Tarja

Kings Of Modesty
Eves End

Ludwigsburg, Rockfabrik, 30.09.2009


Konzertbericht

Reviewdatum: 09.10.2009
Stil: Epic Metal

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Redakteur(e):

Martin Schneider


Tarja, Kings Of Modesty, Eves End,
Ludwigsburg, Rockfabrik, 30.09.2009

Unter dem Motto "The final storm" beglückt TARJA fast zwei Jahre nach der Veröffentlichung ihres starken Debüts ein letztes Mal ihre Fans mit dem "My winter storm"-Liveprogramm. Die Nachfrage des Publikums nach der Finnischen Sopranistin ist auch ohne aktuelles Material noch enorm.

Vor der Rockfabrik hat sich bereits früh eine ewig lange Schlange gebildet, die sich mehrere Häuserblocks weit erstreckt. So einen massiven Andrang und gleichzeitig ein so diszipliniertes Publikum ist mir allerdings erst zwei Mal untergekommen: Bei RUNRIG im Barrowlands in Glasgow und bei der CHARLIE DANIELS BAND im LKA, damals in den Achtzigern noch Longhorn. Kein großes Gedränge, kein Geschubse und ein überraschend zügig ablaufender Einlass sorgen für eine angenehme Überraschung.

In der Rockfabrik folgt dann das nächste Deja vu. Der Laden ist fast so brechend voll, wie bei DREAM THEATERs "Images and words"-Tour, wo vielen Besuchern keine andere Alternative blieb als die Show von den Gastrobereichen oder Toiletten aus lediglich akustisch zu verfolgen. Wer einmal einen Platz erobert hat, der halbwegs Blick auf die Bühne verspricht, weicht keinen Zentimeter mehr von dannen und beim kalkulierten Getränkeumsatz dürfte an dem Abend ein großes Loch in der Kasse der Clubbetreiber geklafft haben.

EVES END haben die Chance erhalten als lokaler Support die Show, natürlich vor offiziellem Konzertbeginn, zu eröffnen. Nimmt man die drei, vier Songs die ich noch mitbekomme zum Maßstab, dann darf man durchaus gespannt auf das offizielle Debütalbum der Jungspunde sein, das im Januar 2010 erscheinen soll. Musikalisch darf man sich auf eine solide, wenngleich nur bedingt eigenständige Mischung aus HIM und LACRIMAS PROFUNDERE einstellen. Das ist aber nicht weiter tragisch, denn in dem Genre lässt sich einiges durch gutes und abwechslungsreiches Songwriting auffangen. Zumindest auf der Bühne kommt das Ganze schon recht unterhaltsam rüber. Aufpassen müssen EVES END lediglich, dass sie aufgrund ihrer Optik nicht von der Bravo als die neuen TOKIO HOTEL entdeckt werden.

Gespannt bin ich auf den eigentlichen Support KINGS OF MODESTY, deren Debüt-Album "Hell or highwater" (Review demnächst in desem Theater) durchaus Beachtung verdient. Wie viele ihrer Landsleute haben sich die Finnen melodischen Metal auf die Fahnen geschrieben, der bei Anhängern von Bands wie KAMELOT, PRAYING MANTIS oder ALTARIA auf offene Ohren stoßen wird. Live wirkt die Band noch etwas geradliniger und griffiger, was ihnen ganz gut zu Gesicht steht und ihre eingängigen Hooklines noch besser zur Geltung bringt. Ein guter Auftritt, der meine Erwartungen leicht übertrifft und selbst wenn er keine ekstatischen Begeisterungsstürme im Publikum hervorruft, so werden KINGS OF MODESTY an diesem Abend doch ein paar neue Anhänger dazu gewonnen haben.

Setlist TARJA: Enough, My little Phoenix, She is my Sin, The seer, Minor heaven, I walk alone, Ciaran's well, Tired of being alone, Lost Northern Star, Poison, Oasis, Nemo, Sing for me, Wisdom/Boy/Divide/Calling, Montana di silencio, Deep silent complete, Die alive

Schön, dass Tarja nach ihrem Abgang bei NIGHTWISH der Rockmusik zumindest als Solokünstlerin erhalten geblieben ist, denn ohne die finnische Sopranistin wäre die Szene um eine Attraktion ärmer.

Dennoch: Zwischen Tarja solo und als Stimme von NIGHTWISH liegen live Welten. Tarja hat exquisite Musiker um sich geschart, unter anderem eine phantastische Rhythmussection mit Axel Holzwarth und Mike Terrana, aber die Karten sind klar verteilt. Vorne am Bühnenrand die charismatische Diva, die restlichen Musiker haben sich weitestgehend dezent im Hintergrund zu halten.

Tarja fasziniert ihr Publikum sowohl durch ihre großartige Stimme, als auch durch ihre dominante Bühnenpräsenz. Gleichzeitig gelingt es ihr durch eine charmante, manchmal fast schüchtern wirkende Zurückhaltung sehr zugänglich und publikumsnah zu wirken.

Musikalisch ist der Auftritt vom Feinsten, aber daran bestand im Vorfeld auch wenig Grund zum Zweifeln. Allerdings schlägt das Manko von "My winter storm" auch gnadenlos auf die Show durch. Nahezu jeder Song ist ein kleines Meisterwerk, wirkt aber in sich sehr geschlossen. So ist der Abend eine Aneinanderreihung von großartigen Songs, aber es fehlt eine durchgängig flüssige Dramaturgie.

Tarja konzentriert sich natürlich auf das Material ihres Soloalbums und unterstreicht damit auch ihre Vielseitigkeit. Mir persönlich verursachen vor allem die gefühlvollen, atmosphärischen Momente eine Gänsehaut, bei denen Tarjas Stimme besonders gut zur Geltung kommt, doch genau so dankbar nehme ich ihre energischen Ausflüge in metallische Gefilde an.

Bemerkenswert ist, dass Mike Terrana nach einer halben Ewigkeit ein neues Schlagzeugsolo am Start hat, wobei die Frage gestattet sein muss, ob es nötig ist ein Tarja-Konzert mit einem Solo künstlich in die Länge zu ziehen. Klar, das bietet Tarja natürlich eine von vier Gelegenheiten die Bühnengarderobe zu wechseln, ist ansonsten aber reichlich überflüssig.

Als Höhepunkt des Abends begibt sich Tarja beim ersten Zugabenblock mitten ins Publikum um von dort noch ein entspanntes Akustikmedley und das kraftvoll geschmetterte neue Stück Montana di silencio zum Besten zu geben. Das hat schon Stil.

Trotzdem verlasse ich die Rockfabrik mit gemischten Gefühlen. Technisch und kompositorisch war der Auftritt von Tarja erste Sahne. Was will man auch gegen Meisterwerke wie I walk alone, Minor heaven, Our great divide, Nemo oder Deep silent complete einwenden?

Andererseits ist es schon erstaunlich mit einem Kracher wie Alice Coopers Poison ein Publikum nicht zum ausrasten zu bringen. Vielleicht lag es auch einfach am Ambiente der doch unterkühlt wirkenden Rockfabrik, dass ich das Gefühl nicht los werde, dass Tarja als Liveact mehr bieten kann, wie an diesem Abend. Mit NIGHTWISH ging das doch auch! So gut das Konzert auch war, da war sicher mehr drin.

Besonderer Dank an Sandra Eichner (Rosenheim Rocks) und Hasche (Rockfabrik).

Martin Schneider, 30.09.2009

 

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