Tanzwut

"Gespräch mit dem Teufel"


Interview

Reviewdatum: 28.05.2003

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Redakteur(e):

Martin Schneider


Tanzwut
"Gespräch mit dem Teufel", Interview

Teufel (TANZWUT) Morgens aus der Kirche ausgetreten und abends ein Interview mit dem Teufel. So schnell kann es gehen. Spaß bei Seite, vor dem Auftritt im H2O in Reichenbach nahm sich der sympathische TANZWUT-Sänger im nahegelegenen Bistro 'Alte Spinnerei' Zeit für ein Gespräch. Nach einigen einleitenden Worten ging es dann ans Eingemachte:

Hooked on Music: Wenn man den Titel eures aktuellen Albums "Ihr wolltet Spaß" entsprechend betont, dann könnte man ihn glatt als eine Drohung auffassen.

Teufel: Ja, wir sind hintersinning, weißt du. Man muss bei uns sowieso davon ausgehen, dass ein gewisser hintersinniger Spaß dabei ist. Ihr wolltet Spaß ist ja auch so eine Sache die in Richtung dieser ganzen Spaßgesellschaft geht. Dieser Text sagt im Großen und Ganzen: Ihr wolltet Spaß, den könnt ihr haben und das sagt eigentlich auch der Teufel. Ihr nehmt alles was euch angeboten wird und denkt nicht vielleicht ein bisschen weiter.

HOM: Das erinnert dann an den Ausspruch: Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten sich erfüllen.

Teufel: Zum Beispiel!

"Wir haben einfach für uns beschlossen eine Rockband zu sein."

HOM: Das aktuelle Album ist aus meiner Sicht bisher euer reifestes Werk, besonders was das Songwriting angeht. Verglichen mit dem Debüt ist das ein gewaltiger Fortschritt.

Teufel: Ja.

HOM: Ist das darauf zurück zu führen, dass ihr euch mittlerweile einfach länger mit dieser Kombination Mittelalter und moderner Rock beschäftigt?

Teufel: Ich denke mal, alles ist irgendwie ein Entwicklungsprozess. Wenn unser drittes Album so gewesen wäre wie das erste, ich glaube, das wäre nicht gut gewesen. Beim ersten Album haben wir einfach noch ziemlich viel ausprobiert, rumgeguckt, gemacht und getan. Jede Band entwickelt sich weiter. Das ist ein ganz normaler Werdegang. Man sitzt zusammen, macht Musik zusammen und man denkt als Band, gerade als Band wie wir, die wir ja ausschließlich mit Musik beschäftigt sind, von morgens bis abends über Musik nach. Selbst wenn wir schlafen, im Traum denken wir über Musik nach. (lacht).

HOM: Die Elektro-Elemente werden etwas sparsamer, aber effektiver eingesetzt.

Teufel: Ja, selbst da lernt man ja ein bisschen dazu. Wenn man ein neues Spielzeug hat, dann macht man eine Menge Zeugs damit, aber das setzt sich auch irgendwann. Wir haben einfach für uns beschlossen eine Rockband zu sein. Das wussten wir bei dem ersten Album vielleicht noch gar nicht so genau, ob wir eine Electroband wären, oder ob wir eine Rockband wären. Für uns ist jetzt der Song an sich maßgeblich.

HOM: Ich weiß nicht, ob der Begriff jetzt auf meinem Mist gewachsen ist, oder ob er irgendwo in den Medien im Zusammenhang mit "Labyrinth der Sinne" auftauchte. Damals konnte man euch kurz als 'RAMMSTEIN mit Sackpfeifen' klassifizieren. Stört dich so was?

