Arena

Barrett And Gee

Stuttgart, Röhre, 03.04.2003


Konzertbericht

Reviewdatum: 03.04.2003

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Redakteur(e):

Martin Schneider


Stuttgart, Röhre, 03.04.2003

In letzter Zeit hat sich leider die Unsitte breitgemacht, dass Progressiv-Rock Bands Stuttgart in ihren Tourplanungen völlig ignorieren und statt dessen Karlsruhe den Vorzug geben. Um so erfreulicher, dass ARENA nicht weiter zur Verschärfung des 'badisch-württembergischen Konflikt' beitrugen, und auch der Landeshauptstadt ihre Aufwartung machten.

Bei der Visitor-Tour verliefen sich vor fünf Jahren nur knapp einhundert Besucher in die Röhre. Seitdem hat die Band zwei weitere hervorragende Studioalben veröffentlicht, doch in der Publikumsgunst scheinen ARENA zu stagnieren.

Ja, die Welt ist verdammt ungerecht und es ist mir absolut unverständlich, dass eine Band wie ARENA nicht größere Zuschauermassen anzieht. Wenigstens fünf-, sechshundert Leute müssten sich doch in der Gegend für hervorragenden Neoprog begeistern lassen und der Band damit den Sprung in die größeren Clubs ermöglichen. Immerhin war der Veranstaltungsort dieses Mal etwas besser besucht.

Im Vorprogramm präsentieren die beiden befreundeten PENDRAGON-Musiker Nick Barrett & Peter Gee einen kurzen Akustikset.

Setlist Nick Barrett & Peter Gee: And we'll go hunting deer, Paintbox, Dark summer days, King of the castle, A man of nomadic traits, The voyager, All you need is love

Und schon wieder macht sich bei mir Unverständnis breit. Da befinden sich mit Ausnahme des etatmäßigen Schlagzeugers Fudge Smith drei Viertel der Band derzeit in Stuttgart und anstatt einen vernünftigen PENDRAGON-Gig hinzulegen, zupfen sich Barret und Gee alleine durch eine handvoll Songs. Bei Tyr, es hätte sich doch sicher noch ein Eckchen für Fudge im Tourbus finden lassen.

Viele Gelegenheiten, PENDRAGON in Deutschland live zu sehen, gab es ja nicht in den letzten Jahren, was um so bedauerlicher ist, weil PENDRAGON eine phantastische Liveband sind. Ihr Auftritt in der Offenbacher Hafenbahn im Rahmen der Masquerade Overture-Tour war damals mehr als beeindruckend und um so schmerzlicher wird mir bewusst, dass die abgespeckte Akustikvariante von Nick und Pete nur ein Schatten der kompletten Band ist.

Es ist nicht mal schlecht, was die beiden da von sich geben. Paintbox kommt sogar richtig geil, aber selbst als Keyboarder Clive Nolan die beiden bei King of the castle unterstützt, bleibt ein fader Nachgeschmack.
Wie die meisten vor ihnen, scheitern auch Barett und Gee bei dem Versuch ihre Musik auf Lagerfeuerniveau zu reduzieren. Zumindest die Magie und Faszination, die das Schaffen von PENDRAGON in Komplettbesetzung auszeichnet bleibt hoffnungslos auf der Strecke.

So gibt es im Anschluss an das absolut überflüssige, weil triviale BEATLES-Cover All you need is love noch den größten Applaus, als Nick Barrett verspricht, demnächst mit kompletter Band und einem neuen Album im Handgepäck wieder in Stuttgart aufzutreten. Schön. Wir nehmen dich beim Wort, Nick!

