Thunder

Bowes & Morley
Luke Morley

"Wir fangen jetzt später am Tag mit dem Trinken an"


Interview

Reviewdatum: 18.12.2005

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Redakteur(e):

Epi Schmidt


Thunder
"Wir fangen jetzt später am Tag mit dem Trinken an", Interview

Im Vorfeld des Konzertes in der Darmstädter Centralstation räumt man mir freundlicherweise einen Interviewtermin mit THUNDER ein. Meinen Dank hierfür an Dave Harris für die Vermittlung und Tourmanager Mark Lathan für die Organisation vor Ort.
Luke Morley & Epi Eigentlich erhoffte ich sowohl Sänger Danny Bowes als auch Gitarrist und Hauptsongschreiber Luke Morley befragen zu können, aber die Beschränkung auf Luke war für mich dann auch in Ordnung.
Ein freundlicher Luke Morley schlendert herein und schüttelt mir die Hand. Diese Engländer sind abseits der Bühne immer etwas kleiner als man denkt, nicht? Aber das nur so am Rande. Wir entern einen Tisch und los geht's:

Hooked on Music: So, Luke, schön Dich zu treffen. Im Frühjahr wart Ihr ja schon mal auf Tour in Deutschland, die allerdings um ein paar Monate verschoben werden musste. Was war los?
Luke Morley: Ja, Danny wurde krank. Er bekam eine starke Grippe, als wir ungefähr die Hälfte unserer Konzerte in England hinter uns hatten. Wir machten dann noch ein paar Shows weiter, aber der Doktor riet Danny dringend, zuerst die Krankheit auszukurieren. Also mussten wir die Termine verschieben. So etwas ist höchst ärgerlich, aber manchmal passiert es halt. Da kann man nichts machen.
HOM: Danny hat da sowieso nicht so viel Glück. Letztes Jahr waren es seine Rückenprobleme...
Luke: Ja, Du siehst... wir werden alt. (lacht)

HOM: Findest Du es anstrengender, heutzutage auf Tour zu sein, im Vergleich zu früher?
Luke: Nein, überhaupt nicht. (deutet auf seine Wasserflasche)
Vor zehn Jahren hätte ich jetzt natürlich was anderes getrunken. Ich meine: Wir trinken immer noch, nur fangen wir jetzt später am Tag damit an. (lacht)
Wir halten uns insoweit zurück, dass wir eine gute Show abliefern können. Morgen haben wir einen Tag frei, da werden wir wohl zum Essen ausgehen und auch mal etwas mehr trinken.
HOM: Wo wir gerade vom Bier sprechen: Bei Euch in England wurden ja die alten Öffnungszeiten der Pubs aufgehoben.
Luke: Ja, das ist richtig. Und ich denke, es wurde auch verdammt Zeit. Diese Regelung ist so alt, noch aus viktorianischer Zeit glaube ich, und wir haben jetzt das 21. Jahrhundert. Es ist blödsinnig die Leute so bevormunden zu wollen.
HOM: Meinst Du, es wird dann keinen "Englishman On Holiday" (Song von THUNDER) [mein Lieblingssong von THUNDER! Fred] mehr geben, der sich in Spanien betrinkt?
Luke: Mmmh, eventuell nicht. Also, ich glaube, es wird halt etwas Zeit brauchen, aber dann werden sich die Leute in England auch ändern und eben auch ihr Trinkverhalten. Im Rest von Europa haben die Menschen ja auch ein anderes Verhältnis zum Alkohol und das wird sich bei den Briten auch durchsetzen. Ein paar Jahre wird's halt dauern.

HOM: Als Du dein Soloalbum "El Gringo Retro" 2001 veröffentlichtest, woher kamen da die Songs dafür? Waren das Lieder, die es nicht auf ein THUNDER Album geschafft hatten?
Luke: Nein, das waren Songs..., [ah ja, Songs also; Red.] nun ich schrieb ein paar Songs mit Andy Taylor und die meisten davon in Spanien. Andy lebte zu der Zeit in Spanien und so brachte ich mein Studioequipment eben runter zu ihm, für ca. sechs Monate. Das war so ca. 1995/96 und quasi der Beginn. 2000 ging ich dann wieder runter nach Spanien um noch ein paar Songs zu schreiben. Das Album ist entsprechend beeinflusst vom Meer und vom Strand und so...
HOM: Bei Eurer Christmas-Show im letzten Jahr habt ihr mit This World ja sogar einen Titel aus diesem Album gespielt. Wie kamt Ihr denn da drauf?
Luke: Ach, na ja, warum nicht? Wir haben auch einen Song von Bowes & Morley gespielt, ähm... Your Drifting Away, und wenn wir unsere diesjährige Christmas-Show machen, möglicherweise noch ein paar von den Songs spielen, die von diesen Alben stammen. Ich denke, das ist schon in Ordnung so. Ich schreibe ja die Songs, also was soll's?
HOM: Können wir von Dir ein weiteres Soloalbum erwarten?
Luke: Mmmh,... (überlegt lange), ja, möglicherweise. Die Zeit dafür zu finden ist schwierig. THUNDER wird im Moment immer zeitaufwändiger. "El Gringo Retro" wurde ja über einen Zeitraum von fünf Jahren geschrieben. Es braucht also schon etwas Zeit für ein Soloalbum (lacht).

