Ten Years After

"Was ist ein Riff wert?"


Interview

Reviewdatum: 12.08.2004

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Redakteur(e):

Epi Schmidt


Ten Years After
"Was ist ein Riff wert?", Interview

Leo Lyons Hooked on Music: Leo, meinen Glückwunsch zum neuen TEN YEARS AFTER-Album, es rockt!

Leo Lyons: Vielen Dank, es freut mich zu hören, dass es Dir gefällt.

HOM: Ihr Typen klingt sehr enthusiastisch und Ihr habt das beste TYA-Album in über 30 Jahren gemacht. Wie kam es dazu? Ich meine, das kann ja nicht nur an Joe Gooch (dem neuen Sänger und Gitarristen der Band) liegen.

L.L.: Bei diesem Album gab es keine Hindernisse oder Ego-Probleme. Wir sind angetreten um das beste Album zu machen das wir konnten. Jeder von uns hat gewisse Fähigkeiten und die nutzten wir.

HOM: Hast Du nicht ein bisschen Angst, dass Joe, schon bedingt durch seine "jugendliches Alter", TYA nur als Sprungbrett für eine mögliche Solokarriere benutzen könnte?

L.L.: Ich glaube unserer früherer Gitarrist hat das gemacht, damals, 1974.
Es gibt keinen Grund Angst zu haben. Diese Situation ist ganz normal, aber die Presse scheint das immer aufbauschen zu wollen. Joe ist viel jünger als der Rest von uns und hat noch viele Jahre des Spielens vor sich. Ich erwarte von ihm eine lange und erfolgreiche Karriere mit, und nach Ten Years After.
Natürlich würde ich ihn gerne noch ein paar weitere Jahre bei uns haben.

Now HOM: Du hast das neue Album produziert. Es heißt, das meiste wäre live eingespielt worden, alle zusammen in einem Raum. In wie weit stimmt das und sind irgendwelche "first takes" mit drauf?

L.L.: Es könnte ein paar first takes gegeben haben, aber ich ermuntere die Band immer es zu versuchen diese zu toppen. Wir wollten die Energie einfangen wenn eine Band zusammen spielt, also spielten wir alle Songs live. Ein paar Sachen mussten aber natürlich nachträglich aufgenommen werden. Ein paar Songs wurden komplett ausrangiert und ein paar nochmal aufgenommen.

HOM: Chick Churchill (Keyboarder von TYA) hat irgendwo gesagt, dass Du niemals mit einer Produktion zufrieden bist und wahrscheinlich immer noch irgendwo am neu-mixen der Songs bist. Stimmt das und wenn ja, warum ist das so?

L.L.: Bei jedem Projekt an dem ich gearbeitet habe, gab es Dinge von denen ich denke, sie könnten besser sein, aber zeitliche Begrenzungen durch Termine und Budgets diktieren schließlich immer wann man aufhören muss. Keines der Alben an denen ich beteiligt war höre ich mir an wenn es erst einmal veröffentlicht ist; also, jedenfalls nicht bevor einige Jahre vorbei sind.
Jetzt denken wir schon an das nächste Album, auf dem wir die Dinge umsetzen wollen, die wir bei diesem gelernt haben.

HOM: In Time To Kill spielst Du ein kurzes Bass-Solo mit einem eigenartigen Sound. Wie hast Du das gemacht?

L.L.: Ich hab meinen Bass durch einen Effekt in meinem Line Six Pod gespielt. Ich bin mir heute nicht mehr so sicher ob mir das noch gefällt, aber es ist zu spät um es zu ändern.

HOM: Wer ruft dieses "one, two, three!" zum Ende von Reasons Why? War das geplant?

L.L.: Das ist Ric (Lee, Schlagzeuger) der uns noch mal einzählt. Er macht das auf der Bühne auch. Er mag das.

HOM: Wenn man sich die Songschreiber auf "Now" ansieht, fällt auf, dass Du bei fast jedem Song genannt bist. Ist es einfacher für Dich, heutzutage für TYA zu schreiben als zu den Zeiten mit Alvin Lee? Oder ist es mehr oder weniger genauso?

