Mitch Ryder

Engerling

Frankfurt, Sinkkasten, 10.02.2002

( English translation by Google Translation by Google )

Konzertbericht

Reviewdatum: 10.02.2002

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Redakteur(e):

Epi Schmidt


Frankfurt, Sinkkasten, 10.02.2002Bildergalerie

Faschings-Sonntagabend und der Sinkkasten ist erstaunlich gut besucht. So gut wie schon lange nicht mehr, möchte ich anfügen. Es stimmt mich zufrieden, dass es doch noch Menschen gibt, die dem Auftritt einer Legende mehr Beachtung schenken als dem Faschingstrubel rundum.
Hierzu möchte ich noch bemerken, dass schon Bruce Springsteen in den 70er Jahren sehr gerne ein Mitch Ryder-Medley aus Devil with the blue dress on/Jenny take a ride bei seinen Konzerten gespielt hat.

Aus den Boxen dröhnt, wie seit deren Livegig hier vor fast jedem Konzert, die "Brand New Year"-CD der BOTTLE ROCKETS (ist ja auch gut geeignet um einen in Stimmung zu bringen).
So gegen 21.30 Uhr betritt Mitch Ryders Begleitband ENGERLING die Bühne.
Die Jungs stammen, mit Ausnahme von Drummer Vincent (Frankreich), aus dem Osten der Republik und haben Mitch ja schon auf diversen Touren und Alben begleitet. Verständigungsschwierigkeiten gibt's hier also keine. Erweitert wird die Band auf dieser Tour durch den Detroiter Gitarristen Robert Gillespie, der seit Mitte der 80er auf einigen Ryder-Scheiben dabei war.
Schließlich schlurft auch Herr Williard Levise, so Ryders bürgerlicher Name, auf die Bühne, ganz in schwarz, mit Baseball-Cap und Sonnenbrille (keine Blitzlichtaufnahmen erlaubt!).
Der Mann ist inzwischen sechsundfünfzig und nach allem was man so über seinen Lebenswandel gehört hat, ist klar, dass er nicht mehr wie ein Mick Jagger über die Bühne sprinten kann (wäre ja auch reichlich wenig Platz...).
Trotzdem, der Mann ist noch fit! Sowohl bei seiner Begrüßung, als auch bei den kurzen Geschichten und Anekdoten, die er zu fast jedem Song bereit hält: Er spricht klar und deutlich und hat auch seine eigenen Ansichten zu diversen Themen.
Zunächst präsentiert er uns noch die Antwort auf die Frage seiner Fans und Freunde in den USA, warum er eigentlich immer noch in Europa spielen will. Mitch Ryder: "Because I can smoke here", wobei ihm einfällt noch schnell das Päckchen Zigaretten aus der Brusttasche zu retten, bevor es nassgeschwitzt wird.

Ein paar Worte noch zum Weltgeschehen und dem 11. September und die Band steigt mit War vom 80er Album "Naked But Not Dead" in den Set ein. Der gewohnt gute Sound des Sinkkastens stellt sich auch hier wieder ein. Robert Gillespie und Heiner Witte spielen zweistimmige Melodielinien und der funkige Song bringt gleich Schwung in die "Bude".
Funkig bleibt's auch bei The Terrorist, das Mitch vor ca. 2 Jahren verfasst hat und das in diese Zeit natürlich noch mehr passt. Heiner Witte steuert an seiner Fender Strat gute Slide-Fills bei.
Schon jetzt wird deutlich, dass die Jungs allesamt wunderbar harmonieren. Meines Wissens haben sie ja schon zu DDR-Zeiten zusammen gespielt.

Bob Dylans Subterranean Homesick Blues kündigt Mitch Ryder als einen Song an, den jener (Dylan) für die durch Krieg (Vietnam) und andere Krisen verstörte Jugend Amerikas geschrieben hätte. Diese Version ROCKT allerdings bedeutend mehr als das Original. Wolfram Bodag an den Keyboards zeigt hier schon mal seine Künste an der Harp.
Ein weiterer, weniger bekannter Dylan-Song wird gleich nachgeschoben: Wicked Messenger.
Jetzt wird es etwas ernster, als Mitch von einem befreundeten Arzt erzählt, der in Amerika im Gefängnis sitzt, weil er Leuten zum Selbstmord verholfen hat. Seine Stimme jagt einem bei Mercy Schauer über den Rücken. "I am willing, I can't wait - End my pain...".
Die Freude kehrt mit dem Reggae True Love auf die Gesichter zurück. Hier zeigt sich, dass Robert Gillespie gegenüber dem zweiten Gitarristen Heiner Witte, der virtuoser, fast möchte ich sagen lyrischer spielt, doch einiges rauer (und lauter!) zur Sache geht. Sie ergänzen sich damit aber optimal.
That's Charm von "Got Change For A Million?" bringt Mr. Ryder in Verbindung mit den 0190er Sexangeboten im TV.
Die Antwort darauf, warum Männer immer älter werden und es trotzdem immer noch junge, hübsche Mädchen gibt, ist It Must Be In Her Genes. Die Band fetzt diesen Song herunter, als wenn sie die STONES unter Starkstrom wären.
Klasse Piano! Immer wieder schreit, brüllt Mitch Ryder während der Soli oder Instrumentalparts mit einer Intensität aus einem halben Meter Entfernung ins Mikro, dass man nur noch beeindruckt sein kann.