HOM: Ja, Ihr seid ja immer sehr aktiv. Bringt Singles, EPs, DVDs und Alben heraus, tourt... und dann spielt Ihr auch noch mit anderen. Harry und Chris mit BAD INFLUENCE, Chris mit THE STAND. Hast Du dir ihre Alben mal angehört?
Luke: Ja.
HOM: Und? Wie findest Du sie?
Luke: Nächste Frage. (lacht)
Nein, also z.B. das Album von THE STAND ist wirklich gut. Das beste daran ist, aus meiner Sicht, dass Chris im Songschreiben besser und besser wird. Er hat spät damit angefangen, aber jetzt wird er richtig gut und das ist auch gut für THUNDER, zumal wir bereits angefangen haben ein neues Album aufzunehmen und einen Song habe ich bereits mit Chris geschrieben. Das erste Mal, dass das passierte. Also, je mehr Chris außerhalb von THUNDER arbeitet und somit lernt, desto besser für uns.
HOM: Aha, Ihr habt schon mit den Aufnahmen für ein neues Album begonnen?
Luke: Ja, natürlich noch nichts Fertiges, aber wir haben schon zehn Backing-Tracks eingespielt.
HOM: Interessant. Wann können wir mit dem Album rechnen?
Luke: Mmh, ich denke im September.

HOM: Na, das hört sich ja gut an. Du hast ja schon eine Menge an großartigen Rockgitarren-Riffs kreiert. Wer hat Dich inspiriert? Wer hat Dich beeinflusst?
Luke: Danke. Oh, so viele. Über meine Eltern wurde ich natürlich von den BEATLES und den STONES beeinflusst. Ich denke, das erste das ich selbst für mich entdeckte, war die erste Jimi Hendrix Platte. Dann natürlich CREAM und Eric Clapton. Das nächste große Ding war LED ZEPPELIN und FREE, BAD COMPANY...
HOM: Hast Du die CREAM Reunion Show dieses Jahr gesehen?
Luke: Ja, und sie waren sehr gut. Ich meine, man muss mal betrachten, dass Jack Bruce eine Lebertransplantation hatte und Ginger Baker ja wirklich schon sehr alt ist - und dennoch waren sie wirklich gut.

HOM: Was hältst Du von dieser QUEEN/Paul Rodgers Geschichte?
Luke: Ich kann gut verstehen, dass sie das machen wollten. Schließlich ist es sehr schwer für Brian und Roger. Sie gehörten zu einer der größten Rockbands in der Geschichte, und man kann schlecht aufhören ein Musiker zu sein, wenn der Sänger stirbt. Sie wollen raus und spielen - sie sind Musiker.
HOM: Nun, sie hätten eine neue Band gründen können...
Luke: Ja, hätten sie, aber es wäre nicht dasselbe gewesen und wenn du einige der besten Rocksongs geschrieben hast die es je gegeben hat, solltest du Möglichkeit haben rauszugehen und sie zu spielen. Es hätte niemand zuzuhören brauchen und zu den Konzerten zu gehen, aber soweit ich weiß, waren die Auftritte sehr erfolgreich und das spricht wohl für sich.
Paul Rodgers ist natürlich ein fantastischer Sänger und hat gleichfalls tolle Songs. Ich freue mich sehr für Brian und Roger, dass sie diese Gelegenheit haben.

HOM: Eines der interessanten Dinge bei THUNDER ist, dass der Gitarrist sowohl die Musik als auch die Texte schreibt. Erinnert mich etwas an THE WHO.
Luke: Ja.
HOM: Was ist der Grund dafür? Es ist schwer vorstellbar, dass Danny überhaupt keine Texte schreibt. Mit Ausnahme von ein paar raren Beiträgen zu Everybody Wants Her...
Luke: Es ist einfach Evolution. Es hat sich ganz einfach so entwickelt. Ich hab mich einfach schon immer mehr für das Songwriting interessiert. Schon damals, als wir als Teenager zusammen in einer Band waren. Wenn wir das ernsthaft betreiben wollten, mussten wir unsere eigenen Lieder schreiben. Ich hab mich da sehr engagiert. Die ersten Stücke waren natürlich furchtbar, aber wenn man dran bleibt, dann wird man mit der Zeit besser und mir macht das auch Spaß. Pete Townshend ist einer meiner absoluten Helden und ich bin fasziniert von den tollen Songs, die er geschrieben hat und immer noch schreibt. Auch seine Texte sind unglaublich gut.
Für Danny, denke ich, ist das Songwriting eben keine so natürliche Sache. Er arbeitet aber in vielen anderen Bereichen für die Band. Er managt die Band im Endeffekt und kümmert sich um den ganzen geschäftlichen Kram und so funktioniert das sehr gut.

