Jorn

Unlocking The Past


CD-Review

Reviewdatum: 01.04.2007
Jahr: 2007

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Jorn Homepage



Redakteur(e):

Jürgen Ruland


Unlocking The Past, Frontiers Records, 2007
Jorn Lande Vocals
Jörn Viggo Lofstad, Tore Moren, Ronnie Le Tekrö, Ralph Santolla, Shane French Guitars
Morty Black, Steinar Krokmo, Espen Mjoen, Manfred Binder, Lars Tinderholt Bass
Willy Bendiksen, Stian L. Kristofferson, John Macaluso, Oliver Hanson Drums
Ronny Tegner, Don Airey Keyboards
Produziert von: Jorn Lande u.a. Länge: 49 Min 17 Sek Medium: CD
1. On And On (Schenker/Barden)6. Feel Like Making Love (Rodgers/Ralphs)
2. Fool For Your Loving (Coverdale/Marsden/Moody)7. Kill The King (Blackmore/Dio)
3. Cold Sweat (Lynott/Sykes)8. Perfect Strangers (Blackmore/Glover/Gillan)
4. Lonely Is The Word / Letters From Earth (Butler/Dio/Iommi)9. Naked City (Simmons/Castro/Kulick/Poncia)
5. Burn (Blackmore/Coverdale/Lord/Paice)10. The Day The Earth Caught Fire (Mason/Thomas/Slamer)

Über den Sinn bzw. Unsinn von Cover-Alben lässt sich stundenlang diskutieren und letztlich wahrscheinlich kein gemeinsamer Nenner finden. Vorwürfe wie das "Machen einer schnellen Mark" oder "Ausverkauf" tauchen in diesem Zusammenhang häufig auf und dürften oft genug auch zutreffen.
Verkaufsrekorde werden mit besagten Veröffentlichungen seltenst aufgestellt, jedoch üben diese speziellen Alben sowohl für viele Musiker als auch Fans einen Anreiz aus. In etlichen der Cover-Alben lässt sich bei genauerer Betrachtung oftmals ein roter Faden erkennen. Häufig handelt es sich dabei um Songs, mit denen die Interpreten selber aufgewachsen sind.
Während GOLDEN EARRING sich auf dem Werk "Love - Sweat" (1995) u.a. an Tracks von den BEATLES, ANIMALS oder Bob Dylan versuchten, probierten es DEF LEPPARD ("Yeah!") im Vorjahr überwiegend mit Hits aus der Glamrock-Ära. Wie wichtig es sein kann, dem Material seinen eigenen Stempel aufzudrücken, zeigten die Power-Thrasher OVERKILL 1999, als es auf "Coverkill" mit Deuce (KISS), Tyrant (JUDAS PRIEST) oder Space Truckin' (DEEP PURPLE) dementsprechend heftig zur Sache ging. AEROSMITH entdeckten den Blues neu für sich und setzten das im Jahre 2004 mit "Honkin' On Bobo" gelungen um (... was zugegebenermaßen redaktionsintern nicht unumstritten bleiben sollte...). Empfehlenswert ebenfalls der METALLICA Doppeldecker "Garage Inc." (1998), RUSH ("Feedback", 2004) oder der STYX-Hammer "Big Bang Theory" (2005).

Der Coverdale sing-a-like Jorn Lande versucht es nun in diesem Jahr unter dem Banner JORN mit dem Album "Unlocking The Past". Favorisiert werden Songs aus der Blütezeit des "Classic Rock", sprich Material von DEEP PURPLE, WHITESNAKE, RAINBOW oder BLACK SABBATH, für welche seine Stimme natürlich geradezu prädestiniert ist. Fans besagter Ära sollten der Scheibe unbedingt ihre Aufmerksamkeit schenken, denn Mr. Lande brennt mit wechselnden Begleitmusikern ein Feuerwerk vom überwiegend Feinsten ab. Zumeist bleibt man nahe am Original, doch entsteht bei vielen Tracks der Eindruck einer Live-Darbietung durch Jam-ähnliche Intros oder verlängerte Songenden. In puncto Heftigkeit wird in der Regel eine gewaltige Schippe draufgelegt; Freunde von ungestümen Gitarren kommen voll auf ihre Kosten. Dem Ganzen setzt Jorn Lande mit seinem überirdischen Gesang die verdiente Krone auf.

