Suspyre

When Time Fades


CD-Review

Reviewdatum: 17.11.2008
Jahr: 2008

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Redakteur(e):

Marc Langels


When Time Fades..., Sensory Records, 2008
Clay BarlowGesang
Gregg RossettiGitarre, MIDI Sequencing, Alto/Tenor Saxophon, Viola da Gamba, CHapman Stick
Rich SkibinskyGitarre, MIDI Sequencing
Andrew DistableBass
April SeseKeyboards
Charlie ZelenySchlagzeug
Produziert von: Gregg Rossetti & Rich Skibinsky Länge: 75 Min 26 Sek Medium: CD
01. Possession / The Negative07. Fallen Stars
02. Evolutions08. A World With No Measures
03. Lighted Endrhyme09. The Light Of The Fire
04. Maniac Main Point Check10. Apparitions
05. Siren (One Last Breath)11. Let Freedom Ring (The Heart Of It All)
06. Reign

Irgend etwas muss im Wasser der Großregion New York/New Jersey sein, dass dort so viele gute Bands aus dem Bereich des Progressive Metal zu Hause sind: Angefangen mit den Übervätern DREAM THEATER über SYMPHONY X und nun auch noch SUSPYRE. Die Band ist noch relativ neu (gegründet 2001), hat aber bereits drei überaus beachtliche Alben herausgebracht ("The Silvery Image" 2005, "A Great Divide" im Jahr 2007 und nun eben "When Time Fades."). Dabei ist bei allen bisherigen Werken eine deutliche Weiterentwicklung und Steigerung festzustellen, ebenso wie eine klare musikalische Linie. Das erste Album "The Silvery Image" ist gerade im Vergleich zum neuen Werk geradezu straight geraten, mit vielen Power-Metal-Elementen, die um einige progressive und klassizistische Ansätze erweitert wurden. Schon auf dem folgenden "A Great Divide" wurde die progressive Richtung konsequent weiterverfolgt und ausgebaut. Nun auf "When Time Fades." schöpfen SUSPYRE ihre musikalischen Fähigkeiten fast bis zur Neige aus, verbinden die Einflüsse mit einer deutlicheren eigenen Note und schaffen so einen wahren Klassiker des Genres.

Sänger Clay Barton klingt dabei ein wenig nach Russell Allen von SYMPHONY X und verfügt ebenfalls über ein sehr variables und ausdrucksstarkes Organ. Die Gesangsmelodien sind eingängig und die Hooklines schrauben sich mit einer derartigen Gewalt in den Hörgängen fest, dass man sie kaum mehr herausbekommt. Dabei arbeiten SUSPYRE auch gerne mit echten mehrstimmigen Passagen (anstatt nur die Vocals des Sängers zu vervielfachen). Die Gitarren werden häufig mit parallelen Läufen oder aber im Wechselspiel eingesetzt und erinnern dabei leicht an QUEENSRYCHE zu ihren besten Zeiten mit Chris DeGarmo und Michael Wilton.

Bei SUSPYRE dienen die Keyboards - anders als zum Beispiel bei DREAM THEATER und SYMPHONY X - eher dazu den musikalischen Raum auszufüllen, als selber große Melodie-Akzente zu setzen (dafür sind vielmehr die Gitarren zuständig). Das sollte aber auch nicht weiter verwundern, wurden die Keyboards doch von den beiden Gitarristen eingespielt beziehungsweise programmiert (erst kürzlich trat Keyboarderin April Sese der Band bei). Ein weiterer Grund, warum den "Tasten" so wenig Platz eingeräumt wurde: das neue Album wurde im Band-eigenen Studio aufgenommen und von den beiden Gitarristen Gregg Rossetti und Rich Skibinsky (die interessanterweise beide zunächst mit dem Klavierspielen angefangen haben, bevor sie zur Gitarre kamen) produziert. So dass erst gar kein außenstehender Produzent auf die Idee kommen konnte nach zusätzlichen Keyboard-Elementen zu verlangen. Bei den Gitarren-Soli wird dann mehr Wert darauf gelegt, dass sie melodiös sind, anstatt zu "shredden".

