Emmylou Harris

Buddy Miller

München, Herkulessaal, 28.11.2003


Konzertbericht

Reviewdatum: 28.11.2003

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Redakteur(e):

Werner Saumweber

Markus Hagner


München, Herkulessaal, 28.11.2003

Emmylou Harris

Am Freitag, den 28. November hatten Markus und ich die Gelegenheit, Emmylou Harris mit ihren Spyboys Buddy Miller - Gitarre, BG-Vocal (und alles andere ausser:), Brady Blade - Drums und Daryl Johnson - Bass, Percussion, BG-Vocal in München im Herkulessaal der Residenz zu erleben.

25 festbestuhlte Reihen zu 42 Sitzen (die ungeraden links und die geraden rechts, wie in einem Konzertsaal üblich), von denen bis auf die letzten zwei Reihen alle sehr gut gefüllt waren und ein Balkon, der von unten aus gesehen auch gut besucht war, bildeten eine für die Künstler sicher sehr zufriedenstellende Audience. Da kann man nun streiten, ob dieser Saal, der so ziemlich alle Größen der klassischen Musik, der Politik u.a. erlebt hat, für ein Konzert dieses Typs der richtige Ort ist. Wenn wir die Bekleidung so mancher fortgeschrittener Semester, mit der sie auch zum Neujahrsempfang in die nahe Staatskanzlei hätten gehen können zum Beispiel nehmen, dann passte es zusammen.
Über die Akustik brauchen wir bei einem Saal mit glatten Steinwänden und jeder Menge Steinsäulen nicht zu diskutieren. Je lauter desto schlechter. Bei uns hinten war der Sound nicht schlecht, wenn auch nicht hervorragend.
Erfreulicherweise konnten wir aber auch nicht wenige, gerade den Kinderschuhen Entwachsene sehen und wir mussten nicht nach ihnen suchen. Also ein gemischtes Publikum, das allerdings doch die deutsche Alterspyramide repräsentierte. Und, sie alle haben es nicht bereut, doch recht happige Preise für die unbequemen Stühle hingelegt zu haben.

Ein Grund für den vollen Saal war sicherlich, dass dies Emmylous einziges Konzert in Süddeutschland war, denn es standen ausser München nur Hamburg und Berlin auf der Tourliste. Die Schöne aus Göppingen, die Markus in der Pause nach Fotoabzügen fragte (fotografieren verboten, die akkreditierten Fotografen durften jeweils die ersten drei Songs fotografieren) und die drei Jüngeren aus dem Saarland danach im Franziskaner beim Dunklen, die uns nach Setlists fragten, bewiesen dies sehr deutlich.

Buddy Miller

Setlist Buddy Miller:

  1. Midnight And Lonesome (4)
  2. The Price Of Love (4)
  3. When It Comes to You (4)
  4. That's How I Got To Memphis (1)
  5. I'm Pretending (1)
  6. Does My Ring Burn Your Finger (3)
  7. A Showman's Life (4)
  8. Somewhere Trouble Don't Go (3)

Als Buddy Miller pünktlich um 20 Uhr (sic!) zusammen mit Brady Blade (Stand-Drums) und Russ Dean Norman (Akustikbass und Mann am Mischpult bei Emmylou Harris) die Bühne betritt, sind die Reihen noch nicht ganz gefüllt. Manche sind wohl noch beim Shoppen oder stehen hinter der Kasse, was durch den vollen Saal nach der Pause bestätigt wird.

Buddy spielt acht Songs, vier von seiner letzten, vierten CD "Midnight And Lonesome", zwei, Does My Ring Burn Your Finger und Somewhere Trouble Don't Go von der dritten "Cruel Moon" und zwei von seinem Erstling "Your Love And Other Lies", That's How I Got To Memphis und I'm Pretending.
Da kann man nichts dagegen sagen, 4 zu 2 zu 2, die Mischung ist ok. Auf meinem Wunschzettel wäre noch gestanden: 100 Million Little Bombs, ein Song gegen Landminen, der mir unter die Haut geht.

Buddy meint zwischen den Songs, dass seine CDs eh nicht zu bekommen sind, weil sein Label Hightones keine Deals mit Europa hat. Die Stückzahlen, die über die Mailorders verkauft werden, scheinen dann nicht ins Gewicht zu fallen, könnte man seinem Statement entnehmen. Egal, wer will, der findet. Zumindest die "Buddy und Julie" hat Markus beim WOM gefunden. Respekt und Kompliment, WOM! Ansonsten kann man ja nach einem Versand googlen (Tip: www.Glitterhouse.de).

