Grey de Lisle

The Graceful Ghost


CD-Review

Reviewdatum: 01.01.2000
Jahr: 2004

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Redakteur(e):

Frank Ipach


Grey de Lisle
The Graceful Ghost, Sugar Hill Records, 2004
Grey de Lisle Vocals, Autoharp, MusicBox
Murray Hammond Vocals, Acoustic Guitar, Indian Harmonium, Thunderplate
Marvin Etzioni Acoustic Guitar, Banjolin, Celeste, Pedal Harmonium, Piano, Standup Bass
Sheldon Gomberg Standup Bass
Produziert von: Marvin Etzioni Länge: 36 Min 28 Sek Medium: CD
1. The Jewel Of Abilene7. Turtle Dove
2. Sweet Savior's Arms8. Black Haired Boy
3. Sharecroppin' Man 9. Katy Allen
4. Walking In A Line10. This White Circle On My Finger
5. The Maple Tree11. Sawyer
6. Tell Me True12. Pretty Little Dreamer

Im Gegensatz zu ihrem sehr empfehlenswerten letzten Album "Homewrecker", das sich im Spannungsfeld zwischen Soul, Rock, Blues und Pop bewegte, beschränkt sich die in Los Angeles beheimatete Sängerin Grey de Lisle nunmehr auf die Präsentation ihrer ganz persönlichen Sichtweise auf die amerikanische Folk-Music des 19. Jahrhunderts.

Diese einzigartige Stimmung, basierend auf authentischem Instrumentarium und auch textlich historischen Sujets, versucht sie dem geneigten Hörer in elf Eigenkompositionen und einem Fremdtitel näher zu bringen. Es ist schon erstaunlich wie hier eine junge Frau des 21. Jahrhunderts Kraft ihrer wandlungsfähigen Stimme und unter Zuhilfenahme einiger versierter Instrumentalisten den verstaubten Schleier der Vergangenheit lüftet und durchaus veritable Traditionspflege betreibt.

Ihre Mitstreiter rekrutieren sich aus erfahrenen Roots-Kreisen und weisen mit Marvin Etzioni, der mit LONE JUSTICE, COUNTING CROWS und TOAD THE WET SPROCKET zusammenarbeitete und Sheldon Gomberg (Ryan Adams, Warren Zevon) recht illustre Namen auf. Ihrem Ehemann Murry Hammond, den wir von den OLD 97'S kennen, verdanken wir einige wunderbar romantische Gesangsduette, die mit zu den Höhepunkten dieses Albums zählen. Eine echte Herzensangelegenheit.

Der vorliegende Songreigen funktioniert nicht zu jeder Zeit und Gelegenheit, weil diese ganz spezielle Stimmung dem Hörer eine erhöhte Aufmerksamkeit und Verständnis abfordert. Der Musik-Fan mit Folk-Affinität sollte (die passende Stimmung vorausgesetzt) allerdings dem Charme dieser intimen Aufnahmen erliegen. Es gelingt den Beteiligten in vielen Momenten dieses ungezwungene Veranda- bzw. Wohnzimmer-Feeling zu transportieren, das in den alten Tagen die Folk-Musik in ihrem Selbstverständnis bestimmte. Insofern folgt Mrs. de Lisle einem ähnlichen Ansatz wie June Carter Cash auf ihrem letztjährigen Abschiedsalbum.

Die Platte enthält keine sonderlich hervorstechenden Songs. Sie funktioniert nur als Ganzes. Alles schlendert unauffällig, aber erhobenen Hauptes, längs dieses staubigen Kieselsteinwegs mitten in die untergehende Sonne eines fast vergessenen Spätsommers. Grey de Lisle zeichnet romantische und bittere Schicksale und im Mittelpunkt ihres aufgewühlten Claims prangt stolz eine windzerzauste Fahne auf der nur noch folgendes Wort zu erkennen ist: Liebe.

Grey de Lisles Ausdruck künstlerischer Freiheit lässt sich mit diesem Zitat am ehesten belegen: "I don't want people to know what a Grey de Lisle record sounds like before they listen to it".
Nun, das ist ihr wohl gelungen. Denn mit so einer Platte durfte man nicht unbedingt rechnen. Was dürfen wir wohl als nächstes erwarten?

Frank Ipach, 01.05.2004

 

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