HOM: Schauen wir mal zurück. Als das erste Bowes & Morley Album rauskam, war das der Beginn der Idee, die Band wieder zusammen zu bringen?
Luke: Nein, auch wenn das natürlich heute so aussehen könnte. Was passierte war, dass Danny einen Solovertrag bei EMI hatte, über vier Jahre, aber keine einzige Platte aufnahm. Er versuchte, mit ein paar Leuten zusammen Stücke zu schreiben, aber es kam nichts dabei heraus. Ich schätze, zu diesem Zeitpunkt hat er gemerkt, dass er eigentlich kein Songschreiber sein möchte. Er kam also zu mir und fragte, ob ich sein Soloalbum produzieren würde. Ich sagte "ja, aber warum willst du das machen? Es wird sich wie THUNDER anhören." Nun, ich hatte zwei oder drei Songs geschrieben, die für THUNDER nicht so passend gewesen wären. Ich spielte sie ihm vor und sie gefielen ihm, also nahmen wir sie auf. So wurde ich in die Sache hineingezogen und nachdem ich die Songs schrieb und das Album produzierte wurde daraus BOWES & MORLEY. Es hätte komisch geklungen, es nur als Dannys Soloalbum rauszubringen, wenn ich das meiste daran gemacht habe. Es gab uns natürlich auch die Möglichkeit wieder zusammen zu arbeiten, denn das haben wir immer sehr genossen.
HOM: Gut, aber dann kamen THUNDER ja zurück und kurz nach "Shooting At The Sun" kam ein zweites BOWES & MORLEY Album heraus. Etwas riskant, oder? Die Fans hätten leicht verwirrt sein können über die Zukunft der Band.
Luke: Ach, ich glaube, die Leute kommen mit so was schon zurecht und sind intelligent genug um da durchzublicken.
HOM: Ja, aber warum das zweite Album? Und direkt nach dem THUNDER-Album?
Luke: Nun, wir sahen das als zwei völlig unterschiedliche Projekte an und musikalisch unterscheidet es sich ja auch sehr von THUNDER, auch wenn Danny und ich dabei sind. Viele Songs für das zweite BOWES & MORLEY Album waren halt schon geschrieben bevor THUNDER zurückkamen und so wollten wir dieses Projekt weiter verfolgen. So einfach ist das eigentlich.
Ob da noch mal ein weiteres Album erscheint, weiß ich nicht, denn, wie gesagt, wird THUNDER immer aktiver. Allerdings bin ich der Meinung, dass wir alle auch zukünftig die Möglichkeiten haben müssen, abseits der Band unser Sachen zu machen. Das halte ich für sehr wichtig.

HOM: THUNDER hatten schon immer einen etwas eigenartigen Geschmack, was die Gestaltung ihrer Alben-Cover angeht. Da gibt's irgendwie keinen roten Faden und teilweise ist das Cover eher verwirrend. Ob jetzt "Behind Closed Doors", "The Thrill Of It All", Shooting At The Sun", Laughing On Judgement Day" oder das neue "The Magnificent Seventh"... alle sind komplett unterschiedlich und bei keinem ist vom Cover auf die Musik zu schließen. Gibt's da einen bestimmten Grund dafür?
Luke: Nein. Andere Leute denken da offenbar mehr darüber nach, was wir denken. (lacht) HOM: Wenn man "The Thrill Of It All" beispielsweise nimmt: Das hat ja nix mit Surfmusik zu tun...
Luke: Nein, uns hat einfach das Bild gefallen. Außerdem fanden wir, dass das Bild nicht unbedingt auf Surfmusik schließen lässt, sondern einfach darauf eine gute Zeit zu haben.
Manchmal mögen unsere Ideen etwas obskur sein, aber für uns machen sie schon Sinn. Würden sich unsere Albencover alle irgendwie ähneln, fände ich das total langweilig.

