Gotthard

Lipservice


CD-Review

Reviewdatum: 26.05.2005
Jahr: 2005

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Redakteur(e):

Jörg Litges (* 1965, ✝ 2015)

Jürgen Ruland


Gotthard
Lipservice, Nuclear Blast, 2005
Steve Lee Vocals
Leo Leoni Guitars
Hena Habegger Drums
Marc Lynn Bass
Freddy Scherer Guitars
Produziert von: Roland Prent Länge: 53 Min 05 Sek Medium: CD
1. All We Are8. I've Seen An Angel Cry
2. Dream On9. Stay For The Night
3. Lift 'u' Up10. Anytime Anywhere
4. Everything I Want11. Said & Done
5. Cupid Arrow12. The Other Side Of Me
6. I Wonder13. Nothing Left At All
7. I'm Alive14. And Then Goodbye

GOTTHARD ist nach Schokolade und KROKUS der drittbekannteste Export aus der Schweiz. Seit Jahren legen sie regelmäßig ihr solides Brett in Form von Longplayern vor - der große Durchbruch in unserem Land lässt allerdings noch immer auf sich warten. "Lipservice" ist, zumindest meiner Meinung nach, ihr bester Schlag seit langem, ob der Griff zum Headliner Status damit zu erreichen ist, sei allerdings bezweifelt.

Wie immer ist der Sound irgendwo zwischen KROKUS und melodischem 80s Metal angesiedelt, schon mit dem Opener All We Are fängt man an zu grooven, dass selbst unsere Frontsau Fred in Ekstase geraten würde, und bei Stay For The Night sehe ich ihn quasi im Wiegeschritt Luftgitarre spielend vor mir.
Die unvermeidlichen Balladen fehlen natürlich nicht. 4 sind es im Ganzen auf diesem Album und wer macht die unpeinlichsten Balladen (zumindest im deutschsprachigen Raum)? Richtig. BONFIRE und GOTTHARD! (Wer hat da DORO gerufen? Wer? Vortreten!!!).
Sänger Steve Lee erinnert stark an Joe Elliot von DEF LEPPARD, stimmlich ist Steve jedoch wesentlich variabler, was ihm grade bei den Balladen wie Everything I Want oder And Then Goodbye, aber auch bei Midtempo Rockern wie I Wonder einen großen Vorteil verschafft.

Den Totalausfall des Albums will ich auch nicht verschweigen: Mit Lift'u'Up begibt man sich auf 70's SLADE/GLITTERBAND-Stampfer-Gebiet, zugegebenermaßen ohrwurmtechnisch ein Erfolg, aber überhaupt nicht zu den anderen Songs des Albums passend, stört er das Konzept des Albums und passt stilmäßig nicht zwischen die sonst so gelungene Songauswahl. Zu allem Verdruß ist dieser Song auch noch die aktuelle Single (plus 3 Versionen des Songs als weitere Tracks). Somit wird vom Album selbst ein total falscher Eindruck erweckt. Leute da hätte man besser was anderes ausgesucht. Zumindest als B-Seiten, wenn es schon 70s Rock sein musste. Wer zum Geier braucht auf einer Single den Album-, Radio-, Fireplace- und Latenight-Mix des gleichen Songs???

Ansonsten ein absolut klasse, groovendes, wesentlich härter als sonst ausgefallenes Album der Eidgenossen, das bei keinem Melodic Rock Jünger im Plattenschrank fehlen sollte. Aber auch die Freunde anderer härterer Schienen sollten mal reinhören, und ganz besonders die die nur die Single kennen, ihr werdet erstaunt sein.

Jörg Litges, 26.05.2005

Die Schweizer GOTTHARD liefern seit ihrem gleichnamigen Debut aus dem Jahre 1992 kontinuierlich in nahezu ein und der selben Besetzung Alben mit mehr oder weniger ansprechenden Songs ab.
Hatten die ersten drei Veröffentlichung, neben dem '92er-Werk zwei Jahre darauf "Dial Hard" und 1996 der Meilenstein "G.", besonders im Lager der Freunde härterer Töne wachsende Erfolge zu verzeichnen, sollte sich das während der nachfolgenden Jahre ändern. Dem gelungenen "Unplugged"-Album "D-Frosted" (1997) folgte mit "Open" einige Zeit später ein völlig missglückter Versuch ins kommerziellere Lager zu wechseln und gleichzeitig die alten Fans nicht zu vergraulen.
Die folgenden Alben konnten zwar wieder einen erhöhten Härtefaktor verbuchen, die Vorwürfe des "Hausfrauen-Rock" konnten jedoch nicht aus der Welt geschafft werden. Eigentlich hatte sich damit das Thema GOTTHARD für mich erledigt.

Restlos überzeugen konnte mich stets nur "G.", die beiden ersten Scheiben boten neben Krachern allererster Güte (Firedance, She Goes Down) auch einiges an "Füllern". Live sah das ganz anders aus. Erstmals auf dem Schüttdorf-Festival 1994 gesehen (und gehört), zählte die Band um Sänger Steve Lee und Gitarrist Leo Leoni zur livehaftigen Elite. Als man den ex- und jetzt wieder KROKUS-, COBRA- und KATMANDU-Axeman Mandy Meyer zur "G."-Tour ins Line-Up aufnahm, spielten die zum Quintett angewachsenen Eidgenossen vielleicht in der Form ihres Lebens und hatten wahrscheinlich ihren Zenit erreicht. Im Frühjahr 1996 gastierte man unter anderem für zwei Konzerte in der Bochumer Zeche und glänzte mit restlos begeisternden Konzerten. "G." überzeugte durch hundert Prozent gelungenes Songmaterial, Rockern standen Balladen gegenüber die sich nahtlos einfügten, sowohl live als eben auch auf Tonträger.