Teufel: Ich denke, das war damals so wie eine Epedemie. Erst mal der Schock, dass so eine deutsche Band wie RAMMSTEIN so einen Riesenerfolg hatte. Das einfach mal ganz wertfrei. Plötzlich hörte man überall nur noch RAMMSTEIN, RAMMSTEIN, RAMMSTEIN... Selbst OOMPH wurden mit RAMMSTEIN verglichen, obwohl die schon acht Jahre vorher diesen Sound gemacht haben. Ich hab kein Problem damit, dass man irgendwas mit irgendwas vergleicht, aber das war damals schon so eine Art Pressewahn. Überall nur RAMMSTEIN, RAMMSTEIN, RAMMSTEIN... diese Euphorie hat sich zum Glück mittlerweile ein bisschen gelegt. Das sind Kollegen, die kennen wir ewig lange aus Punkzeiten noch. Unser Proberaum liegt neben ihrem. Die wussten von unserer Mittelalter-Sache, fanden das geil was wir früher mit Dudelsäcken machten und was wir mit CORVUS CORAX jetzt immer noch machen. Bei unserem ersten Mittelalter-Rock-Projekt haben wir mit zwei Leuten von RAMMSTEIN Dudelsack und E-Gitarren im Proberaum angeschlossen. Da fing das so langsam an, dass man das vielleicht mal kombinieren könnte. Da gab es RAMMSTEIN noch gar nicht, das war noch FEELING B.

"Ich hab mir einfach vorgestellt, dass der Teufel aus der Hölle kommt und sich hier umguckt, was die Menschheit so macht und sich dann sagt: Mein Gott, so weit wäre ich ja selber nie gegangen. Die sind ja schlimmer als der Teufel persönlich."

HOM: Ich hab mich ein bisschen mit euren Texten auseinander gesetzt...

Teufel: Ja, dafür sind sie da...

HOM: Kann man Nein nein vom aktuellen Album so ein bisschen als Fortsetzung von Exkremento vom ersten Album und Lügner von "Labyrinth der Sinne" sehen, die drei Stücke als so eine Art Trilogie.

Teufel: Nee, eigentlich nicht. Es kam dazu diese Dämlichkeit eines Streites aufzuzeigen. Alle Phrasen, die immer wieder verwendet werden. Jeder kennt die, weil jeder die schon mal gebraucht hat. Die alle mal einfach auf den Tisch zu schmieren und damit zu zeigen, wie blöde das ist. Wenn man sich mal mit jemand richtig gefetzt hat und in den Haaren hatte, beispielsweise mit einer Frau, und man beim Frühstückstisch die Spiegeleier in den Mülleimer geschmissen hat, man sich dann im Endeffekt umdreht und fragt: Was war das jetzt? Wer bin ich denn? Oder: Was ist denn das für ein Quatsch? Eigentlich ging es nur darum. Ich glaube nicht das irgendeiner in der Band an eine Trilogie gedacht hat.

HOM: Bei mir entstand einfach der Eindruck.

Teufel: Ja, man sollte das auch ein bisschen offen lassen. Ich will niemand vorschreiben das ist jetzt das und das. Jeder soll da auch seine eigene Fantasie walten lassen.

HOM: Gehen wir mal ein bisschen zurück ins Mittelalter. Historisch betrachtet war ja die Tanzwut eine Gegenreaktion auf, lass es mich mal so sagen, ziemlich üble Zeiten. Die Pest wütete, überall herrschten soziale Probleme. Bei Zaubern habe ich das Gefühl, dass ihr damit die Brücke zur Gegenwart schlagt und herausstreicht, dass es heutzutage wieder Zeit für eine neue Tanzwut wäre.

Teufel: Die Geschichte ist eine ganz einfache. Ich mach das ja ganz gerne, ich leg mir vorher in meinem Kopf einen Film zurecht und dann fang ich an einen Text zu schreiben. Ich hab mir einfach vorgestellt, dass der Teufel aus der Hölle kommt und sich hier umguckt, was die Menschheit so macht und sich dann sagt: Mein Gott, so weit wäre ich ja selber nie gegangen. Die sind ja schlimmer als der Teufel persönlich. Es gibt natürlich eine ganze Menge Sachen, die richtig übel sind. Denk nur an die ganzen Regenwälder, die abgeholzt werden. Ich finde aber, dass wir keine Band sind, oder dass wir das nicht mögen mit erhobenem Zeigefinger dazustehen und zu sagen: Das dürft ihr aber alles nicht machen. Wir wollen eher bildlich was darstellen, das eine Reaktion provoziert und ein bisschen zum Nachdenken anregt. Ups, was war das denn? Oder: Da war doch was! Das muss ich mir jetzt noch mal anhören. Das Ziel ist, dass man nicht nur konsumiert, sondern anfängt nachzudenken. Deswegen auch der Song Ihr wolltet Spaß.

