat, kann man sehr gut an seinem Solo zum epischen 13 minütigem Sloth hören. Der Gitarren-Interessierte achte nur auf die phantastische Bending-Technik von Jerry. Aber Jerry Donahue ist trotz allem weit entfernt von der Brillanz und Einmaligkeit eines Richard Thompson. Und im Unterschied zu Simon Nicol, der auf Akustik- und E-Gitarren ein großartiger Rhythmusgitarrist ist, kommt mir Trevor Lucas mit seiner Beschränkung auf die Akustikgitarre etwas statisch vor.

Dazu kommt, dass Sandy Denny mich gesanglich nicht bei allen Songs des vorliegenden Live- Albums überzeugt. Vor allem bei der Paradenummer von FAIRPORT Matty Groves hat Sandy Timing-Probleme. Bei dieser Nummer gefällt mir auch das etwas einfallslose Gitarrenspiel von Jerry Donahue nicht sonderlich. FAIRPORT CONVENTION hat ja immer wieder Songs von Bob Dylan kongenial gecovert. Auf ihrem Meisterwerk "Unhalbricking" gab's z.B. gleich drei (damals unbekannte) Dylan Songs: Mit Si Tu Dois Partir hatte Fairport den einzigen kleinen Hit, Percy’s Song, ein Outtake des Dylan Albums "The Times They Are A-Changing", wurde von Dylan selbst erst 1985 auf "Biograph" veröffentlicht und Million Dollar Bash, stammte aus den legendären, 1969 ebenfalls noch unveröffentlichten, "Basement Tapes". Sandy Denny hatte Down In The Flood schon für ihr erstes Soloalbum "The North Star Grassman And The Raven" (1971) eingespielt. Die Live- Version aus Denver finde ich dagegen uninspiriert und ein wenig "gegrölt". Etwas peinlich wird es gar bei der wunderbaren Ballade Who Knows Where The Time Goes. Da passt an diesem Abend einiges nicht zusammen. Und von It’ll Take A Long Time sollte man sich unbedingt die Version von Sandy Dennys zweiter Solo-LP "Sandy" anhören, um die Klasse des Songs zu erkennen. Neben Sandys phantastischer Stimme sind die Soli und das Zusammenspiel von Pedal Steeler Pete Kleinow und Richard Thompson bemerkenswert. Klasse auch die Solo-Version des Songs, wie sie uns von Sandys BBC Sessions (März 1972) überliefert ist.

Aber so negativ, wie ich das hier dargestellt habe, ist die Neuveröffentlichung des Konzertes aus Denver natürlich nicht. Bei anderen als den genannten Stücken wie z.B. John The Gun oder Solo ist Sandys Stimme schlichtweg magisch. Beim Vergleich mit FAIRPORT CONVENTION des Jahres 1969 ist natürlich auch die Latte sehr hoch gelegt.. "Lief & Liege" ist für mich schlichtweg eine Inselplatte. Von daher möchte ich den Eleven in Sachen FAIRPORT eher abraten. Die vorliegende Live-CD ist kein guter Einstiegspunkt in den musikalischen Kosmos dieser Folkrock Band. Für den Kenner bzw. Fan ist sie dagegen ein interessantes Dokument zu einer guten Besetzung von FAIRPORT CONVENTION. Der Sound der Neuveröffentlichung ist deutlich besser als der Sound von "Before The Moon". Die Arbeit von Jerry Donahue hat sich von daher gelohnt.

Michael Stepien, 06.07.2011

 

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