Fozzy

Remains Alive & Chaising The Grail


CD-Review

Reviewdatum: 08.07.2011
Jahr: 2011
Stil: Heavy Metal

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Redakteur(e):

Marc Langels


Fozzy
Remains Alive & Chaising The Grai, Edel, 2011
Chris JerichoGesang
Rich WardGitarre & Gesang
Sean DelsonBass
Frank FontsereSchlagzeug
Gastmusiker
Jeff WatersGitarre
Eric FramptonPiano, Orgel & Keyboards
Renny CarrollGesang
Mike MartinGitarre
Produziert von: Rich "The Duke" Ward Länge: 133 Min 44 Sek Medium: CD
Remains AliveChaising The Grail
01. Nameless, Faceless01. Under Blackened Skies
02. Don't You Wish You Were Me?02. Martyr No More
03. Daze Of The Weak03. Grail
04. Wanderlust04. Broken Soul
05. Crucify Yourself05. Let The Madness Begin
06. End Of Days06. Pray For Blood
07. Freewheel Burning07. New Day's Dawn
08. Eat The Rich08. God Pounds His Nails
09. Ignition09. Watch Me Shine
10. Feel the Burn10. Paraskavedekatriaphobia (Friday the 13th)
11. With The Fire11. Revival
12. To Kill A Stranger12 Wormword
13. Enemy

Die Amerikaner von FOZZY sind bei uns in „good ol’ Europe“ noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. In ihrer Heimat und auch in Australien genießt die Band aber schon einen ganz guten Ruf mit ihrer recht modern-klingenden Variante des Heavy Metal. Dabei integrieren sie in ihren Stil eine recht große Bandbreite. So finden sich auf ihren Alben neben Elemente des klassischen Hard Rock über traditionelle bis zum modernen Heavy Metal à la DISTURBED oder den jüngsten Ozzy- und BLACK LABEL SOCIETY-CDs bis hin zu Thrash Metal. Das mag weniger verwundern, wenn man bedenkt, dass FOZZY – wie so viele andere – als Cover-Band starteten und sogar ihre ersten beiden Platten “Fozzy“ und “Happenstance“ überwiegend aus Cover-Versionen bestanden.

Viele Bands hätten es mit so einem Ansatz wohl nicht weit geschafft in der heutigen Musik-Branche. Aber im Line-Up von FOZZY sticht ein Name heraus und beschert der Band so etwas wie einen Promi-Bonus, wenn auch überwiegend in Nordamerika und bei bestimmten Personen in Europa: Chris Jericho. Der eigentlich als Christopher Keith Irvine geborene Kanadier ist ein Superstar im Wrestling, der alle wichtigen Titel dieser „Sportart“ zumindest einmal gehalten hat. Mit einem solchen Frontmann lässt sich schon etwas Werbung machen und eine Zielgruppe bringt er auch gleich mit. Sicherlich wird niemand von Jericho erwarten, dass er singt wie Ronnie James Dio und er hat denn auch eher einen leichten Ozzy Osbourne-Unterton in der Stimme, aber er macht seine Sache wirklich gut und es passt zur Musik.

Dabei bietet gerade das vierte Studio-Album “Chasing The Grail“ einige Ohrwurm-artige Melodien, die gerade dieser Art von Heavy Metal sehr gut zu Gesicht stehen. Und Jericho weiß anscheinend auch ganz genau, wo seine Stärke als Sänger liegt – nämlich in seiner natürlichen Stimmlage. Dementsprechend verzichtet er auch im Studio weitestgehend auf Experimente mit besonders hohen oder tiefen Tönen und bleibt sich selber treu. Das ist etwas, was ihm spätestens auf der Bühne sehr entgegenkommen dürfte.

Mittlerweile sind die Zeiten der Cover-Versionen auf den Studio-Alben zum Glück vorbei und seit “All That Remains“ setzen FOZZY nur noch auf ihre eigenen Songs. Diese können sich auch hören lassen, denn die Musiker haben anscheinend die Zeit als Cover-Band genutzt, die Strukturen von Klasse-Songs zu analysieren um zu erkennen, was einen gelungenen von einem nicht gelungenen Song zumindest strukturell unterscheidet. Zudem ist Rich Ward nebenbei auch noch bei STUCK MOJO aktiv und bringt so einiges an Songwriting-Erfahrung mit. Dabei fällt es mir echt schwer nun einzelne Songs aus diesem Studiowerk hervorzuheben und als Anspiel-Tipp zu adeln. Denn dem klassischen Metal-Fan werden Brecher wie der Opener Under Blackened Skies oder das mit leichten Thrash-Anleihen aufgepeppte Pray For Blood gefallen, während der moderne Metaller vielleicht die Groover Martyr No More und God Pounds His Nails bevorzugt. Ersterer wurde sicherlich auch aufgrund seiner ultra-eingängigen Melodie als erste Single des Albums erkoren. Unterstützung bekommen FOZZY dabei jeweils von ANNIHILATOR-Mastermind und Gitarren-Legende Jeff Waters, der die Soli beisteuert. Aber auch für die NICKELBACK-Anhänger haben FOZZY mit Broken Soul einen echten Kauf-Anreiz zu bieten. Mit diesem Track sollten sie bei den Radio-Stationen gute Chancen haben. Eines bleibt festzuhalten: das Album hat keine Hänger, sondern begeistert neben seiner Vielseitigkeit auch durch extrem abwechslungsreiche und trotzdem eingängige Metal-Songs.