Den Anfang macht On And On (MICHAEL SCHENKER GROUP; "MSG II"; 1981). Die Gruppe um den deutschen Ausnahmegitarristen Michael Schenker stand zu jener Zeit in ihrem Zenit. Schenker hatte seinerzeit erfahrene Musiker wie Cozy Powell (Drums, ex-RAINBOW), Paul Raymond (Keyboards, damals ex- und Jahre später wieder UFO) oder Chris Glen (Bass, damals ex- und später erneut SENSATIONAL ALEX HARVEY BAND) um sich und seinen Sänger Gary Barden geschart. Das zweite MSG-Album katapultierte die Gruppe um den begnadeten, aber auch als Exzentriker geltenden Deutschen in die erste Liga des Hard'n'Heavy-Genre. Die Platte stand in der Tradition von Alben wie UFOs (Schenkers vorherigen Arbeitgebern) "Phenomenon" (1974) oder "Lights Out" (1977), besaß allerdings eine etwas härtere Grundausrichtung.
Den melodischen Hardrock mit absoluter Eigenständigkeit und beeindruckendem Feeling interpretieren Jorn Lande und seine Begleiter in phänomenaler Weise. Mögen die Soli auch nicht immer die gefühlvolle Genialität eines Michael Schenker erreichen, so ersetzt die spürbar aus den Boxen quellende Power die eine oder andere Feinheit des Originals. Lande singt diese Nummer, als hätte es zuvor einen Gary Barden nie gegeben.
Mit Fool For Your Loving (WHITESNAKE; "Ready An' Willing"; 1980) wagen sich JORN an den nächsten Klassiker. Der ehemalige DEEP PURPLE Sänger David Coverdale hatte 1977 eine Solokarriere begonnen und im weiteren Verlauf seiner Karriere seine ehemaligen Kollegen Jon Lord (Keyboards), Ian Paice (Drums) sowie den Bassisten Neil Murray und die beiden Gitarristen Bernie Marsden und Micky Moody um sich geschart. Das anfängliche Soloprojekt lief zu Beginn der Achtziger bereits seit einigen Alben unter dem Bandnamen WHITESNAKE. "Ready An' Willing" sollte für die Gruppe zum endgültigen Durchbruch (UK Top 10) werden. Die daraus ausgekoppelte Single Fool For Your Loving schaffte es im Mai '80 bis auf einen beachtlichen Platz 13 der britischen Single-Charts.
"Ready An' Willing" ist sicherlich eines der größten, britischen, bluesigen Hardrock-Alben aller Zeiten. Wer bei den Inspirationen eine Spannweite von Hochkarätern wie BAD COMPANY, ROLLING STONES, LYNYRD SKYNYRD, FACES oder STATUS QUO vermutet, dürfte damit irgendwo richtig liegen. Fool For Your Loving, dessen musikalischer Part von Marsden und Moody stammte, hatten die beiden ursprünglich für ihr Idol B.B. KING vorgesehen. Nachdem sie die Power des Songs realisiert hatten, verwendete man den Track glücklicherweise für WHITESNAKE.
JORN bleiben in der Melodieführung ganz eng am Original. Meister Lande klingt so mächtig, wie es David Coverdale vielleicht nur in wenigen früheren Momenten seiner Karriere zustande gebracht hat. Beim Solo im Mittelteil versucht man sich gelungen an einer moderneren Interpretation, während die Gitarren ansonsten mit ihrer Wucht das Original um Längen toppen. Aufgrund des leicht durch Jorn Landes Vocals von der WHITESNAKE-Version abgewandelten Endes erzielt man einen noch des öfteren im Verlauf des Album festgestellten Live-Charakter.

