Molly Hatchet

Taletellers

Saarbrücken, Garage, 09.12.2008


Konzertbericht

Reviewdatum: 09.12.2008

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Redakteur(e):

Steve Braun


Saarbrücken, Garage, 09.12.2008

Das ich das noch einmal erleben darf: Es ist Southern-Rock angesagt und die Garage ist ausverkauft - Klasse! In Erinnerung an den erbärmlichen Besuch bei Derek Trucks im vergangenen Jahr, hatte ich damit nicht gerechnet. Gut, der macht keinen Southern-Rock, aber mit "Retro-Rock" (was immer das sein mag) scheint man in Saarbrücken und Umgebung keinen größeren Club voll zu bekommen. Nach dem Zungenschlag der Konzertbesucher kann man allerdings mit einem guten Drittel Franzosen und Belgiern rechnen - und dort ist Southern-Rock richtig angesagt! Allein wegen den phänomenalen NATCHEZ aus der Champagne. Sänger und Gitarrist Thierry Aeschbach, Kopf und Seele von NATCHEZ, habe ich in der Garage gesichtet. Man pflegt enge freundschaftliche Bindungen zu MOLLY HATCHET und wird sie am 19. Dezember im lothringischen Pagney supporten. Das wird ein richtiges Southern-Fest so kurz vor Weihnachten....

Den Anfang machen die Lokalmatadoren TALETELLERS, eine deutsche Thrash-Metal-Combo, und was für eine. Kernige Musik, professionelle Show, coole Posings - die Jungs haben es bereits drauf. Im Januar wird man GRAVE DIGGER europaweit supporten und sie werden allerorts den Totengräbern ein bestens weichgekochtes Publikum servieren.
In Saarbrücken prallte man trotz des fleißigen Engagements am spröden Publikum ab, dass an diesem Abend hörbar nicht an Thrash interessiert war. Die TALETELLERS ließen sich jedoch hiervon nicht beeindrucken und spielten ihren halbstündigen Set mit grosser Spielfreude. HATCHETs Dave Hlubek hat's gefallen, denn er stand während der Taletellers-Show sehr interessiert am Bühnenrand und spendete gar Applaus. Auch ich war beeindruckt, was vor allem deshalb bemerkenswert ist, weil ich ganz bestimmt nicht als Metallfacharbeiter verschrien bin.
Von den TALETELLERS wird zu hören sein. Nach ihrer 2006er Debüt-EP haben sie in diesem Jahr mit "Detonator" ihr erstes "richtiges" Album abgeliefert. Unser Jörg wird ihnen während der GRAVE DIGGER-Tour sicherlich noch mehrfach über den Weg und vielleicht auch vor's Mikro laufen. [Wer? Ich? *umkuck*]

Eine extrem lange Umbaupause für MOLLY HATCHET ließ die Stimmung im Publikum sehr nahe an frostige Bereiche sinken. Der Umbau war zügig voran gegangen - die Verzögerungen gingen eindeutig auf HATCHETs Konto.
So bleibt etwas Zeit für grundsätzliche Überlegungen. Bissige, ja gehässige Kommentare waren im Vorfeld von HATCHETs Tour zu hören. Ob's die Dickerchen eigentlich noch drauf haben und ob Southern-Rock nichts anderes als ein Anachronismus sei. 500 Zuschauer in der ausverkauften Garage sind ein durchaus ernstzunehmendes Gegenargument. Für mich ist ein Besuch meiner Helden der gloreichen 70er immer wie ein Besuch von Tante Gustav aus Paraguay: Ob's wohl die Abschiedstour der alten Dame ist?? So sind für mich Konzerte von MOLLY HATCHET oder SKYNYRD im kommenden Mai/Juni immer wehmütige Erinnerungen an gute alte Zeiten, das Wiedersehen mit guten Bekannten und immer auch ein kleiner Abschied.

