Gov't Mule

Dose


CD-Review

Reviewdatum: 24.06.2008
Jahr: 1998

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Redakteur(e):

Steve Braun


Dose, Evangeline Records, 1998
Warren HaynesVocals, Guitars
Allen WoodyBass
Matt AbtsDrums, Percussions
Produziert von: Michael Barbiero Länge: 65 Min 27 Sek Medium: CD
01. Blind Man In The Dark07. John, The Revelator
02. Thorazine Shuffle08. She Said, She Said
03. Thelonius Beck09. Larger Than Life
04. Game Face10. Raven Black Night
05. Towering Fool11. I Shall Return
06. Birth Of The Fool

Das "Früher-war-alles-besser-Syndrom" breitet sich epidemieartig aus. Wieviel Millionen von Bewohnern des blauen Planeten an dieser -zugegebenermaßen harmlosen- Krankheit leiden, kann man nur schätzen. Ich vermute ebenfalls, daß der Prozentsatz der Betroffenen in Deutschland im Spitzenbereich liegen wird. Was soll denn diese blöde Einleitung wird sich jetzt der oder die Eine bzw. Andere fragen!? Nun, das kann ich anhand der 1998er "Dose" von GOV'T MULE wunderbar aufdröseln.

Fraglos gehört "Dose" zu den besten Aufnahmen, die MULE jemals auf Tonträgern verewigt haben. Mit ihren ersten 3 bis 4 Alben füllten sie die gähnende Leere, die Musiker wie CREAM, MOUNTAIN, FREE, Jimi Hendrix, LED ZEPPELIN hinterlassen haben. Es gab halt einfach keine guten Trio's mehr. Spätestens ab Mitte der 70er Jahre begann sich diese Szene aufzulösen - die Produktionen wurden immer bombastischer - die Krätze des Business, der Synthesizer, infiltrierte mit immer leistungsstärkeren Geräten die Studios und Bühnen dieser Welt. Dazu kam dann noch die Digitalisierung der Sounds - Segen oder Fluch, das war/ist hier die Frage. Wahrscheinlich sowohl das Eine wie das Andere. Um's jetzt wirklich abzukürzen: die Fans wurden immer hungriger nach echter, ehrlicher, handgemachter Musik und da kamen Mitte der 90er GOV'T MULE. "Dose" war genau der Stoff, auf den der ausgehungerte Trio-Fan fast zwei Dekaden lang gewartet hatte.

Aber GOV'T MULE blieben nach "Dose" nicht einfach stehen. Nein, sie entwickelten sich weiter, begannen Piano's und Hammond's in ihren Trio-Blues-Rock zu integrieren. Wer selbst Musiker ist weiß, daß Wurlitzer, Fender Rhodes und Hammond durch und durch analoge Technik besitzen, also über ein "Eigenleben" wie bspw. eine Gitarre verfügen. Die Aussage, die Musik GOV'T MULEs wäre nach der "Dose" nicht mehr authetisch gewesen, greift also für mich nicht.
Spätestens nach Allen Woddys Tod und der folgenden CD "The Deep End Vol.1" wurden die Rufe der Unzufriedenen immer lauter, die der Erweiterung des Blues-Rocks durch immer mehr "jammige" Elemente -um's jetzt diplomatisch auszudrücken- kritisch hinterfragten [teilweise ging das schon heftigst unter die Gürtellinie!]. Den Grundtenor der Kritiker kann man mit "Früher war alles besser" auf den Punkt bringen, womit wir beim gleichnamigen Syndrom angekommen wären. Diesen Gedankengang mußte ich unbedingt einmal loswerden, weil nach dem Erscheinen eines JEDEN neuen Albums von MULE diese Diskussionen auf's Neue angefacht werden - es nervt so langsam!!

Die "Dose" steht für mich ganz oben bei meinen MULE-Favoriten, sind da doch Songs dabei, die zu wahren Hymnen wurden und die einfach in jedes Live-Set gehören. Da sind zuforderst natürlich Blind Man In The Dark, Thorazine Shuffle, Game Face und I Shall Return zu nennen. Aber auch Thelonius Beck gehört dazu, der live auf weit über 10 Minuten 'gejammt' wird. Larger Than Life ist gar eine meiner Lieblings-Nummern, gar keine Frage!
Drei Tracks hat's aber, die leider etwas im Schatten stehen und nur sehr selten in Live-Set's auftauchen. Towering Fool ist so ein Mauerblümchen, eine ungemein intensive, zutiefst aufwühlende Ballade. Raven Black Night ist mein ständiger Begleiter, wenn ich 'mal wieder durch dunkelste Tiefen muß - eine "unplugged" Nummer, mit Allen Woody an der Mandoline. Ja, und dann natürlich noch She Said, She Said, ein hammerhartes Cover, von dem die Beatles in dieser Form nicht 'mal träumen konnten. Zu unbedarft waren deren musikalischen Möglichkeiten.
Bleiben nur noch zwei Nummern, die ich natürlich ebenfalls zumindest erwähnen muß: das jazzige Birth Of The Mule und das Traditional John, The Revelator, das dem Besucher der viel zu seltenen Deutschland-Gigs von GOV'T MULE hinreichend bekannt sein dürfte - dort seit kurzem Keyboarder Danny Louis an der Trompete zu hören.

Natürlich ist "Dose" ein Pflichtkauf - jeder, der mit den eingangs erwähnten Trio's etwas anfangen kann, kann blind zugreifen. Nicht ganz so "forzzdrogge" wie der Erstling, aber trotzdem knallharter Trio-Blues-Rock, der einem das Wasser in die Tränendrüsen treibt. Diese Zeiten scheinen endgültig der Vergangenheit anzugehören, aber bei Warren Haynes kann man nie ganz sicher sein. Nichts, aber auch garnichts läßt sich dieser Bär vorschreiben, weder von Fans noch von Kritikern. Er macht sein Ding und ist stur genug, jeden Sturm der Empörung an sich abperlen zu lassen. Wer weiß', vielleicht überraschen uns GOV'T MULE bald wieder mit einem Blues-Album.

Steve Braun, 24.06.2008

 

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