L.L.: Es ist so viel einfacher jetzt. Alvin sträubte sich die Songschreiberverdienste mit irgendjemand zu teilen, und entgegen der Tatsache, dass wir alle zusammen musikalische Ideen im Studio ausgearbeitet haben sieht man sehr selten andere Autoren berücksichtigt.
Das wurde mit der Zeit sehr frustrierend für Ric, Chick und mich.
Ich erinnere mich, als wir an "Positive Vibrations" gearbeitet haben, fragte mich Alvin, warum ich nicht mehr Riffs beisteuerte, so wie er es von mir gewohnt war. Ich sagte ihm, weil ich nie irgendwelche Credits bekomme. Seine Antwort war: "Was ist ein Riff wert? Fünfzig Dollar?"
Auf der "Now"-CD bekommt jeder seine Verdienste angerechnet.

HOM: Du hast ja schon eine Menge an Produktionen für andere Musiker gemacht. Unterschiedliche Künstler wie UFO, Frankie Miller, MOTÖRHEAD und viele andere. Was würdest Du sagen, war die schwierigste und welches die erfreulichste Produktion?

Leo Lyons L.L.: Nun, jede Produzentenarbeit kann hin und wieder problematisch sein und es hilft sehr, wenn du mit Leuten zusammen arbeitest, die du magst.
Es kann schwierig werden aber es ist ein magischer Moment, wenn alles zusammen kommt und die Band, oder der Künstler liefert die definitive Performance. In einem solchen Moment im Kontrollraum zu sitzen ist ein unbeschreibliches Gefühl.
Ich kann mich nicht an ein "schwierigstes Album" erinnern, aber wahrscheinlich war das TYA-Album "Positive Vibrations" das unglücklichste für mich. Wir nahmen in Alvin's "Hook End" Studio auf. Die Band stand schon am Rande des Zusammenbruchs und ich konnte es jeden Tag kaum erwarten heimzugehen.
Den wahrscheinlich größten Spaß hatte ich mit meiner eigenen CD mit meiner Band KICK. Mein Schreibpartner Tony Crooks und ich haben die Produktion gerade so gemacht wie wir wollten. Es war nicht die kommerziell erfolgreichste Platte, aber ich bin immer noch angetan von ihrer Entstehung.
Mit UFO war es unterhaltsam zu arbeiten. Ich habe drei oder vier Platten mit ihnen produziert. Das war schon lustig damals mit ihnen. Die Plattenfirma erwartete nicht, dass die Band erfolgreich sein würde, so waren wir in der Lage sie zu überraschen.
Ich habe mit MOTÖRHEAD an einem fehlgeschlagenen Albumprojekt gearbeitet. Das Label ging Pleite während der Aufnahmen und das Studio behielt die Bänder wegen der Forderungen. Ich glaube der Label-Manager starb kurz darauf an einer Überdosis. Eine Rock and Roll Geschichte.
Ich hoffe Lemmy und ich arbeiten eines Tages noch mal zusammen. Wie wär's denn mit einer CD "Lemmy sings the hits from the musicals"? Ich hab da ein paar Lieder im Kopf.
Lemmy please call me!

HOM: Du hast ja eine sehr expressive Art wenn Du Bass spielst. Woher kommt das und wer sind Deine Einflüsse?

L.L.: Meine Einflüsse sind jedes Album das ich mir anhöre. Es gibt da ein paar wirklich tolle Spieler.
Zuerst hörte ich Fünfziger Jahre Rock'n'Roll, ging durch eine Jazz-Periode, eine Heavy Rock-Periode und zur Zeit bin ich wieder beim Country gelandet.
Ich bin kein technischer Spieler und obwohl ich immer noch übe, glaube ich daran, dass Musik aus der Luft um uns kommt und durch unsere Herzen kanalisiert wird.
Ich höre mir einen Song an und versuche auszudrücken was ich fühle. Ich denke, meine Art zu spielen hat sich im Laufe der Zeit entwickelt und ich hoffe ich kann es solange verbessern bis ich sterbe.

HOM: Bist Du heutzutage mit Deinem Sound zufriedener, verglichen mit den alten Zeiten? Oder ist es einfach nur anders?