HOM: Mit dem letzten Album "Labyrinth der Sinne" wart ihr noch bei EMI unter Vertrag, nun seid ihr mit dem eigenen Label Pica Records am Start. Bisher war es die richtige Entscheidung, oder?

Teufel: Man kann auf jeden Fall sagen, dass es bisher nicht die Falsche war.

HOM: Ist es geplant, dass auch andere Bands bei Pica Alben veröffentlichen?

Teufel: Ja. Gerade bin ich mit einer zusammen gesessen: SUPERSONIC. Machen wir gleich ein bisschen Werbung. Die sind hier aus Stuttgart, haben bei uns angefragt und das sieht ganz interessant aus. Jetzt müssen wir halt überlegen, was man machen kann. Aber es gibt schon ein paar Sachen, die bei uns angebandelt haben, wozu wir aus Zeitmangel gar nicht dazu gekommen sind.
Wir haben ja dieses Jahr drei Veröffentlichungen. Wir bringen jetzt im Juli noch eine Single zum Kaltenberger Ritterturnier heraus, die wir heute Abend auch zum ersten Mal live spielen werden. Im TANZWUT-Mix versteht sich. Dann kommt im Oktober eine DVD von CORVUS CORAX und da müssen wir sehen, dass wir das zeitlich alles unter eine Haube bekommen. Wenn wir was machen, dann wollen wir das natürlich auch richtig machen.

HOM: Das Label könnte ja durchaus zum zweiten Standbein werden. So blöd das klingt: Man muss ja auch an die Zukunft denken.

Teufel: Ja. Das könnte durchaus sein. Wir werden ja alle älter. (lacht). Aber wir haben auch gemerkt mit der Erfahrung, die wir durch unsere eigene Musik haben, dadurch dass wir so viel selber machen: Es macht Spaß. Es macht Spaß was zu machen und zu merken man hat die Fäden in der Hand. Es gibt niemand der sagt, das darfst du nicht machen, das geht aber nicht. Das ist jetzt richtig perfekt. Die Band setzt sich hin: Wollen wir das machen? Ja, das wollen wir machen. Und gibt es ein Problem mit einem Kollegen, der keinen Bock darauf hat, dann müssen wir halt so lange reden, bis es allen recht ist, das es okay ist.

"CORVUS CORAX kann man eigentlich überall machen. Das kann man auf 'nem Kneipentisch machen, man kann auf der Straße spielen, man kann uns auf eine Rock 'n' Roll Open Air-Bühne stellen."

HOM: Ich hab CORVUS CORAX einige Male live gesehen, meist auf Mittelaltermärkten aber dann auch mal im LKA. Da stellte sich mir die Frage, und für TANZWUT trifft das ja noch viel extremer zu: War das für euch eine große Umstellung den Schritt von den heimeligen Mittelaltermärkten auf die Bühnen der Rockclubs zu vollziehen? Ihr habt da ja auch in gewisser Weise Neuland betreten. Raus aus dieser relativ geschlossen Szene, rein in den Rockzirkus wo ihr ja auch gefordert wart ein ganz anderes Publikum anzusprechen.

Teufel: Es ist eine gute Abwechslung. Es ist halt ein anderes Feeling in einem Club zu spielen. Ich denke CORVUS CORAX kann man eigentlich überall machen. Das kann man auf 'nem Kneipentisch machen, man kann auf der Straße spielen, man kann uns auf eine Rock 'n' Roll Open Air-Bühne stellen. Das wird man dann auch sehen auf der DVD. Wir hatten letztes Jahr sehr oft ein Filmteam dabei und die DVD bringt das in der Art rüber, dass man mitfährt mit der Band.

HOM: Zurück zu TANZWUT: Mittlerweile gibt es ja einige Bands, die euer Konzept, also diese Mischung aus Elektronik, harten Gitarren und Mittelalter ziemlich dreist kopieren. Was haltet ihr denn davon?

Teufel: Von Kopieren halten wir natürlich gar nichts. Es ist gut, wenn sich so eine Szene entwickelt, die kreativ selber etwas erschafft, aber kopieren... Ich mein', was soll das?