Etwas überraschend ist auch, dass sich SUSPYRE auf ihrem Album nur ein einziges Instrumental erlauben: das zudem noch sehr kurz gehaltene Maniac Main Point Check, dass mich nicht nur von der Länge her an eine Metal-Version des TOTO-Instrumental-Klassiker Child's Anthem erinnert.

Natürlich hört man beim Genuss von "When Time Fades." immer wieder die Einflüsse der Vorbilder heraus, aber SUSPYRE schaffen es eben auch, dem Ganzen eine eigene, persönliche Note zu geben. Dazu trägt auch die zuerst recht eigenwillig klingende Instrumentalisierung bei. So verwenden SUSPYRE immer wieder Streicher, Akustik-Gitarren, Mandolinen und ein Saxophon. Aber auch musikalisch sind die fünf Musiker breit aufgestellt, zählen sie neben DREAM THEATER und SYMPHONY X unter anderem auch noch die Extrem-Metaller OPETH (was man an manchen Song-Strukturen gut erkennen kann) aber eben auch Stravinsky, Mahler und Bach zu ihren Einflüssen. So überrascht es auch nicht weiter, dass SUSPYRE gerne Anleihen aus der Klassik verwenden, wie etwa Streicher und Choräle und vereinzelt auch Motive aus der E-Musik. Aber in einigen Breaks (zum Beispiel beim Opener Possession / The Negative) ist auch die Inspiration von Frank Zappa nicht von der Hand zu weisen. Die Musik ist durchgängig hart aber immer auch melodiös, verspielt aber song-orientiert, mit sehr feinem Gespür dafür, was der Song noch verträgt. Zudem klingen die Stücke trotz ihrer Komplexität fließend und nicht wie am Reißbrett zusammengesetzt.

Mein Highlight der CD (vielmehr eigentlich mein Primus inter pares) ist das zehnminütige Siren, das bereits durch das fast religiös anmutende Choral-Intro Aufmerksamkeit auf sich zieht. Hier spielen SUSPYRE mit vielen Elementen: ungewöhnliche, sehr jazzige Akkord-Folgen, Wechsel von getragenem Klavier und gezupfter Akustik-Gitarre, langsame Steigerung, fast epische Gesangs-Melodie, Hintergrund-Chöre und ein langer Instrumental-Teil, in dem neben Gitarre und Keyboard auch Bass und Saxophon als Solo-Instrumente eingesetzt werden. Dabei hat Trisha O'Keefe (von AMARAN'S PLIGHT) einen ihrer zwei Gast-Auftritte auf dem Album (der andere ist bei Lighted Endrhyme).

Bei Reign sticht sofort der melodiegebende Einsatz einer Tenor Viola heraus, für den auch Gitarrist Gregg Rossetti zuständig ist. Daneben fallen die Einsätze von Saxophon und Mandoline sowie der leichte andalusische Einfluss im klassisch angehauchten und von akustischen Instrumenten dominierten Mittelteil kaum noch auf (ich kann die Tänzerinnen geradezu vor meinen inneren Auge sehen, die sich zum Klatschen der Männer bewegen - es fehlen eigentlich nur noch die Kastagneten). Auf diese Weise könnte ich zu jedem Song etwas finden, was hervorzuheben wäre, aber das würde ja die Freude beim Selber-Entdecken mindern.

Kurz und gut: "When Time Fades." ist ein großartiges Prog-Metal-Album, das sich nicht vor den letzten Werken der anderen Bands aus dem Bereich zu verstecken braucht. Kein Fan dieser Musikrichtung hat eine Entschuldigung dafür, sich dieses Werk nicht zuzulegen. Ich hänge auf jeden Fall schon jetzt am Haken der Band.

Marc Langels, 17.11.2008

 

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