Gotthard

Original Album Classics


CD-Review

Reviewdatum: 29.09.2015
Jahr: 2015
Stil: Hard Rock

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Redakteur(e):

Epi Schmidt


Gotthard
Original Album Classics, Sony Music, 2015
Steve LeeVocals
Leo LeoniGuitar
Mandy MeyerGuitar
Marc LynnBass
Hena HabeggerDrums
Produziert von: Chris Von Rohr / Leo Leoni & Chris Von Rohr - "Homerun" Länge: 254 Min 49 Sek Medium: CD
"Gotthard":(1992)
01. Standing In The Light07. Take Me
02. Downtown08. Angel
03. Firedance09. Lonely Heartache
04. Hush10. Hunter
05. Mean Street Rocket11. All I Care For
06. Get Down12. That's It
"Dial Hard":(1994)
01. Higher07. Get It While You Can
02. Mountain Mam08. Come Together
03. Here Comes The Heat09. Dirty Devil Rock
04. She Goes Down10. Open Fire
05. I'm Your Travellin' Man11. I'm On My Way
06. Love For Money
"G.":(1996)
01. Sister Moon08. Fist In Your Face
02. Make My Day09. Ride On
03. Mighty Quinn10. In The Name
04. Movin' On11. Lay Down The Law
05. Let It Be12. Hole In One
06. Father Is That Enough?13. One Life, One Soul
07. Sweet Little Rock'n'Roller14. He Ain't Heavy, He's My Brother
"Open":(1999)
01. Free And Alive08. Want You In
02. Vision09. Tell No Lies
03. Got To Be Love10. Back To You
04. Let It Rain11. Best Time
05. Blackberry Way12. Hey Jimi
06. You13. Peace Of Mind
07. Cheat & Hide
"Homerun":(2001)
01. Wun Ga-Li07. Eagle
02. Everything Can Change08. End Of Time
03. Take It Easy09. Say Goodbye
04. Light In Your Eyes10. Reason To Live
05. Heaven11. Come Along
06. Lonely People12. Homerun

It's the singer, not the song“, diese überstrapazierte Floskel (auch mal ein ROLLING STONES-Songtitel) trifft tatsächlich sehr, sehr häufig zu. Klar, oftmals überwiegt auch die Qualität des Liedes (wie vielleicht bei Bob Dylan hin und wieder), aber was wären besagte STONES ohne ihren Mick Jagger? Oder, wie ein Austausch schief gehen kann, haben einst auch IRON MAIDEN gemerkt und bewiesen, als sie ohne ihren Bruce auskommen mussten/wollten. Tatsache ist: So ein Sänger ist nicht nur Stimme, sondern auch Gesicht, Aushängeschild und Image einer Band. Das traf zu einem gehörigen Maß auch auf die Schweizer Band GOTTHARD zu. Steve Lee war ausdrucksstarke Stimme, extrovertierter Frontmann und Frauenschwarm, der auch noch gut rocken konnte. Aber natürlich sich mittels schmachtender Balladen tief in Ohr und Herz der zarter besaiteten Fans schmeicheln konnte.
Dass man eine vergleichsweise junge Band bereits in die “Original Album Classics“-Reihe von Sony aufgenommen hat, spricht allerdings dafür, dass auch musikalisch und songtechnisch einiges vom Rest der Band geboten wurde. Und wird. Leider seit dem tragischen Unfalltod von Steve Lee, 2010, mittlerweile ohne diesen.

Es geht hier um die ersten fünf Studioalben von GOTTHARD. Die zwischendurch veröffentlichte Live-Akustik-Scheibe “D-Frosted“ bleibt außen vor. Es sind sicherlich mit die wichtigsten Scheiben im Katalog der Band und man kann damit gut deren Aufstieg nachvollziehen. Maßgeblich gepusht und beeinflusst von (damals) Ex-KROKUS-Basser Chris Von Rohr, der im Studio die Regler schob und allgemein die Fäden zog, sind etliche Titel aus der damaligen Zeit heute Klassiker und fester Bestandteil im GOTTHARD-Repertoire. Man denke nur an Stampfer wie Firedance, Headbanging-Stücke, wie Get Down oder der kongenialen Adaption Hush - allesamt vom ersten Album, welches mit dem knallharten Riffs von Standing In The Light eröffnet wurde. Wie gesagt, der Sänger macht es letztlich aus, und Steve Lee schaffte mühelos den Spagat zwischen David Coverdale und Robert Plant. Ok, der ist nicht sooo groß und es gab ja auch noch dehnbare Beinkleider.
Nichtsdestotrotz ging es gut ab und auch wenn Leo Leoni da noch als alleiniger Axe-Man zugange war, wurden teils schon effektvolle zweistimmige Gitarrenparts eingeflochten. Unter anderem in Angel, welches auch auf jedes WHITESNAKE-Album nach “1987“ gepasst hätte.