HOM: In gewisser Weise ist es aber doch auch ein Kompliment. Und daraus kann sich ja immer noch im Laufe der Zeit etwas eigenes entwickeln.

Teufel: Natürlich. Ich werde mich auch jetzt nicht überall hinstellen und mich wegen der Sache aufregen. Wahrscheinlich kennst du da mehr Bands als ich selber. Aber es ist ja die Sache an sich, dass gerade wenn etwas funktioniert, oder wenn man etwas erfindet, dass es dann viele nachmachen. Da kannst du dir diese Hip-Hop-Zeug angucken. Es gab irgendwann mal den Rock 'n' Roll und es kamen immer mehr Bands dazu, die haben halt Rock 'n' Roll gemacht. So ist es mit Heavy Metal und allen anderen Sachen auch. Und wenn Mittelalter-Rock vielleicht nichts mit mittelalterlicher Musik zu tun hat, aber vielleicht ein neuer Musikstil ist, der aus unserem Land hier kommt, dann ist das keine schlechte Variante.

HOM: Ihr habt in der Vergangenheit einige Sachen gemeinsam mit UMBRA ET IMAGO aufgenommen. Hat euch diese Cooperation so ein bisschen die Tür in die sogenannte schwarze Szene geöffnet?

Teufel: Alleine durch CORVUS CORAX waren wir schon ein Teil der schwarzen Szene, weil die schwarze Szene sehr mittelalterlich interessiert ist. Wir hatten da schon unser Publikum. Ne, deswegen haben wir es nicht gemacht. Wir haben das gemacht, weil wir mit Mozart halt eine Single aufnehmen wollten und man sich gut verstanden hat. Nicht, weil irgend jemand gesagt hat, macht doch mal mit dem was, vielleicht bringt das das oder das. An das haben wir gar nicht gedacht. Ne, da muss ich jetzt selber darüber nachdenken, dass da hier vielleicht etwas falsch verstanden wurde, weil ich da selber noch nie darüber nachgedacht habe, dass es vielleicht so etwas sein könnte. Aber es kann natürlich schon sein, dass uns einige Leute aus der Gothic-Szene dadurch kennengelernt haben und gesagt haben TANZWUT ist auch ne geile Sache.

HOM: Ihr seid sieben Leute, die in zwei Bands ständig aufeinander hängen. TANZWUT und CORVUS CORAX sind euer Leben. Gibt es da nicht zwangsläufig Reibereien und wie geht ihr mit so was um?

Teufel: Wir haben ja jetzt Nein nein. Da müssen wir bloss die CD einlegen wenn was los geht. (lacht)

HOM: Super Antwort! Klasse! (Da muss ich ebenfalls lachen). Bei meiner Recherche bin ich noch auf eine ganz interessante Sache gestoßen. Ihr habt für den 1.FC Union Berlin mal eine Vereinshymne aufgenommen

Teufel: Ja, haben wir mal gemacht.

HOM: Mittlerweile ist das Teil leider vergriffen. Wäre es nicht mal eine Überlegung die Nummer Eiserne Hochzeit mal irgendwo als Bonustrack auf eine Single-CD mit drauf zu packen?

Teufel: Das wäre schon mal ein Überlegung, klar. Aber das ist eine Frage, wie man sich mit denen, die das produziert haben einigt, ob man das nun machen kann oder nicht. Da hing noch ein Verlag dazwischen. Ich meine, wenn das jetzt so eine Resonanz hatte, ich hab das jetzt auf der Tour jetzt drei vier mal gehört, und Union ist nun mal ein Kult-Fussballverein in Berlin, dann wäre das natürlich schon nochmal zu überlegen.

HOM: Habt ihr einen näheren Bezug zu dem Verein? Geht ihr da ab und an zu den Spielen?

Teufel: In dem Verein gibt es eine Menge TANZWUT-Fans. Wir wurden neben einigen anderen Bands angefragt, ob wir das machen wollen. Jeder hat was angeboten und unser Beitrag wurde halt ausgewählt, neben Nina Hagen zum Beispiel.

HOM: Ja, damit wären wir auch schon am Ende. Recht herzlichen Dank.

Teufel: Ich danke dir auch.

Besonderer Dank an Marita von Rabazco Musik Promotion und natürlich Teufel.

Martin Schneider, 28.05.2002

 

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