BAP

Hanau, Amphitheater Hanau, 02.08.2019


Konzertbericht

Reviewdatum: 06.08.2019
Stil: Rock

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Venue: Amphitheater Hanau


Redakteur(e):

Epi Schmidt


BAP zurück in Hanau. Und wir natürlich dabei. Niedecken rätselt selbst, wie oft er mit seiner Truppe schon in Hanau gespielt hat und selbst im ausverkauften Amphitheater ist sich keiner so sicher. Was der Freude keinen Abbruch tut, denn wir haben ja Drei Wünsch frei, wie wir in der Eröffnungsnummer erfahren. Von Beginn an ist der Sound richtig gut und kommt klar und druckvoll von der Steinbühne.

Lead-Sänger und Band offensichtlich gut gelaunt und dass als zweite Nummer bereits Waschsalon folgt, das befeuert das nur. Da “wischen“ die Unterarme bereits begeistert durch die Luft. Und das liegt nicht zuletzt am “neuen Gewand“, denn, wie wir von der Live-Scheibe “Live & Deutlich“ bereits wissen, lassen sich BAP aktuell von einer dreiköpfigen Bläsersektion pushen. Und das schiebt ordentlich!

Die Setlist ist fein ausgeklügelt und wechselt gekonnt zwischen Songs neueren Datums und alten Klassikern. Zu Letzteren zählt auch Widderlich, das, wie Wolfgang anmerkt, er in weißer Voraussicht schon einst für die AfD geschrieben hat. Gitarrist Ulrich Rode wechselt praktisch zu jedem Lied die Gitarre, verändert so hier und da die Klangfarbe und klingt immer hervorragend. Nie zu laut in den Vordergrund drängend, aber immer präsent und der Musik den nötigen Drive gebend.

Zu den Klassikern gehört natürlich auch Diss Naach ess alles drin. Mit der zusätzlichen Musikerauswahl, kann, durch Christoph Moschberger das nötige Trompetensolo eingefügt werden. Hatte man fast schon wieder vergessen, oder?

Zum Flair von BAP gehören auch Niedeckens Ansagen, der immer bestens vorbereitet auf lokale Gegebenheiten hinweist, oder einen Schwank aus der eigenen Karriere parat hat. Und wenn nichts parat ist, dann gibt es immer noch den Fussball. Frankfurt liegt nicht weit entfernt und Wolfgang erwähnt gerne, dass sich der “der Effzeh“ freut wieder in der 1. Liga gegen die Eintracht zu spielen. Da muss Nix wie bessher, mit seiner Bolzplatzstory, einfach kommen.

Ob sich der Jebootsdaachspogo als Happy-Birthday-Ersatz etabliert lass ich dahingestellt, aber wie die aufmarschierende Bläser-Abteilung da eine wundervolle New-Orleans-Stimmung einbringt, das hat absolute Klasse.

Frauennamen mit vier Buchstaben haben bei BAP Tradition und gibt es reichlich. Zum Beispiel in Rita, mir zwei, oder in Anna. Ja, man ist so ganz sachte in den “Liebeslieder-Block“ geschlittert, wie Niedecken zugibt. Eines der schönsten im BAP-Repertoire ist zweifellos Do kanns zaubere und – wenn auch kein klassisches Liebeslied – da reiht sich die Ruut-wieß-blau querjestriefte Frau gerne dahinter ein. Komplett mit den passenden Schals, die Niedecken und der wieder im Line-Up stehende Bassist Werner Kopal aus dem Publikum verehrt bekommen und bei dieser Nummer tragen.

Dausende von Liebesleeder kriegen wir aber nicht zu hören (auch wenn dieser Song bald ertönen sollte), denn jetzt kommt mit Aff un zo wieder Stimmung ins Rund. Dem Reggae-Beat kann man sich, zumal bei den angenehmen Temperaturen, nicht entziehen und das Publikum ist sowieso den ganzen Abend immer gut vernehmbar, wenn es ums Mitsingen geht.

Ich freu mich besonders über Frau, ich freu mich und auch hier macht die Hinzunahme der Bläser wieder enorm viel Spaß und gerade live profitiert der Song davon total.