L.L.: Ich hoffe natürlich, dass mein Bühnensound heute besser ist. Es gab eine Menge Verbesserungen bezüglich Verstärkern und PA-Equipment. Im Studio, denke ich auch, dass mein Sound besser ist, aber wenn ich manche der alten TYA Alben anhöre denke ich, meine alte Fender Bass/Marshall Verstärker Kombination hat schon einen Standart gesetzt.
Heute ist mein Sound natürlich sauberer und verfeinerter, aber das ist nicht immer das worum es geht.

HOM: Woodstock war natürlich ein Meilenstein in der Geschichte von TYA. Ich nehme an, ihr habt da mehr Lieder gespielt als nur I'm Going Home. Warum wurde nie was von den anderen Sachen veröffentlicht?

L.L.: I'm Going Home war eine Zugabe. Wir haben wahrscheinlich einen Set zwischen 45 und 60 Minuten gespielt. Ich hab über Konflikte gehört bezüglich der damaligen Aufnahmen aber ich weiß nichts über die Bänder.
Wenn es von TYA weitere Aufnahmen gäbe, erwartete ich, dass sie schon jemand veröffentlicht hätte.

HOM: Sogar heute noch finden Festivals unter diesem Namen, oder "Woodstock-Revivals" statt. Was sind Deine Gedanken zu diesen und zum originalen Festival?

Leo Lyons L.L.: Das Original und der folgende Film fingen das Gefühl jener Ära ein. Junge Menschen hatten ihre eigene Musik, Kultur, Sprache, Ideale und Mode. Du warst entweder Teil davon oder dagegen.
Entgegen der Tatsache, dass sich die Vereinigten Staaten und andere Länder in einem unpopulären Krieg befanden, waren junge Menschen optimistisch, die Welt in eine bessere verändern zu können. Es war auch die Zeit der freien Liebe ohne Angst vor Aids.
Ich liebe es immer noch auf Festivals zu spielen und mit anderen Bands zusammen aufzutreten. Ich kann schon verstehen, warum viele Leute hoffen sie könnten ein weiteres Woodstock miterleben.
Da die Dinge sich in Kreisen bewegen, vielleicht, ja vielleicht wird ein klein wenig von den damaligen Zeiten wiederkehren. Ich bin optimistisch.

HOM: Wenn die Gelegenheit gegeben wäre und die Gage wäre in Ordnung, würdest Du ein Konzert mit Alvin Lee spielen? Unter dem Namen TEN YEARS AFTER?

L.L.: Bei Musik geht es nicht darum wie viel Geld man verdienen kann. Nein, ich würde es nicht tun.

HOM: Hattet ihr irgendwelche Probleme, den Ten Years After Markennamen ohne Alvin Lee zu benutzen?

L.L.: Nein, warum auch. Alvin Lee ist Alvin Lee und wir sind Ten Years After.
Wir machen es klar, dass Alvin nicht mehr mit uns zusammen ist und vertrauen darauf, dass er das genauso macht.

HOM: Der Schriftzug den ihr heutzutage benutzt ist ziemlich der selbe wie der in euren ganz frühen Tagen. Sind da irgendwelche Referenzen an einen neuen Start?

L.L.: Ja. Es ist ein Neubeginn für uns. Ich glaube Ten Years After hat den Enthusiasmus und die Energie wiedergefunden die es in den Sechzigern hatte.
Wir mussten uns selbst neu bewähren und in gewisser Weise ist das der aufregendste Teil. Dank der neuen und alten Fans haben wir die Möglichkeit, raus zu gehen und unsere Musik zu spielen, aber wir sind keine Revival-Band die ihrem früheren Erfolg Tribut zollt.
Wir werden fortfahren unsere Musik weiter zu entwickeln mit jedem Album das wir machen.

HOM: Danke für das Interview, Leo, und ich hoffe euch bald wieder in Deutschland auf der Bühne zu sehen.

L.L.: Ich danke Dir, Epi. Vielen Dank auch an all die Fans die uns so viele Jahre unterstützt haben.

Epi Schmidt, 12.08.2004

 

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