Auch mit “Dial Hard“ wählte man 1994 die richtige Nummer, ging mit noch mehr Schwung an die Sache heran. Hier sind zu Hard Rock-Klassikern mutierten Mountain Mama und Dirty Devil Rock die aufgeblendeten Scheinwerfer und man muss schon sagen, die Produktion von Chris Von Rohr hat da einiges ausgemacht. Richtig geile, straighte und harte Gitarrenbretter dröhnen da aus den Boxen.
Ja, vor allem mit I’m On My Way zeigt sich auch eine gewisse Balladen-Vorliebe, die, mit so einer Stimme vorgetragen, ja auch vorerst angenehme Verschnaufpausen bot. Die Zeile “ Roadies take the stage. They’re the first to come and the last to go“, hat man zwar von Jackson Browne übernommen, jedoch besser bei den Besten klauen.
Womit die wieder sehr gut gemachte Coverversion von Come Together (THE BEATLES) auch legitimiert wäre.
Meisterstück und karrieredefinierend war wohl das Album “G.“. Wer so eine Flut von grandiosen Songs vom Stapel lassen kann, wie Sister Moon (hat man sich gut an AEROSMITH angelehnt), Make My Day (härtere SCORPIONS standen da wohl Pate), Sweet Little Rock’n’Roller (nein, kein Chuck Berry, etwas Eigenständigkeit hat man auch als Schweizer), den harten Boogie Lay Down The Law, die Über-Ballade One Life, One Soul und noch geschickte Coverversionen, wie Mighty Quinn und He Ain’t Heavy, He’s My Brother (auf Letzteres hätte man allerdings ruhig verzichten können), der ist angekommen. Spätestens mit “G.“ waren GOTTHARD kein “schweizer Phänomen“ mehr, sondern eine ernst zu nehmende Größe im Hard’n’Heavy-Zirkus.

Wobei man sich mit dem folgenden Album, “Open“, gleich wieder Kredit verspielte. Wer mit einer wachsweichen Nummer, wie Free And Alive, einen auf EAGLES macht und damit noch das Album eröffnet, macht die Rockfraktion nicht unbedingt glücklich. Okay, Got To Be Love hat einen wundervollen “Southern”-Touch, zweistimmige Harmonie-Gitarren und Sunshine-Feeling und natürlich geht auch das Cover von Blackberry Way (THE MOVE) locker ins Ohr, aber… Hard Rock ist was anderes. I Want You In hätte man ja kaum BON JOVI zugetraut und letztlich vertraut man bei fast jedem Song allein auf die stimmliche Ausdruckskraft von Steve Lee und setzt mehr auf Soundspielereien.
Für sich genommen, kein schlechtes Album, aber kein Vergleich zu den Vorgängern.

Dem kommerziellen Erfolg war so eine Bandbreite natürlich eher förderlich und so setzte man mit “Homerun“ noch mehr auf die Pop-Karte. Mehr computerisierte Beats, mehr weibliche Background-Chöre, zurückgestutzte Gitarren-Sounds, mehr Tasten-Klänge… you name it.
Songs wie Take It Easy sind so banal-poppig, dass sie direkt Ballermann-tauglich sind und auch Come Along - trotz ein paar hoffnungvoller Gitarren-Riffs – stampft zu gleichförmig dahin.
Dazwischen mal mit Lonely People einen auf MR. BIG gemacht, und auch das in Ansätzen rockige End Of The Time kriegt man wieder verwässert.
Und man sieht, eingangs zitierter Songtitel stimmt zwar irgendwo noch, aber allein das, reicht – zumindest wenn man nicht nur im Mainstream zu Hause ist – dann doch nicht aus.
Der Bandname war ja mal als nettes Wortspiel gedacht, welches sich nicht nur auf das Gebirgsmassiv bezieht, sondern, wenn man das zweite “T“ im Namen umdreht, soviel bedeutet, dass es jemand “hart bekommen“ hat. Das trifft auf die ersten drei Alben hier absolut zu, mit den beiden folgenden wurde man dann eher etwas getätschelt.
Man besann sich später wieder eines Härteren, aber die Klasse der ersten drei Scheiben blieb unerreicht.
Als Erinnerung und Würdigung jener Zeit und besonders der Fähigkeiten von Steve Lee ist diese Box durchaus geeignet (R.I.P.).

Epi Schmidt, 25.09.2015

 

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