Bereits auf "The Duke" (2006) coverten JORN mit Are You Ready einen Song von THIN LIZZY. Im Fall "Unlocking The Past" hat man sich mit Cold Sweat die erste Single von LIZZYs letzten Album "Thunder And Lightning" (1983) gegriffen. Der Song fiel seinerzeit im Vergleich zum früherem Material der Band um Phil Lynott ausgesprochen heavy aus und erreichte vielleicht gerade deswegen nur die Position 27 der UK-Charts, während das Album unerwartet bis auf den vierten Platz der britischen LP-Hitparade kletterte.
JORN legen härtemäßig noch einige Briketts drauf und lassen Cold Sweat zu einer wahren Wuchtbrumme werden. Auf eine Nachahmung von Phil Lynotts Stimme wird verzichtet, vielmehr klingt der Track schon fast wie eine alte WHITESNAKE-Nummer. Allerdings mit heftigsten gitarristischen Breitseiten, die sich sehr an der Spielweise von John Sykes orientieren und dem Track seinen ursprünglichen Charakter bewahren lassen.
Der nächste Schritt führt in Richtung BLACK SABBATH zu Dio-Zeiten. Mit dem Album "Heaven And Hell" erfanden sich die Briten 1980 quasi neu, nachdem man sich Ende der Siebziger von Ozzy Osbourne getrennt hatte. Gemeinsam mit dem neuen amerikanischen Sänger Ronnie James Dio (ex-RAINBOW) gelang in punkto Songwriting wieder eine gewaltige Steigerung, gleichzeitig wurden leicht geänderte musikalische Wege beschritten, was mit Ozzy als Frontmann unmöglich gewesen wäre. Das dramatisch anmutende Lonely Is The Word beschloss damals einen Meilenstein des Hardrocks. Nachdem Iommi, Butler & Co. sich wenige Jahre später schon wieder von Dio getrennt hatten und 1983 ein Album ("Born Again") mit Ian Gillan einspielten, gingen die "Sabs" Anfang der Neunziger noch einmal mit Dio ins Studio, um den relativ erfolglosen Longplayer "Dehumanizer" aufzunehmen. Dieser enthielt u.a. den Track Letters From Earth.
JORN beginnen den vierten Song des Album, Lonely Is The Word / Letters From Earth, mit einem schleppenden, düsteren, ungemein heavy herüberkommenden Riff, welches das Original zu einer "Light-Version" verblassen lässt. Die Variante "aus zwei mach eins" gelingt vollkommen, der Übergang zu Letters From Earth ist für Freunde des Lava-Rocks ein wahres Fest. Als Schmankerl gibt es zum Ende noch kurze Auszüge von The Sign Of The Southern Cross (vom 81er Album "Mob Rules") und dem Klassiker Children Of The Sea ("Heaven And Hell"). Jorn Lande befindet sich hierbei in einer solchen Wahnsinnsform, dass selbst der legendäre Ronnie James Dio nicht vermisst wird.