Licht aus - Carmina Burana an. Wie aufregend .... ob die Miesepeter wohl doch Recht hatten? Doch MOLLY HATCHET legen los wie die Feuerwehr: Whiskey Man, Bounty Hunter und Gator Country, drei alte Schinken, die eigentlich die Herzen der 500 hätten höher schlagen lassen müssen. Doch nix da, die Stimmung bleibt unterkühlt, da helfen alle "Hell Yeah"-Anfeuerungen durch Phil McCormack nicht weiter. Während der Sänger sowie Bassist Tim Lindsey mächtig losrocken und alles dafür tun, das Publikum aus seiner Lethargie zu wecken, zieht sich die "launische Diva", Bobby Ingram, genervt in seine Ecke zurück, um mißmutig nur das Notwendigste zu tun. Ärgerlich und auffällig ist, dass Ingram genau in der Zeit, als die Kameras der Fotografen knipsen durften (also die ersten drei Songs!), auf der Bühne die Sau 'rausließ und erst danach die Gesichtsmuskeln fallen ließ.

Doch Phil McCormack rackert sich weiterhin redlich ab, die Stimmung auf einen angemessenen Level zu pushen. Irgendwie blitzt bei ihm immer der schiere Wahnsinn augenscheinlich auf - geradezu manische Züge trägt sein Blick. Er gröhlt sich wie gewohnt durch die Songs und rockt tierisch ab, ein großartiger Poser war er ja schon immer. Ingrams beleidigter Rückzug läßt grosse Freiräume, in die das einzige Gründungsmitglied, Dave Hlubek, bereitwillig stößt. Ich erinnere an die 2006er DVD "Flirtin' With Desaster", als Hlubek nicht ein einziges Solo spielen "durfte". Keine Spur davon in Saarbrücken - Hlubeks Klasse blitzt das eine oder andere Mal hell auf.

Mit Son Of The South und Fall Of The Peacemakers folgen zwei weitere Klassiker. In letzteren wird völlig überraschend und zur Unzeit ein Schlagzeug-Solo von Shawn Beamer. Das hätte ich eher zu einem späteren Zeitpunkt erwartet. Zu T For Texas bekommt dann Ingram seinen Auslauf und bleibt weit unter seinen Möglichkeiten, bevor dann bei Beatin' The Odds die Stimmung im Publikum deutlich anzieht.

Leider nimmt nun auch die Lautstärke von Song zu Song zu, bis zum Schluss kaum mehr als eine Southern-Rock-Ursuppe wahrnehmbar wird. Hauptleidtragender ist vor allem Keyboarder John Galvin, wie Hlubek ein Mitglied der Mk I-Formation. Das einzige Mal an diesem Abend nimmt man ihn bei seinem Solo wahr, das mit Klassik-Kitsch begann, im tiefsten Blues endete bevor es in DEN HATCHET-Song überhaupt, Dreams I'll Never See überging. Schlagartig ist die Meute am Kochen und Brodeln - endlich ist Stimmung da! Siehe da, Bobby Ingram hat plötzlich wieder Spass und rockt jetzt munter los. Endlich gibt's die herrlichen Gitarrenläufe und -duelle von Hlubek und Ingram gleich reihenweise. Mit dem besten Song des Abends, The Journey, ebenfalls vom grossartigen "Devil's Canyon"-Album, beschließt man den Abend und in der Garage ist mittlerweile die Hölle los.

MOLLY HATCHET liefern dann mit drei Zugaben einen fetten Nachschlag. Free Bird wird all' den verstorbenen Southern-Helden gwidmet - bei HATCHET denkt man immer sofort an Danny Joe Brown und Duane Roland. Jukin' City und Flirtin' With Disaster sind zwar ohrenbetäubend laut, aber hier zählt jetzt nur noch die Party.
Spät kam die Stimmung, aber sie kam und das war letztendlich die Hauptsache. So konnte man mit dem Abend im großen und ganzen zufrieden sein. Die TALETELLERS sollte man auf jeden Fall im Auge behalten .... und MOLLY HATCHET sehe ich am 19. Dezember im französischen Pagney-derrière-Barine (in der Nähe von Nancy) wieder. Auf die dortigen Eindrücke bin schon mehr als gespannt.....

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