HOM: So, wir müssen schon bald zum Ende kommen. Am Freitag wurden ja die Gruppen für die Fußballweltmeisterschaft ausgelost...
Luke: Aaah... eine gute Frage. Exzellent! (lacht)
[Und unser Boogie-Bundestrainer Schmidt kriegt ein Premiere-Freiabo für diese WM; Red.]
HOM: England ist in einer Gruppe mit Paraguay, Trinidad & Tobago und Schweden. Glaubst Du, sie schaffen es in die nächste Runde?
Luke: Ja, ich wäre sehr enttäuscht wenn sie das nicht schaffen würden. Ich denke auch, die Zeit ist gekommen Schweden zu schlagen. Wir haben gegen die nicht mehr gewonnen seit 1968. Wir können Argentinien schlagen und im Prinzip jeden, aber gegen Schweden... aus irgendeinem Grund...
HOM: Ich habe gestern mit einem Typ aus Schweden gesprochen [das war Sulo von den DIAMOND DOGS; Red.] und er sagte mir, ihr hättet schon seit 1958 nicht mehr gegen Schweden gewonnen.
Luke: 1968, ganz sicher. Ich habe gestern noch mal nach gesehen.
HOM: Wie weit wird also das englische Team kommen? Bis ins Finale?
Luke: Ich hoffe doch. Brasilien ist natürlich das weltbeste Team..., England hat mit Argentinien die zweitbeste Mannschaft schon geschlagen und an einem guten Tag könnten sie gegen jeden gewinnen. Es sind tatsächlich fünf oder sechs Mannschaften, die Chancen auf den Titel haben. Da gehört auch Deutschland dazu, die eine sehr einfache Gruppe haben und außerdem der Gastgeber sind, was auch viel ausmacht. Neben Argentinien und Brasilien kommen für mich nur europäische Teams für das Finale in Frage. Die anderen werden in Europa nicht so weit kommen.
HOM: Und wer wird das Finale gewinnen?
Luke: Ich muss England sagen. (lacht)
England gegen Deutschland und England gewinnt in der Verlängerung. Das wäre auch ein tolles Spiel. Ich meine: Beim letzten Mal haben wir den Deutschen so in den Arsch getreten, was ja wirklich nicht oft passiert. Normalerweise, in einem großen Turnier, fliegen wir gegen Deutschland raus. So wie im Halbfinale 1990, oder 1996 bei der Europameisterschaft. Für England wäre das, auch psychologisch gesehen, ein ganz besonderes Spiel und eine richtige Schlacht.
HOM: Ja, wir in Deutschland haben da immer noch diese offene Rechnung von 1966 im Hinterkopf... [WIR??? Fred nicht!]
Luke: Wirklich? (lacht) Ja, kann ich mir vorstellen. Also das wäre schon ein tolles Match. Jürgen Klinsmann ist ein sehr cleverer Typ. Er versteht Fußball total und er kennt den englischen Fußball. Der wird ein erfolgreicher Trainer werden. Die andere Sache, und Du wirst mich dafür hassen, ist Holland. Ebenfalls ein guter, junger Trainer, Van Basten, und eine gute Mannschaft. Wen die zusammenhalten als Team, werden sie sehr gut sein. Das Problem der Holländer war immer, dass sie Trainer hatten, die sich selbst als Superstars ansahen. Van Basten ist da anders und ich denke die werden weit kommen. Mein Außenseitertipp ist Australien, aber ein europäisches Team wird den Cup gewinnen.
HOM: Schaust Du dir die Spiele im Stadion an?
Luke: Ich hab keine Tickets, da ich nicht weiß, wie es bei THUNDER arbeitsmäßig im Sommer aussieht. Aber wenn wir weit kommen, werde ich ein paar Leute anrufen und sehen, ob ich noch an Tickets komme. Wegen mir könnte die Weltmeisterschaft nächste Woche schon los gehen. Ich freue mich schon drauf und kann's kaum erwarten.
HOM: Schön. Ich freue mich auch auf die neue THUNDER-Scheibe nächstes Jahr.
Luke: Ja, ich denke September müsste klappen.

HOM: Gut, dann wünsch ich Euch einen guten Auftritt.
Luke: Danke. Sehen wir uns hinterher noch auf einen Drink?
HOM: Ja, ich hab Karten für die Aftershow gewonnen.
Luke: Oh, na dann sehen wir uns später auf jeden Fall. Bis dann.

Bei der Aftershow fanden sich dann gut 10-15 weitere Leute ein und nach ein paar Organisationsproblemen, wegen dem passenden Raum, war es dann doch recht lustig und interessant sich mit den Mitgliedern der Band und besonders mit Mitgliedern der Crew zu unterhalten. Was man da alles erfährt, z.B. über Ritchie Blackmore's "Nightmare"... und, und, und. Leider, leider, hier nicht druckbar...

Epi Schmidt, 18.12.2005

 

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