Die angesprochenen “Liebesleeder“ sowie Absurdistan und die Vision von Europa entziehen die Partystimmung etwas, aber BAP waren eben nie nur eine Band zum “affrocke“, sondern auch, um den Texten zuzuhören und sich zum (Um-)denken inspirieren zu lassen. Es kommt trotzdem nicht oberlehrerhaft rüber, weil Niedecken sehr genau weiß, wo er die Grenze ziehen muss, damit die Stimmung oben bleibt.

Mir selber ist Kristallnaach, gerade in diesen Zeiten, nicht als “Feiersong“ geeignet, aber natürlich muss dieses Lied kommen und vor allem so, wie es die Band in den letzten Jahren neu arrangiert, hat es eine neue Qualität. Und damit auch wirklich keine Unklarheiten zurück bleiben, folgt anschließend Arsch huh, Zäng ussenander! So wie hier aus dem Publikum mitgesungen wird, ist zu hoffen, dass die Anwesenden das beherzigen.

Und schon sind wir am Ende des Sets angelangt und die Band schickt sich zur Verabschiedung an.

Klar, dass sich damit keiner zufrieden gibt und jetzt geht es so richtig ins Finale: Nemm mich met, da bleiben keine Lippen verschlossen und der in zwei Jahren 70-jährige scheint mindestens im dritten Frühling zu sein, so wie stimmlich problemlos durchhält. Es gibt bei BAP auch Frauennamen mit sieben Buchstaben. Ehe man nachgezählt hat, folgt mit Alexandra, nit nor do der nächste Klassiker und wo wir von Klassikern reden, muss auch mal gewürdigt werden, welch hervorragende Arbeit Michael Nass an den Keyboards und ihm gegenüber, auf der anderen Seite der Bühne, Anne de Wolff an Geige, Perkussion, Gitarre… (und etlichen weiteren Instrumenten) verrichten. Unverzichtbar im BAP-Sound und gleichzeitig außergewöhnlich sympathisch. Nass hat sogar als “Zeremonien-Meister“ einen neuen Job zu verrichten.

Die Würdigung für Drummer Sönke Reich übernimmt dieser höchstselbst, mit dem Drum-Solo, dass er in “Alexandra“ einstreut. Und die Bläser-Truppe setzt sich in der “Balkan-Version“ (OT Niedecken) von Stell dir vüür erneut aufs Beste in Szene. Wenn man sieht, mit welchem Spaß die Drei dabei sind, wundert es einen nicht, dass die als fester Bestandteil der Band auch auf dem fürs nächste Jahr angekündigte neue Album vertreten sein sollen.

Ein Überraschungsgast ist hier heute Abend vertreten, mit zumindest ich nicht gerechnet habe: Der langjährige BAP-Drummer sitzt plötzlich an der Schießbude! Jubel und Applaus sind im gewiss und auch Wolfgang Niedecken freut sich sichtlich über den alten Freund. Bei Wellenreiter überlässt er dann den Gesang nahezu komplett dem Publikum, was die Stimmung nur noch mehr steigert. Sofern das möglich ist.

Nun aber endgültige Verabschiedung, oder?`Denkste! Da fühlt man sich an die frühen Tage der Band erinnert, wenn nach 2 ½ Stunden immer noch nicht Schluss ist. Mit Paar Daach fröher wird es zwar nochmal „zartfühlend und romantisch“, doch hier ist für uns heute “der Nabel der Welt“ und singt man wie einst bei diesem wunderschönen Titel mit. Das “Lied für meinen Vater“ darf natürlich nicht fehlen und so rockt Verdamp lang her uns dann schließlich zum Finale.

Oder doch nicht? Irgendwie scheint die Band von der heutigen Kulisse genug angetan und überwältigt zu sein, dass sie nicht so recht den Weg von der Bühne findet und nach einer kurzen Einweisung, dass auf Kölsch kein “G“ gibt... Verzeihung: “jibt“, darf sich das gesamte Amphitheater bei Jraaduss ein weiteres Mal im Gemeinschaftschor üben: “Bliev do wo de bess, halt dich irjendwo fess, un bliev su wie de wohrs – Jraaduss!“

Gute drei Stunden sind vorbei. Künstler und Besucher strahlen um die Wette und für übernächstes Jahr hat Niedecken schon die Rückkehr nach Hanau in Aussicht gestellt. Ich denke mal, die Meisten werden nach diesem Abend wieder dabei sein.

(Fotos: Epi Schmidt)

 

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