Es vergehen nur wenige Minuten, zuerst von Midnight and Lonesome und dann Price of Love und ich beginne zu verstehen, warum dieser Mann seit Jahren der gefragteste Gitarrist in Nashville und der gesamten Country-u.Ä.-Umgebung ist und wiederholt zum besten (Country u.a.) Gitarristen des Jahres gewählt worden ist. Die Leichtigkeit, mit der er begleitend Akkorde und Solos mischt, ist weit jenseits allem, was Amateurmusiker wie ich sich jemals in ihren kühnsten Träumen gewünscht haben (mir fällt Steve Schuffert ein, der mich ähnlich fasziniert hat).
Bloß gut, dass die zwanzigste Reihe mir die Einzelheiten seines Spiels vorenthalten hat und ich (leider) nicht an das Opernglas :-) gedacht hatte. Nicht auszudenken was mit meinen Augen passiert wäre, wenn wir in einer der vorderen Reihen gewesen wären. Das Mindeste wäre am nächsten Tag der Besuch in der Uni-Augenklink gewesen, um meine Augäpfel wieder an ihre richtigen Stellen zu drücken.

Ich habe es auch am Tag danach noch nicht begriffen. Buddy Miller spielt ein paar Töne, nicht mal Akkorde, es fehlt absolut nichts in der Begleitung und die Gitarre ist meistens auch noch relativ leise, ausser bei ein paar Solos, wo er sich mal so richtig abreagieren kann, vor allem dann später als Spyboy.

Buddy wechselt bei fast jedem Song die Gitarre, wie er es den ganzen Abend tun wird. Einmal ist es die E-G Nr.1, dann die Nr. 2, dann die Western, dann die Mando(lin)guitar. Dies hat natürlich auch den Vorteil, dass der Roadie nachstimmt. Da haben wir in den vergangenen Jahren viele gesehen, die dies selbst tun mussten. :-(
Aus Sicht des Publikums ist sicher A Showman's Life von Jesse Winchester ein Höhepunkt. Nach der ersten Strophe kommt Emmylou Harris und singt die Vocals mit, wie es auch bei der Studioversion der Fall sein dürfte. Und da bekomme ich die erste "Ganshaut". Respekt, das muss man können. So zu singen lernt man kaum in der Gesangsstunde und schon gar nicht bei DSDS. Das kommt mit den langjährigen Karrieren, ist gelebte Musik und lässt mich ziemlich sprachlos zurück. Der Applaus zeigt überdeutlich, dass nicht nur ich verstanden habe, dass wir Ausserordentliches gehört haben.

Da das Publikum vom ersten Ton an Buddy Miller aufmerksam begleitet und beklatscht hat, kann man auch nicht sagen, dass es jetzt aufgewacht sei. Die Stimmung ist sehr gut und Buddy, Brady und Russ spielen einen perfekten Set, der aber leider nur acht Songs, ca. 35 Minuten, lang sein "darf". Schade, schade. Da wären noch viele andere hörenswerte Lieder gewesen. Hoffentlich nächstes Jahr, wie Buddy zu Markus gesagt hat.

Emmylou Harris

Setlist Emmylou Harris and Spyboy:

  1. Here I am
  2. Orphan Girl
  3. Wayfaring Stranger
  4. I Ain't Living Long Like This
  5. Little Bird
  6. Time in Babylon
  7. Sin City
  8. Pancho and Lefty
  9. Red Dirt Girl
  10. The Pearl
  11. Bang The Drum Slowly
  12. Can You Hear Me Now
  13. Return of the Grievous Angel
  14. Get Up John
  15. Strong Hand (Just One Miracle)
  16. Michelangelo
  17. Together Again
  18. Wheels
  19. Born to Run
  20. The Maker

Aber wir werden entschädigt. Ich geb's ja zu, mir ging es in erster Linie um Buddy Miller. Sicher, im CD-Regal sind auch einige CDs von Emmylou Harris, darunter die "Spyboy Live" von 1998, die mit genau derselben Besetzung aufgenommen wurde. Die aber nicht so spektakulär ist. Oder es wurde genau das nicht auf die CD genommen, was wir nun (auch) zu hören bekommen.
- Nämlich einen bei manchen Solos entfesselten Buddy Miller, der da so richtig die Sau rauslässt und über die Seiten fetzt, dass kein Auge mehr folgen kann (Keine Übertreibung!).
- Einen Rev. Brady Blade, der trommelt, dass Markus große Augen bekommt (er, der alte Headbanger :-).
- Und Daryl Johnson, dessen Bass und ab und an Percussion den anderen beiden in Nichts nachstehen.
Eine Band der Extraklasse! Emmylou Harris zeigt Größe, indem sie diesen phantastischen Musikern die Freiräume einräumt, um ihre Fähigkeiten zu zeigen. Und, um es nicht zu vergessen, sie selbst spielt eine topsichere Akustik-Begleitung.
Emmylou Harris posed mit Daryl Johnson bei Buddys Gitarrensolos, während letzterer wiederum mit Brady Blade um die Wette spielt und diesen zu immer heftigerem Einsatz treibt. So habe ich das nicht erwartet, und bin darum um so mehr positiv beeindruckt.

