In Extremo

Fiddler's Green

Ludwigsburg, Arena, 09.04.2011


Konzertbericht

Reviewdatum: 25.04.2011
Stil: Mittelalter Rock

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Redakteur(e):

Martin Schneider


In Extremo, Fiddler's Green,
Ludwigsburg, Arena, 09.04.2011

Lange Schlangen am Einlass zur Arena in Ludwigsburg und ein Blick über die Wartenden macht klar: IN EXTREMO sind im Mainstream angekommen. Wo einst gewandete Mittelalterfans und Gothics das Bild bestimmten, sind sie inzwischen fast zu einer Randerscheinung geworden. Doch kaum ein Besucher, der nicht in einem IN EXTREMO-Shirt klar unterstreicht, wo seine Sympathien liegen.

Dennoch ist die Tour für FIDDLER'S GREEN ein Glücksfall. Auch wenn die Franken inzwischen selbst über eine ansehnliche Anhängerschaft verfügen erreichen sie als Support natürlich ein wesentlich größeres Publikum. Musikalisch passt das auch hervorragend. Der keltisch-irisch geprägte Speedfolk unterscheidet sich deutlich genug vom Hauptact um für einen abwechslungsreichen Abend sorgen zu können und doch ist es ein Sound der den meisten EXTREMO-Jüngern ebenfalls mundet.

Viele kennen die Band natürlich auch durch gemeinsame Festivalshows mit den Spielleuten und so haben die FIDDLERs von Anfang an leichtes Spiel. Viel Platz haben ihnen die Stars des Abends nicht auf der Bühne gelassen, aber ansonsten genießen sie exquisite Bedingungen: Angefangen von opulenten Lichtverhältnissen bis hin zur Mitbenutzung der Projektoren, die ein gigantisches Bandlogo auf den Vorhang zaubern, der die Grenze zwischen Vorprogramm und Hauptact zieht.

Die FIDDLER'S setzen vor allem auf ihre schnellen ‚gute Laune'-Nummern, aus denen The Night Pat Murphy Died und Rocky Road To Dublin herausragen. Nach der Show kennt Ludwigsburg dann auch den Unterschied zwischen einer ‚Wall of Death' und einer ‚Wall of Folk'. Für die Knochen macht es keinen wesentlichen Unterschied, aber im letzteren Fall ist der Soundtrack dazu um Welten besser.

FIDDLER'S GREEN-Fotostrecke

IN EXTREMO, das verheißt eine außergewöhnliche Show und schon der Auftakt setzt Maßstäbe: Ein kurzer Trickfilm mit dem ‚Sterneneisen'-Flugapperat wird auf die Leinwand projiziert. Unvermittelt jagen vom Mischpult drei Feuerwerksraketen Richtung Bühne, der Vorhang fällt in einem Funkenregen zu Boden und die Band stürzt sich kopfüber in eine fulminante Version des Titelsongs.

Visuell war es das aber zunächst einmal. So lange Fotografen vor der Bühne sind köchelt die Show auf Sparflamme um ab Erdbeermund wieder deutlich an Fahrt aufzunehmen. Jetzt kracht und blitzt es ohne Unterlass an allen Ecken und Enden, immer wieder werden kurze Videosequenzen eingespielt, und IN EXTREMO werden zur Augenweide.

Es ist eine perfekte Inszenierung, wie sie derzeit aus deutschen Landen höchstens noch RAMMSTEIN auf die Bühne bringen.

Pünktlich zur Tour hat das aktuelle Album "Sterneneisen" Platz 1 der Charts erobert und satte neun Songs bilden den Löwenanteil des Programms. Zigeunerskat, Gold, Unsichtbar… die Highlights sind an Bord und das auf CD banal wirkende Hol die Sterne entpuppt sich als furchtbar hinterhältiger Ohrwurm, den man tagelang nicht mehr los wird.

Auch wenn es eingefleischte Fans und Band gar nicht gerne hören wollen, aber anno 2011 haben IN EXTREMO nicht mehr viel mit mittelalterlicher Musik zu tun. Wir erleben eine moderne, hart rockende Band, die mit mittelalterlichen Instrumenten ein paar Farbtupfer setzt. Yellow Pfeiffer und Flex der Biegsame setzen zwar noch Akzente, aber Dr. Pymonte wirkt nur in seltenen Momenten wie dem Harfenintro zu Vollmond noch wirklich integriert. Das liegt auch an der Songauswahl, denn frühes Material findet kaum noch Berücksichtigung.

Schade, aber auch mit ihrer aktuellen Fokussierung weiß die Band zu überzeugen und ihr Publikum mitzureißen. Ja, vielleicht sogar gerade weil die Anteile (mittel)alter(licher) Musik in den Hintergrund treten. Auf und vor der Bühne fließt der Schweiß in Strömen, wenn schon nicht durch Bewegung, dann durch die Hitzewellen der Pyros, die immer wieder bis ans hintere Ende der Arena zu spüren sind.

Ein starkes Konzert und irgendwie habe ich das Gefühl, dass IN EXTREMO noch lange nicht den Gipfel des möglichen Erfolges erreicht haben. Bei der nächsten Tour wird wohl die Ludwigsburger Arena zu klein sein und der Umzug in die doppelt so große Schleyerhalle anstehen.

IN EXTREMO-Fotostrecke

Martin Schneider, 09.04.2011

 

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