Mandy Meyer spielt wie gesagt jetzt wieder bei KROKUS, und man hat mit Freddy Scherer einen neuen Mann an der zweiten Klampfe ins Boot genommen. Genau wie Meyer agiert dieser auch als Songwriter. Ob er jetzt allerdings alleine für den frischen Wind im Bandlager verantwortlich zeichnet darf bezweifelt werden. Meyer hatte u.a. 1983 mit der U.S.-Band COBRA ein trotz guter Kritiken wenig beachtetes Album ("First Strike") veröffentlicht, von dem GOTTHARD mit I'm Your Travelin' Man 1994 ein echtes Sahnebonbon zu einem Zeitpunkt coverten, als Meyer noch gar nicht Mitglied der Gruppe war. Es scheint eher wahrscheinlich, dass man einsah, sich musikalisch in eine Sackgasse manövriert zu haben. Anständig rocken ist da eine angebrachte Medizin, und genau diese hat man sich selbst verabreicht.
Der ehemalige "Doktor von Rohr" scheint außen vor und im Falle "Nuclear Blast" ist die Band bei einer neuen Plattenfirma gelandet, die nicht gerade für Weichspüler bekannt ist. So hat man sich mit einer größtenteils gelungenen Kur unter dem Motto "Bock auf Rock" auf die alten Qualitäten besonnen und rockt wieder verstärkt.
Ganz zufrieden schien man mit der Richtung der letzten Jahre nicht mehr gewesen zu sein, oder warum bedankt sich Bassist Marc Lynn im Booklet dafür, dass man ihm den Weg zurück zum Rock'n'Roll gewiesen hat?

Um es vorweg zu nehmen, manchmal ist ein "weniger" auch ein "mehr". "Lipservice" kommt mit fünfzehn Tracks daher und darunter sind leider einige Ausfälle zu verzeichnen.
Das Album rockt mit All We Are, Dream On und Lift U Up anständig los. Fetter Sound, eingängige Hooklines, endlich wieder krachende Gitarren und Steve Lee als Shouter par Excellenze.
Lift... ist zwar etwas umstritten, mir allerdings gefällt die erste Singleauskopplung. Wer SLADE oder ähnlich Party-kompitables Zeug mag, kommt hier auf seine Kosten.
Schon wieder in Verzückung nahe Dimension "G." geraten, kommt der "Downfall" prompt. Die nachfolgenden Everything I Want und Cupid's Arrow sind ein schlimmer Rückfall in Zeiten des Schmalzes und krampfig-konstruiert wirkender Balladen. Und das, wo man es doch so oft bewiesen hat, es auch viel besser zu können.
Das mächtige I Wonder erinnert ein wenig an In The Name vom '96er-Meisterwerk und I'm Alive legt noch einen Zacken drauf.
I've Seen An Angel Cry wird erneut besinnlicher, die Qualität geht auf der Balladen-Skala allerdings wieder weiter nach oben.

Stay For The Night, Anytime Anywhere, Said & Done oder The Other Side Of Me rocken sich mit verschiedenen Härtegraden bestens durch das neue Album, ehe Nothing Left At All und And Then Goodbye den gemächlicheren Anteil doch etwas zu groß werden lassen. Nicht, dass es sich um schwache Songs handelt, es sind von deren Machart einfach zu viele auf "Lipservice" vertreten. Ich verstehe nicht ganz den Sinn warum auf zig Alben irgendwelche Bonus Tracks herumgeistern. In Ordnung, wenn es nur bei der ersten Auflage so ist. Andererseits hat der "Neue" Freddy Scherer mit Can't Stop einen ganz starken (Bonus-)Song beigesteuert, der durchaus vielversprechende Singlequalitäten enthält und gleichzeitig einen formidablen Albumtrack ausmacht. Wie das gehen soll? Anhören, und bitte liebe Plattenfirma, auch auf einer eventuellen zweiten Auflage beipacken.

Auf dem Gruppenfoto in Jackets, bei den Portraits der einzelnen Bandmitglieder in Lederjacke... so ganz scheint man sich wohl noch nicht entscheiden zu können. Dabei überzeugen GOTTHARD auf "Lipservice" am meisten, wenn sie kräftig in die Saiten hauen. Sie können's immer noch, nur leider viel zu selten.
"Lipservice" wäre seinerzeit, als man eine Richtungsänderung in "gemäßigtere" Gefilde ankündigte und anschließend vornahm, der geeignete Nachfolger von "G." geworden. Heutzutage fragt man sich, ob die neue Scheibe nicht aus einer gewissen Orientierungslosigkeit heraus entstanden ist.
Für mich das beste GOTTHARD-Album seit 1996, die nächste Scheibe sollte es allerdings zeigen, wofür man sich entscheidet. Und eine amtliche Rock'n'Roll-Tour würde wahrscheinlich neben mir viele weitere Zweifler überzeugen...

Jürgen Ruland, 20.06.2005

 

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