Emmylou Harris präsentiert eine Mischung aus alten und neuen Song.
Zur Erinnerung: 1970 erschien ihr erstes Album "Gliding Bird" (allerdings ging die Record Company kurz darauf pleite und so die Scheibe unter), 2003 die Nummer 29, "Stumble into Grace" (Quelle: All Music Guide, ohne Gewähr des HoR).

Bei Bang The Drum Slowly ist sie alleine auf der Bühne. Diesen Song von der "Red Dirt Girl" von 1999 zelebriert sie äusserst eindringlich, nicht besser vorstellbar. Um so ärgerlicher, dass die PA plötzlich Probleme macht und ihr Mikrophon unmotiviert einzelne Töne brüllt. Nach der Show höre ich zufällig von einem Techniker, dass dies die Hausanlage ist und die Probleme nicht von ihm und seinen Kollegen zu verantworten sind. Murphys Gesetz hat wieder einmal zugeschlagen: Beim leisesten Song dreht die PA durch. Aber die Lady nimmt es ganz gelassen, zeigt keine Reaktion (hört sie auf der Bühne überhaupt etwas von diesen Brüllern?) und überzeugt - wie die ganze Show lang.

Strong Hand (Just One Miracle) hat sie für die am 15. Mai des Jahres verstorbene June Carter Cash geschrieben und widmet ihr den Song ausdrücklich, das Publikum ist natürlich einverstanden und lauscht gebannt dem Vortrag (ohne Brady Blade, der ein paar Minuten Pause macht).

Emmylou Harris

Ich habe lang und breit über Buddy Millers Gitarrenarbeit geschrieben, nun fehlt noch das Wichtigste: Emmylou Harris singt ohne Fehl und Tadel, ihre Stimme ist kräftig, bombensicher und es gibt nichts daran auszusetzen (die Haucher auf den letzten CDs ließen anderes möglich scheinen). Hauptsächlich Buddy Miller singt die Harmonyvocals, Daryl Johnson ab und zu, und beide tun dies auf perfekte Art und Weise. Leute, ich höre jeden falschen Ton (na ja, beinahe :-), aber an diesem Abend wäre ich verhungert, wenn ich davon hätte leben wollen.
Bei der Gitarre, ok, da wären ein paar Euros drin gewesen. Aber es geht ja so schnell und ohne Wiederholung ist nichts zu machen. Mit den Stimmen ist es schon einfacher, vor allem wenn es um so schwierige Harmony Vocals geht. Und die waren perfekt.

Die Achthundert plus X und wir haben eine perfekte Show erlebt. Um so weniger verstehen Markus und ich, dass beim letzten regulären Song, während Brady Blade und Daryl Johnson ein richtig geiles Drum <=> Bass Solo abliefern, einige Dutzend den Saal verlassen, als wären wir beim Fussball und wer zuerst am Parkplatz ist, muss weniger warten. Schwachsinn. Und sie haben verdient, dass ihnen die beiden Zugaben entgehen (insgesamt 1 3/4 Stunden für Emmylou Harris). Wer zu früh geht, den bestraft das Leben. Genau!

Natürlich habe ich, Markus, mich verstärkt auf die Fotografie konzentriert. Zum Schluß aber darf mein Kommentar nicht fehlen. Emmylou Harris war live eine absolute Überraschung; hatte ich eher eine Diva erwartet, die mit Engels-Gesang und entsprechendem Outfit ihr aktuelles Album "Stumble Into Grace" mit der sehr relaxten und angenehmen Mischung aus Country- & World-Music präsentiert, so war Emmylous Liveperformance sehr roh und heavy-rocking, dank der großartigen Spyboys, allen voran Buddy Miller.
Mrs. Harris fühlte sich mit ihren Mitmusikern und dem unerwarteten Live-Style aber sehr wohl auf der Bühne.
Die Mischung aus alten und aktuellen Songs im neuen Sound ist einfach sehr gelungen, auch wenn es den altertümlichen Harris-Fans sehr an die Nieren ging.
Ich habe das Gefühl, dass dank der Spyboys Emmylou Harris sehr jung bleibt, einerseits stimmlich, aber auch vom Aussehen, sie sieht einfach bezaubernd aus auf der Bühne. Gott sei Dank habe ich diesen Gig zusammen mit Werner live erleben dürfen, das Berliner Publikum kam ja auf Grund von Emmylous Krankheit nicht mehr in den Genuß.
Emylou Harris & Spyboy rule!

Werner Saumweber, 15.12.2003

Markus Hagner, 28.11.2003

 

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