Gov't Mule

Nürnberg, Löwensaal, 11.07.2012


Konzertbericht

Reviewdatum: 15.07.2012
Stil: Jam Rock

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Redakteur(e):

Epi Schmidt


Gov't Mule,
Nürnberg, Löwensaal, 11.07.2012

Vor Jahren war es noch ein bedeutsames Ereignis, wenn der ungekrönte König des Jam Rocks über den großen Teich kam und ich weiß noch gut, wie mein Kumpel Jörg und ich die mehrstündige Fahrt nach Hamburg ohne Murren, ja, voller (Vor-) Freude, in Kauf nahmen um GOV'T MULE endlich mal zu sehen!
Mittlerweile ist Warren Haynes doch öfter mal - solo oder mit "Mule" - in Europa zu sehen und immer noch ist es ein bedeutendes Ereignis, wenn diese Band kommt. Allein schon deswegen, weil es im Wesen dieser Musik liegt, dass keine Show der anderen auch nur annähernd gleicht. Der Zustrom zum Nürnberger Löwensaal (sinnigerweise unweit des Zoos gelegen) ist nicht gewaltig, aber doch so groß, dass der Saal letztlich gut gefüllt ist und es vor der Bühne schon eng wird. Den Mann und seine Truppe wollen alle sehen und hören (und fotografieren.)
Kurz nach 21 Uhr ist es soweit und GOV'T MULE betreten die Bühne. Ohne große Worte weben sie sich und Publikum in einen sanft wogenden, instrumentalen "Jam-Teppich" hinein, dessen Grundlage FUNCADELICs Maggot Brain liefert. Sie "grooven sich ein", hätte man zu Hippie-Zeiten gesagt. Trotz des vergleichsweise ruhigen Beginns, werden die instrumentalen Fähigkeiten der einzelnen Bandmitglieder schon sehr deutlich. Die Sorgfalt, die auf Equipment und Sound gelegt wird, zahlt sich bereits aus.

Mit Driving Rain kommt deutlich mehr Schwung und härtere Elemente in die Musik. Die "Maschine" Matt Abts hinter den Drums läuft langsam warm und treibt die Band immer mehr an. Sowohl Haynes, als auch Bassist Jorgen Carlsson und Keyboarder Danny Louis liefern in dem leicht psychedelischen Song wilde Soli ab, die Beifallsrufe schon jetzt "erzwingen". Es folgt Game Face vom "Dose" Album, welches zu den absoluten Favoriten der Fans gehört und entsprechend wird auch dieser Song begrüßt. Sobald man ihn erkennt, denn GOV'T MULE lieben es, ihre Musik zu verfremden, sich aus Klangkollagen langsam in Songs vorzutasten, sie effektreich zu verfremden, um dann umso intensiver in die Musik einzutauchen. Das verlangt nach Zeit und als die letzten Töne des dritten Songs verklungen sind, ist das Konzert bereits über eine halbe Stunde im Gange.
Danny Louis greift zur Trompete und leitet eine jazzig-funkige Nummer ein, die sich - zumindest den textsicheren Fans - alsbald als The Shape I'm In von THE BAND offenbart. Ich behaupte wenige Bands können diesen (oder irgendeinen) Song so verfremden und trotzdem eine mitreißende Version dabei erschaffen.

Und wenige Bands können sich einen Song von PRINCE greifen - When Doves Cry - und zusammen mit ihrem eigenen - Beautifully Broken - zu einem herrlich rhythmisch wummernden Ohrwurm machen, der irgendwo zwischen Jam Rock und lockerem R&B seine Wurzeln hat. Schlichtweg genial und allein dieser Titel ist das Eintrittsgeld wert.
Mit Silent Scream folgt ein weiterer Jam-lastiger Song, der aus dem - vor allem in Europa - hochgelobten Album "Dèjá Voodoo" stammt und ebenfalls daraus die - ja, ich bin geneigt zu sagen - "Hit-Single" Slackjaw Jezebel. Der flotte Rocksong bekommt auch hier die "Live-Behandlung", was längere Soli, ausufernde Soli zur Folge hat. Macht richtig Spaß!
Eine gute Stunde ist vorbei und Warren Haynes verkündet einen kurzen - bei diesen Shows üblichen - "Break". Abts' Drum-Roadie hat dadurch Gelegenheit, die Schrauben an dessen Schlagzeug nachzuziehen, die sich beim kraftvollen Spiel des Drummers anscheinend gern lösen.