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Setlist ARENA: Contagion (Witch hunt, An angel falls, Painted man, The way madness lies, Spectre at the feast, Never ending night, Skin game, Salamander, On the box, Tsunami, Bitter harvest, The city of lanterns, Riding the tide, Mea culpa, Cutting the cards, Ascension), Chosen, Double vision, Elea, The hanging tree, Don't forget to breathe, The butterfly man, Enemy without, Solomon, Jericho, Crying for help VII

Wie es sich für 'anständige Proggies', die gerade ein starkes Konzeptalbum veröffentlicht haben, gehört, eröffnen ARENA den Set mit Contagion und spielen das geniale Epos in einem Rutsch durch. Vorhersehbar? Natürlich, aber auch schlicht und ergreifend genial, zumal die Band neue Maßstäbe für Konzerte in einem dermaßen räumlich eng begrenzten Ambiente setzt.

Die Musiker haben sich vor zwei großen Leinwänden postiert, auf die während der kompletten Show Bilder, Animationen und kurze Filmsequenzen projeziert werden. Zusätzlich werden Band und Publikum gefilmt und tauchen ebenfalls immer wieder in Echtzeit auf den Leinwänden auf. So etwas erwartet man als Zuschauer bei einem großen Festival als Service am Publikum, nicht aber bei einem kleinen Clubkonzert als Showeffekt.

Rob Sowden, den ich zum ersten Mal live erlebe, erweist sich nicht nur als begnadeter Sänger, sondern auch als versierter Frontman mit Entertainerqualitäten. Ein charismatischer Frontman, der die Hauptlast der Show trägt, ist für eine Band wie ARENA unverzichtbar.
Keyboarder Clive Nolan und Schlagzeuger Mick Pointer fallen für diese Rolle zwangsläufig aus. John Mitchel, mit schnieker John Petrucci-Frisur, braucht zumindest an diesem Abend einige Anlaufzeit bis er etwas aus sich herausgeht, wohingegen Basser Ian Salmon recht hartnäckigen Sekundenkleb unter den Tretern zu haben scheint, der sich erst ab Riding the tide langsam aufzulösen beginnt. Dann herrscht streckenweise sogar ein richtig wildes Treiben am Bühnenrand.
Dabei wirkt nichts gekünstelt. Diese Künstler haben Spaß auf der Bühne und gehen in ihrer Musik auf.

Das Schönste an ARENA ist aber die Songdienlichkeit mit der diese Band agiert. Wer hat eigentlich den Mythos in die Welt gesetzt, Progressiv-Bands müssten jedem Musiker auf der Bühne ein mindestens zehnminütigen Solopart einräumen?
ARENA beherrschen die wahre Kunst, nämlich genau darauf verzichten zu können, ohne Zweifel an den eigenen Fähigkeiten aufkommen zu lassen oder die Zielgruppe zu enttäuschen.

Nach Contagion hangeln sich ARENA in der Geschichte ihres Schaffens langsam rückwärts, verweilen dabei relativ lange bei "Immortal" und "The visitor" und setzen dabei auf die härteren Stücke, wie Chosen oder Enemy without. Sicherlich hätte auch eine der ruhigen Nummern wie Friday's dream oder die Megaballade Tears in the rain die Zustimmung des Auditoriums gefunden, doch zugegeben, die rockigen Songs passen stimmiger zum ebenfalls nicht gerade ruhig ausgefallenen aktuellen Album.

Das lautstark mitgesungene Crying for help VII beschließt traditionell die Show. Kurz war es mit zwei Stunden, kurzweilig und unterhaltsam, doch ARENA hätten gut und gerne ohne Qualitätsverlust hinsichtlich des Songmaterials noch einmal so lange spielen können. Doch man soll nicht undankbar sein.

Schon wenige Minuten nachdem die Leinwände dunkel werden, mischen sich die Musiker unter das Publikum, geben Autogramme und unterhalten sich mit ihrer treuen Gefolgschaft.

ARENA haben mit dieser Tournee und dem aktuellen Album "Contagion" ihren Status als qualitativ unumstrittene Nummer 1 der Progressiv-Rock-Szene trotz starker Konkurrenz in den letzten Monaten manifestiert. Schade nur, dass die Zeiten in denen sich mehr Leute für anspruchsvolle Rockmusik begeistern konnten unwiederbringlich verloren scheinen.

Martin Schneider, 10.04.2003

 

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