Green Day

American Idiot


CD-Review

Reviewdatum: 14.10.2004
Jahr: 2004

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Redakteur(e):

Jürgen Ruland


Green Day
American Idiot, Warner Music Group, 2004
Billie Joe Armstrong Guitar, Lead Vocals
Mike Dirnt Bass, Vocals
Tre Cool Drums, Vocals
Gäste:
Rob Cavallo Piano
Jason Freese Saxophone
Kathleen Hanna Vocals
Produziert von: Rob Cavallo & Green Day Länge: 57 Min 16 Sek Medium: CD
1. American Idiot8. She's A Rebel
2. Jesus Of Suburbia9. Extraordinary Girl
3. Holiday10. Letterbomb
4. Boulevard Of Broken Dreams11. Wake Me Up When September Ends
5. Are We The Waiting12. Homecoming
6. St. Jimmy13. Whatsername
7. Give Me Novacaine

Wanna have a good time? Dann biste hier genau richtig!!
Nicht dass wir uns falsch verstehen, hier wird nicht mal eben munter fröhlich drauflos gespielt, mitnichten ist dieses der Fall. Nein, hier präsentiert sich eine Band, die viele wahrscheinlich immer noch als Kinderpunk abtun. Ich will mich da gar nicht ausschließen, die ersten beiden Alben "Dookie" (1994) und "Insomaniac" (1996) konnten mich bis auf einige Singlehits nicht sonderlich überzeugen. Basket Case oder When I Come Around waren nette Songs und große Hits, doch dafür ein Konzert von GREEN DAY in einer großen Halle (Köln, Sporthalle . wenn ich nicht irre) besuchen?

Der dritte Longplayer "Nimrod" wurde mir 1998 beim Besuch eines Media Marktes in voller Lautstärke um die Ohren gehauen. Denen glaubte ich kaum zu trauen. Klang das nicht wie GREEN DAY? Irgendwie schon ... nur die Songs hatten mittlerweile ein anderes Kaliber. Zwar noch immer recht simpel gestrickt, doch schon der Opener Nice Guys Finish Last überzeugte durch eine auffallende Melodik. Die Band verwendete verstärkt diverse Rhythmen und Tempi, was "Nimrod" zu einer großen Weiterentwicklung werden ließ. Die Melancholie hielt verstärkten Einzug in ihre Kompositionen, man höre sich da als Beispiel Redundant an. Perlen des Punk-Pop-Rocks wie Scattered oder Worry Rock ließen aufhorchen.
Im Jahre 2000 dann mit "Warning" das bis dato experimentierfreudigste Album, welches durchwachsene Kritiken erntete. Da gab es Akkordeon, Xylophon, Mandoline und Streicher bei Misery, Macy's Day Parade versank mit seinen balladesken akustischen Tönen und Streichern im Hintergrund geradezu in Melancholie. Akustische Gitarren zuhauf und nur wenige Songs im typischen GREEN DAY Gewand. Nur, was ist denn eigentlich typisch für dieses Trio?

Vier Jahre später im Kalender, und "American Idiot" ist jüngst veröffentlicht worden. Ich frage mich, wie das so ist mit den Töpfen. Ist das hier ein Eintopf aus netten und gefälligen punkigen Popsongs oder poppigen Punksongs geworden? Oder etwas ganz anderes? GREEN DAY sind ihren Kinderschuhen längst entwachsen und haben wenig gemein mit BLINK 182 und Konsorten. Genau so wenig allerdings auch mit Punk a la U.K. SUBS, THE EXPLOITED oder den SEC PISTOLS. Und auch nix gemein mit skandinavischem Schweinerock (BACKYARD BABIES, GLUECIFER). Die Band hat inzwischen ihre eigene kleine Nische gefunden. "American Idiot" zeigt Billie Joe und seine Kumpanen in Höchstform. Der Sound hat sich wenig bis kaum geändert, die Kompositionen haben enorm zugelegt. An Qualität wie auch u.a. an Spieldauer.