Das zweite Set führt zunächst ganz weit zurück und eröffnet mit Rockin Horse, vom Debütalbum der Band. Wehmütige Gedanken an den verstorbenen Original-Bassisten Allen Woody kommen kurz auf, aber sein aktueller Nachfolger Jorgen Carlsson macht seinen Job ebenfalls sehr gut. Vielleicht nicht ganz mit dem Feeling von Woody, aber was Technik und Jam-Fähigkeiten angeht, ist das schon verdammt gut, was aus seinem Ampeg-Amp dröhnt.
In den Live-Shows der Band war Neil Youngs Cortez The Killer frühzeitig ein Klassiker und ein "Killer" ist es auch am heutigen Abend. Neben all der tollen Fähigkeiten an den Instrumenten darf man nicht vergessen, dass es der Gesang von Warren Haynes ist, der die Songs mit ausmacht. Praktisch ohne Unterstützung von Backgroundsängern bestreitet er allein den gesanglichen Part und kann mit seiner rauen Stimme immer wieder beeindrucken. Kräftig und voluminös kommen die "Vocals" und fügen sich perfekt zum Sound der Instrumente.
Nach so viel Soli und Jams tut das folkige Gordon James vom Album "By A Thread" gut und man kann eine Weile in dem hymnischen Song schwelgen. Ein weiterer toller Song, der noch in Jahren gehört und gespielt werden dürfte und eine weitere Möglichkeit für Haynes, sein hervorragendes Slide-Spiel zu demonstrieren, mit dem er sich ansonsten bis dahin etwas zurückhält.

Wie nahe Brighter Days an LED ZEPPELIN ist, unterstreicht auch die heutige Live-Fassung wieder deutlich. Welche "Klangwelten" sich bei diesem "Monster" entwickeln, ist ein weiteres Highlight in der Show von GOV'T MULE. Hat richtig Power!
Das funkige Like Flies stammt, wie das vorherige Lied, von "High & Mighty" (dem 2006er Album). Die Band stürzt sich im Songverlauf in eine wahre Rückkopplungsorgie, die den Boden bereitet für das anschließende Schlagzeugsolo von Matt Abts. Wie ich schon öfter betonte, ist der Mann für mich sowieso der heimliche Star der Band. Was der - ohne effekthascherische Elemente - an rhythmischen Finessen zu bieten hat, sollte jedem "Trommler" als lebenslangem Unterricht verordnet werden. Früher häufig und heutzutage erst recht waren Schlagzeugsoli das Signal für den Gang zum Bierstand. Bei diesem Mann und dem "Gewitter", welches er entfacht, bleibt man gebannt und aufmerksam vor der Bühne.

Vom Dub-Reggae Album "Mighty High" wird mit Unblow Your Horn ein Song gebracht und auch der entwickelt in seiner Bühnenvariante eine Jam-länge in der sich unversehens Steve Millers The Joker einschleicht. Ich glaube, Warren Haynes kann praktisch jeden Song in eine ihm genehme Richtung dirigieren und es klingt auch noch so, als wäre es immer so gewesen.
Er greift sich aber auch gerne Songs von anderen Künstlern (ist mir heute Abend sogar fast etwas zu viel), wie sich mit dem folgenden Cover von HUMBLE PIEs 30 Days In The Hole erneut demonstriert. Kommt in dieser Musik eigentlich eher selten vor, aber Haynes fordert das Publikum zum lautstarken Mitsingen auf, welches diesem bereitwillig nachkommt. Ein kleiner Ausflug in I Don't Need No Doctor kommt noch mit hinzu und die Band verabschiedet sich.

… um natürlich zur Zugabe zurückzukommen und nochmal ordentlich was drauf zu satteln. Child Of The Earth bedient nochmals den Jam Rock-Freund, während FREEs The Hunter diesem Abend den krönend-rockigen Abschluss setzt.
Es ist mittlerweile nach Mitternacht, ohne dass in dem gut dreistündigen Set ein Moment der Langeweile aufgekommen wäre. Die Besucher verlassen nun den Hügel, auf dem der Löwensaal liegt, die Tiere im Zoo bekommen ihren Schlaf und wir machen uns auf den Heimweg. Erneut beeindruckt von einer Band, die man in dieser Klasse wohl äußerst selten zu hören bekommt. Das darf man sich nicht entgehen lassen, werden wir wohl auch beim nächsten Konzert wieder sagen.

Epi Schmidt, 11.07.2012

 

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