Bei Ain't Nobody White (can sing the blues) straft Mr. Ryder Ray Charles für diesen Ausspruch Lügen. Seine Stimme (Mitch Ryders), klingt zwar nicht wie die eines Schwarzen, aber mehr BLUES geht kaum noch! Das zeigt sich auch bei Freezin' In Hell, das aus seiner Comeback-LP "How I Spent My Vacation" stammt. Vorher bemängelt er noch, dass er noch nie mit Gott persönlich gesprochen hätte...
Wolfram Bodag, von Mitch kurz Bodie genannt, spielt das Piano-Intro zu Red Scar Eyes. Der Mann ist für mich überhaupt die Entdeckung des Abends. Unglaublich fingerfertig (tippe mal auf klassische Ausbildung), aber nie zu überzogen und immer absolut banddienlich, reißt er auch das Publikum immer wieder zu Szenenapplaus mit. Den Song hat Ryder, sagt er, über seine zweite Ehefrau geschrieben. 21 Jahre verheiratet. Am Schluss, sagt er, wollten sie sich gegenseitig umbringen. Ging wohl nur durch die rettende Idee von Herrn Ryder sie sollten sich besser scheiden lassen noch mal gut aus...

Bei dem Jagger/Richards Song Heart Of Stone wird ein weiteres mal deutlich, welche Power noch immer in der Kehle dieses Ausnahme-Shouters steckt. Aufgenommen hat Mitch Ryder dieses Stück, eben mit dieser Band, bereits 1988 schon mal. Damals live in Berlin, im "Palast der Republik" (kommt's mir nur so vor, oder sind heute Abend doch mehr Leute aus den "neuen Bundesländern" als für gewöhnlich da?).
Eine Geschichte über PRINCE hat er auch noch, von dem er sagt, dass er nach dem Wandel zu SYMBOL sich sehr schnell wieder in PRINCE gewandelt hat, nachdem ihm das Geld zu knapp wurde. Scheinbar wollte Herr Ryder einen Song von ihm, aber Herr Nelson hatte wohl Angst, dass ein Weißer wieder mal einen Farbigen ausnutzen wollte. Jedenfalls hat Mitch diese Erfahrung in It Wasn't Me verarbeitet. Mit diesem Lied verabschiedet sich der Sänger von der Bühne. Die überschwengliche Stimmung im Publikum lässt ihm aber nicht viel Pause. Die Band kommt zurück und Robert Gillespie pickt die bekannten Anfangs-Riffs von Gimme Shelter. Es fetzt noch mal voll ab. Ein Wahnsinn!
Im Finale steigert sich die Band dermaßen rein - keine Hardrock/Metal-Band könnte härter rocken.
Wieder Verabschiedung, aber die Stimmung ist zu gut. Der Bassist ist als erster wieder "on stage" und leitet den letzten Song ein. Mitch Ryder erinnert die Leute an den Rockpalast, der sein Comeback mit begründete. Ganz klar: Soul Kitchen von den DOORS. Nochmals steigert sich der Shouter - Jim Morrsion hätte es nicht besser machen können.
Tastenmann Wolfram Bodag brilliert hier noch mal mit einem langen Solo, an dessen Ende er mit dem Finger nach oben weißt. Will er an Jimmy erinnern, oder daran, dass seine Gabe so zu spielen von oben kommen muss? Wer weiß...

Es dürften ca. zwei Stunden um sein. Hier geht heute keiner unzufrieden raus, soviel ist sicher. Ein super Abend.
Übrigens sind ziemlich viele der Songs des heutigen Abends auf dem Sampler "Mitch Ryder - The Beautiful Toulang Sunset". Nicht ganz so brachial, aber durchaus empfehlenswert!

Epi Schmidt, 11.02.2002

 

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