Die Single American Idiot zeigt GREEN DAY wie man sie von ihren vorherigen Auskopplungen kennt. Kurzer melodischer Punksong, der hier mit einem kritischen Text glänzt. Das Album enthält mit Jesus Of Suburbia (9:08) und Homecoming (9:18) zwei Tracks von einer zuvor nicht gekannten Spieldauer. Beide Songs sind in jeweils fünf Kapitel unterteilt und bieten ein Feuerwerk an Melodien und Riffs in diverser Geschwindigkeit. GREEN DAY sind gewiss nicht die neuen THE WHO, auch wenn von einem Konzeptalbum die Rede war. Die Könner der Drei-Minuten-Songs beweisen allerdings, dass sie es auch anders können. She's A Rebel und Letterbomb zeigen GREEN DAY ähnlich rockig wie auf der Single mit Albumtitel und beweisen zum x-ten Mal, dass sich die Jungs so was quasi aus dem Ärmel schütteln können.
Sie können aber auch anders, ganz anders. Boulevard Of Broken Dreams beginnt mit verzerrt schwingender Gitarre, um dann in einen akustischen Teil abzugleiten. Der Song wechselt zum Refrain wieder ins Elektrische und glänzt mit hervorragender Melodie und angenehmen Backing-Vocals. Give Me Novacaine ist ähnlich aufgebaut, sobald einen die akustischen Teile eingelullt haben gibt's eine Portion Elektrik dazu. Ganz starker Song.
Extraordinary Girl startet mit Bongoelementen, um zu einem Song umzuschlagen, wie ihn vielleicht sogar die BEATLES in ihren frühen Jahren hätten bringen können.
Wake Me Up When September Ends, ebenfalls akustisch startend, steigert sich in seinem Verlaufe zu einer absoluten Songperle mit klasse Drums und Gitarren. Klasse nicht unbedingt im Sinne von Virtuosität, hier ist die Stimmigkeit gemeint. Es passt einfach alles perfekt zusammen und das Resultat sind zeitlos gute Songs wie besagtes Wake Me Up....

"American Idiot" strotzt vor Abwechslung, und selbst der letzte Track Whatsername ist nicht irgendein Rausschmeißer sondern erneut ein Titel welcher sich nach und nach aufbaut und zum x-ten Mal mit einer tollen Melodie glänzt. Wer an WEEZERs grünem Album (schlicht "Weezer" genannt) von 2001 seine helle Freude hatte wird hier ebenfalls bestens bedient.
Wenn ich überhaupt einen Schwachpunkt ausmachen kann dann vielleicht Holiday, das mit seinem Chorus leicht aufgesetzt wirkt. Bei fast einer Stunde Spielzeit durchaus verzeihlich.

Billie Joe's Gitarren klangen nie abwechslungsreicher. Hier wird weder gebraten bis die Schwarte kracht, noch wird an der nötigen Power gespart. Aber ... es wird gezielt eingesetzt. Die ständige Abwechslung sorgt für angenehme Überraschung, und werden mal kurz die RAMONES zitiert (Rock And Roll Girlfriend), so schlägt das Pendel sofort wieder in die entgegengesetzte Richtung.
Viel war von Melancholie die Rede, wie kann man da von good time reden? Kann man, denn hier zerfließt keiner in Selbstmitleid, bei allen nachdenklichen Tönen macht "American Idiot" schlichtweg ungemeinen Spaß. Es sind keine Übermusiker am Werk, im Rahmen ihrer Möglichkeiten hat man jedoch ein Optimum erzielt. In dieser Form ist noch viel Gutes von dieser Band zu erwarten. GREEN DAY mögen nicht mehr so angesagt sein wie einst, wer jedoch die Bochumer Zeche innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, kann so wenige Anhänger nicht haben.

Zum Abschluss ein Wort in eigener Sache. Die Kritik mag sehr positiv ausgefallen sein, Hintergrund ist aber auch, dass ich noch zu den Leuten gehöre die sich ihre Alben kaufen. Und kaufen tut man sich eigentlich nur etwas, was einem auch gefällt. Ausnahmen sind sicherlich die sogenannten "Blindkäufe", die aber in wirtschaftlich schweren Zeiten wenig angesagt sind. "American Idiot" war ein solcher Kauf, mir war lediglich die gleichnamige Single bekannt und ich habe mich u.a. auch auf die Kritiken anderer Schreiber verlassen. Immer geht das nicht gut. Nachzulesen bei den BACKYARD BABIES. So, und nun viel Spaß beim weiteren Stöbern im HoR oder vielleicht ... AMERICAN IDIOT.

P.S.: Von einem Konzeptalbum ist die Rede. "Jesus Of Suburbia", "St. Jimmy", "Whatsername". taucht alles mehrfach im Text auf. Nur irgendwie verstanden habe ich das nicht. Vielleicht kann das hier einer fortsetzen...

Jürgen Ruland, 14.10.2004

 

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