Das absolute Highlight des Albums ist aber für mich das abschließende 14-minütige Wormword, das Chris Jericho mit Ex-STUCK MOJO-Gitarrist Mike Martin geschrieben hat. Der Song hat etwas Episches und liegt irgendwo zwischen Stücken wie Rime Of The Ancient Mariner (IRON MAIDEN, “Powerslave“) und Octavarium (DREAM THEATER, “Octavarium“). Das Stück wechselt zwischen verschiedenen Härtegraden, Tempi und auch Stimmungen ohne dabei konstruiert oder aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt zu wirken. Vielmehr fließen die Parts ineinander und verbinden sich nahtlos. Das Stück dürfte zwar live schwierig zu reproduzieren sein, gehört aber auch gerade wegen seiner Einzigartigkeit auf jeden Fall zum Besten, was FOZZY bisher geschrieben haben. Der Text handelt von der biblischen Apokalypse und zeigt, dass Jericho auch seine Aufgabe als Texter sehr ernst nimmt.

Nachdem wir nun das Pferd von hinten aufgezäumt haben kommen wir zur nominellen CD1 mit dem Titel “Remains Alive“. Hier zeigen FOZZY, dass sie eine energie-geladene Live-Band sind, die ihr Publikum begeistern und die Songs auf der Bühne entsprechend druckvoll umsetzen können. Aufgenommen wurde ein Konzert in Brisbane, Australien, vom 10. September 2005. Dabei kommen hier verständlicherweise nur Tracks von den ersten drei Alben bis “All That Remains“ zum Einsatz kommen. Bisher war der Mitschnitt nur als Download erhältlich.

Dabei vertrauen FOZZY bis auf zwei Ausnahmen nur auf ihre eigenen Songs und rocken damit das Haus. Chris Jericho kann erneut beweisen, dass er ein geborener Entertainer ist und auch eine Band anführen kann. Die Australier scheinen die Band damals recht schnell in ihr Herz geschlossen zu haben. Sie dichten mehrfach lauthals den eigentlich australischen Sport-Schlachtruf „Aussie, Aussie, Aussie, oi, oi, oi“ auf FOZZY um und machen der Band damit eine offensichtliche Freude.

Es ist schon beeindruckend, wie tight die Band – die damals noch eine Art Neben-Projekt war (Jericho trat erst 2010 vom Wrestling zurück, um sich Vollzeit auf FOZZY zu konzentrieren) – hier zur Sache geht. Die Gruppe ist extrem gut eingespielt und bringt die Songs enorm druckvoll auf die Bühne. Der Sound ist exzellent und eigentlich einer „großen Produktion“ würdig. Da gab es schon zahlreiche Live-Alben von renommierteren Bands, die wesentlich schlechter klangen. In allen Punkten haben sich FOZZY absolute Bestnoten verdient.

Die Tracks zeigen dabei noch eine etwas ungeschliffenere, rauere und weniger melodiöse Seite von FOZZY als es auf “Chasing The Grail“ der Fall ist. Die Band klingt wie ein wahres Metal-Schwergewicht, das alles zermalmt, was sich ihm in den Weg stellt. Als Beispiel dafür seien nur der Opener Nameless, Faceless und Daze Of The Weak angeführt, die mit einer schier unglaublichen Power aus den Boxe blasen und schon damals das wahre Potenzial der Band unter Beweis stellten. Aber auch im weiteren Verlauf bieten FOZZY mit den Knallern Crucify Yourself, To Kill A Stranger, With The Fire und Enemy mehr als nur ein gutes Kauf-Argument ab. Ebenfalls auf der Setlist taucht ein Track aus der Pre-FOZZY-Zeit auf. Don’t You Wish You Were Me? wurde bereits 2004 auf der Kompilation “WWE Originals“ veröffentlicht, wird hier aber typisch FOZZY-Style mit extrem schweren Gitarren und mächtig Druck dargeboten.

Als kleine Reminiszenzen an ihre Zeit als Cover-Band haben FOZZY an diesem Abend Freewheel Burning (JUDAS PRIEST, “Defenders Of The Faith“) und Eat The Rich (KROKUS, “Headhunter“) ausgesucht. Dabei muss man ganz klar eingestehen, dass sich die Amerikaner an dem PRIEST-Klassiker etwas verheben. Das liegt nicht an der Instrumental-Fraktion, die das Stück weitgehend fehlerfrei darbietet. Aber Chris Jericho ist eben kein Rob Halford und was im Studio mit den entsprechenden Möglichkeiten eben funktioniert, das kann auf der Bühne, wo man nur eine Chance bekommt, eben auch „suboptimal“ klingen. Da passt der Schweizer Beitrag schon wesentlich besser – vor allem zur Stimmlage von Jericho. Aber am besten klingen FOZZY eben dann, wenn sie ihre eigenen Songs darbieten und die verfügen mittlerweile über genügend Klasse, um einen ganzen Konzertabend zu tragen.

“Remains Alive & Chaising The Grail“ zeigen alle Stärken der Band FOZZY. Wer also noch nichts von der Band im heimischen Regal hat, aber auf gute gemachten Metal steht, der sollte seine Sammlung hier starten.

Marc Langels, 08.07.2011

 

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