Gazpacho

Molok


CD-Review

Reviewdatum: 27.10.2015
Jahr: 2015
Stil: Progressive Rock

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Redakteur(e):

Marc Langels


Gazpacho
Molok, Kscope Music, 2015
Jan Henrik OhmeGesang
Jon-Arne VilboGitarre
Thomas AndersenKeyboards
Lars Erik AspSchlagzeug
Kristian TorpBass
Mikael KromerVioline & Mandoline
Gastmusiker
Stian CarstensenAkkordeon
Gjermund KolltveitSteinzeitliche Flöten und Saiteninstrumente
Produziert von: Gazpacho Länge: 44 Min 36 Sek Medium: CD
01. Park Bench06. ABC
02. The Master's Voice07. Algorithm
03. Bela Kiss08. Alarm
04. Know Your Time09. Molok Rising
05. Choir Of Ancestors

Die Norweger GAZPACHO sind wohl eine der wenigen Bands, denen ich vorbehaltlos das Attribut „progressiv“ verleihen würde. Und zwar in dem Sinne, dass die Band sich ständig neue Herausforderungen sucht, sich nicht ständig wiederholt und mit interessanten neuen Konzepten den Zuhörer auf eine musikalische Reise mitnimmt. Neuester Beweis meiner Theorie ist das Album “Molok“, das eventuell die Macht dazu hat, das Universum zerstören zu können.

Alleine diese physikalisch-theoretische Möglichkeit, für die einige Töne ganz am Ende der CD sorgen, hat der Band schon etliche Aufmerksamkeit in den Medien, so zum Beispiel im britischen Daily Star, eingebracht, zumal die Möglichkeit – egal wie unrealistisch sie auch sein mag, zumindest laut Physikern real existiert. Aber bittet mich nicht, sie zu erläutern, ich habe nur verstanden, dass sie etwas mit der Stabilität von schwarzen Löchern und der genauen Position jedes Elektrons im Universum zu tun hat.

Aber viel spannender als das theoretische Konzept einiger weniger Sekunden am Ende der CD ist ja sowohl das musikalisch und auch textliche Konzept der Scheibe. Denn inhaltlich geht es um einen Mann vom Beginn des 20. Jahrhunderts, der erkennt, dass die Menschen, wann immer sie Gottheiten verehren von Stonehenge über die Oster-Inseln bis hin zum Petersdom dazu tendieren, diese in Steinform anzubeten. Dessen angesichts wendet er sich der Wissenschaft zu und entscheidet sich, eine Maschine zu bauen. Diese soll das ganze Universum durchrechnen, vom Anbeginn bis zum Ende. Er nennt die Maschine Molok nach einem biblischen Monster, dem Kinder zum Fraß vorgeworfen wurden. Und mit ein wenig göttlicher Fügung – oder einfach nur aus purem Zufall - funktioniert die Maschine tatsächlich wie gewünscht.

Diese Geschichte nun in Musik umzusetzen setzt ungefähr da an, wo GAZPACHO mit “Demon“ aufgehört hatten, der Geschichte um eine jahrtausende alte dämonische Präsenz. Es geht mehr darum, Stimmungen aufzubauen, Bilder vor dem Auge des Hörers entstehen zu lassen. Und das gelingt einmal mehr ganz vorzüglich. In den neun Kompositionen schafft es die Band, ihren typischen, sehr warmen und intimen Sound beizubehalten und dennoch neu und spannend zu klingen. Dabei fällt auf, dass hier vielleicht mehr als in der Vergangenheit Wert auf abwechslungsreiche Rhythmen gelegt wurde. Aber es wurden auch interessante Methoden eingesetzt werden, um die Musik zu bereichern, wie zum Beispiel in Molok Rising, in dem steinzeitliche Instrumente zum Einsatz kommen, wie sie wohl früher bei rituellen Beschwörungen früher eingesetzt wurden. Dazu holten sich GAZPACHO extra einen Forscher ins Studio, der die Instrumente so spielte, wie man sich wissenschaftlich heute die damalige Musik vorstellt. Aber auch der Akkordeon-Einsatz in Bela Kiss ist einfach mitreißend und passt überraschend gut zum Sound der Band.

Heraus kommt dabei ein sehr individueller Klang, wie ihn auch kein anderes GAZPACHO-Album hat. Insgesamt betrachtet sind die Atmosphäre und der Klang der Stücke dem Thema entsprechend düster ausgefallen, nur vereinzelt mal werden leichte oder auch optimistische Momente zugelassen. Und dennoch ist die Musik auf “Molok“ nicht be- oder erdrückend. Sondern es dominiert das Faszinierende. Die Musik zieht in ihren Bann und lässt den Hörer nicht so schnell los, weil es eben immer wieder neue Facetten und Eindrücke zu sammeln gibt.

Schon beim Vorgänger-Werk “Demon“ war ich mir recht sicher, dass GAZPACHO im Zenit ihres Schaffens angekommen waren, doch sie belehren mich hier erneut eines Besseren. Denn mit “Molok“ setzen die Norweger eine neue Benchmark, was qualitativ hochwertige progressive Rock-Musik betrifft. Keine ermüdenden Skalen-Rekordjagden sondern intensives Erleben einer Welt aus betörenden und spannenden Klängen. Wenn GAZPACHO so weitermachen, wird es bald schwer neue Superlative für das Gebotene zu finden. Aber in einer Zeit, in der Chart-technisch erfolgreiche Musik immer mehr zum Einheitsbrei wird, da erscheinen GAZPACHO mit ihren Werken wie ein Leuchtturm, der dem Suchenden Rettung verheißt. Möge ihr Licht nie erlöschen.

Marc Langels, 27.10.2015

 

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