DEEP PURPLE nahmen im November 1973, erstmals mit David Coverdale am Mikro, im schweizerischen Montreux ihr Album "Burn" auf. Anfang '74 veröffentlicht, schaffte man es wohl auch aufgrund des fulminanten Titelsongs in der englischen Heimat bis auf den vierten Platz, während es in den USA immerhin noch zu einer knappen Top Ten Platzierung (# 9) reichte. In Deutschland gab es einst für den weltweiten Verkaufsschlager eine goldene Schallplatte.
Auf "Unlocking The Past" wird Burn durch ein heftiges Gitarrensolo eingeleitet, bevor es mit dem klassischen Blackmore-Riff losgeht. Powerdrumming und heftige Gitarren-Attacken lassen die JORN-Variante zu einer absoluten Granate werden. Sich nie zu weit vom Original entfernend, bleibt dennoch genügend Spielraum für eigene Akzente. Lande macht hier vocalistisch "eins aus zwei", sprich das was einst David Coverdale und Glenn Hughes (damaliger PURPLE-Basser und zweiter Vocalist) gemeinsam bestritten, stemmt der Norweger hier alleine. Die Keyboards von Jon Lord nicht ignorieren könnend, gibt es hier auch einmal eine Einlage auf den Tasteninstrumenten.
Jorn Lande bezeichnet sich als großen Fan von BAD COMPANY. Trotzdem war er sich nicht sicher, ob er Feel Like Making Love überhaupt mit auf das Album nehmen sollte. Der Track, im Original aus dem Zeitraum Mitte der Siebziger stammend, weiß in der Neuaufnahme durch die abwechselnd eingesetzten akustischen und elektrischen Gitarren zu gefallen. Kaputt kann man an dem Gassenhauer eigentlich nix machen, und wen es nicht stört, dass Paul Rodgers plötzlich wie ein Mr. Coverdale klingt, der wird an dem Song seine Freude haben. Ich meckere ja auch nicht, dass Freddie Mercury (R.I.P.) durch Herrn Rodgers zu ersetzen versucht wird...

Erstmals taucht Kritik bei Kill The King (RAINBOW; "Long Live Rock'n'Roll; 1978) auf. Da, wo Ritchie Blackmores Gitarre sofort Akzente setzte, nämlich direkt zu Songbeginn, legt hier der Schlagzeuger los. Die rasiermesserscharfe Axt des heutigen mittelalterlichen Spielmannes wird doch arg vermisst und taucht abgeschwächt erst im weiteren Verlauf auf. Selbst Jorn Landes Vocals müssen hier hinter den Ronnie James Dios zurückstehen. JORN spielen keine unbedingt schlechte Version, doch die Punkte gehen bei diesem Track eindeutig ans Original.
Die Reunion der Mark-II-Besetzung (Blackmore, Gillan, Glover, Lord, Paice) von DEEP PURPLE wurde Mitte der Achtziger von einem riesigen Medienecho begleitet, dem 1984 mit "Perfect Strangers" eine Comeback-Scheibe folgte, die mehr als nur eine Wiederaufbereitung der alten Erfolgsformel darstellte. Der Titelsong gehört nicht umsonst bis in die heutigen Tage zum Bestandteil der Konzerte einer sich längst wieder geänderten Besetzung.
Mit dusteren Tönen, wie aus einem Kellergewölbe kommend, nähern sich JORN allmählich dem Thema von Perfect Strangers, um anschließend voll in den Klassiker einzusteigen. Der Track kann ohne Zweifel als "Der Höhepunkt" des Albums bezeichnet werden. Das leicht geänderte Arrangement (u.a. beim Einsatz der Keyboards) gelingt vollkommen, und die phantastische Leistung Ian Gillans im Original wird hier von Jorn Lande scheinbar mühelos erreicht. Eine der besten Cover-Versionen aller Zeiten, wage ich an dieser Stelle mal vorsichtig einzuwerfen.

Leider flacht "Unlocking The Past" anschließend ein wenig ab. Naked City (KISS; "Unmasked"; 1980) wird zwar gekonnt in die heutige Zeit herüber transportiert und wächst mit den Hördurchgängen, doch so richtig zünden will der Song dennoch nicht. Dabei haben doch gerade KISS so viele Klassiker im Gepäck (Detroit Rock City, Shout It Out Loud, Deuce, Cold Gin...).
Mit The Day The Earth Caught Fire beschließen JORN etwas enttäuschend ein unterm Strich starkes Album. Im Original von einer Band namens CITY BOY stammend und einst von Robert John "Mutt" Lange (u.a. AC/DC, DEF LEPPARD, Bryan Adams) produziert, fällt der Track für die hier vorliegende Scheibe ein wenig zu experimentell und progressiv aus.
Die leichte Abwärtskurve zum Ende hin verhindert allerdings nicht, dass der Daumen nach oben gerichtet bleibt und ein "Kauftipp" ausgesprochen wird!

Jürgen Ruland, 01.04.2007

 

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