Veagaz

"Irre Preise für schales Bier..."

( English translation by Google Translation by Google )

Interview

Reviewdatum: 07.02.2004

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Redakteur(e):

Ralf Stierlen


Veagaz
"Irre Preise für schales Bier...", Interview

Nach einem sehr stimmungsvollen Auftritt im Langenauer Cafe Kapilio hatte ich die Gelegenheit, mit Tom Schindler, dem Bassisten und Sänger, sowie dem Gitarristen Jörg Stiller von VEAGAZ ein Interview zu führen. Dabei war Jörg gesundheitlich etwas angeschlagen, so dass Tom den Hauptpart bestritten hat.

Hooked on Music: Etwa die Hälfte der Tournee ist vorbei, was habt Ihr bisher für Eindrücke?

Tom: Es wird immer besser, irgendwie, also auch von unserer Seit aus. Ich merke halt, dass das Publikum nicht mein Gegner ist, sondern, dass ich in dem Moment, wo ich offen bin, nicht nervös bin, und einfach das mache, was ich am besten kann, nämlich Musik machen, dann funktioniert das einfach. Das ist eine ganz wichtige Erfahrung, die wir gemacht haben, alle zusammen.

Jörg: Bei uns war das so, dass wir am Anfang dachten, ok, die CD ist sehr ruhig und sehr langsam, wie kommt das beim Publikum an? Aber es kommt genau richtig an und das Publikum weiß das auch zu schätzen, dass es so ist.

HoM: Was ist Euch live am wichtigsten, bei Euren Auftritten?

Tom: Mittlerweile einfach, dass wir wir selbst sind auf der Bühne, dass wir einfach mit dem Publikum zusammen unsere Musik erleben und dass wir einfach spielen. Den Kopf ausschalten und spielen. Das ist wichtig.

HoM: Ihr seid ja schon kreuz und quer durch die Republik gereist. Habt Ihr irgendwelche regionalen Unterschiede festgestellt?

Tom: Also generell lässt sich feststellen, dass im Süden und im Osten die Leute offensichtlich offener sind für Livemusik, in dieser Richtung. Im Norden findet die sprichtwörtliche Unterkühlung, die man den Fischköpfen unterstellt, meistens statt. Ich lass mich gerne mal vom Gegenteil überzeugen, aber bisher war's einfach so.

HoM: Eure CD "Gold" ist ja jetzt schon ein Weilchen auf dem Markt. Wie seid Ihr damit zufrieden, wie sie ankommt? Wo wird sie am meisten verkauft, auf Konzerten oder doch eher im Laden?

Tom: Das Problem ist, dass unsere Vertriebswege, wenn Du es so nennen willst, definitiv anders sind als bei Major Produktionen, wie z.B. bei Nick Cave oder in unserem Metier 16 HORSEPOWER, hast Du es halt so, dass die neue CD in jedem Laden steht, also in allen Media Märkten, bei Saturn Hansa, bei WoM. Das können wir aber nicht leisten, schon allein von der Auflage her und natürlich auch von unserer Promo-Firma, vom Vertrieb aus. Von daher gibt es die CD nur auf Bestellung. Entweder über die Internetseite oder bei Mailordern wie Finest Noise oder Glitterhouse. Und bisher läuft die CD fast ausschließlich über Live-Geschichten und wir stellen fest, da wo wir live gespielt haben in den Städten, greifen die Leute dann auch auf das Medium Internet zurück und bestellen die CD über unsere Internetseite.

HoM: Irgendwann habt Ihr mal davon gesprochen, möglicherweise noch einen zweiten Gitarristen dazuzunehmen. Inwieweit ist das noch konkret?

Tom: Wir haben Mitte/Ende letzten Jahres einen Versuch gestartet mit einem sehr guten Freund von mir, mit dem ich damals schon in einer Band gespielt habe. Leider ist das in die Hose gegangen, obwohl der Mensch eigentlich ein sehr guter Gitarrist ist. Wir haben festgestellt, zu dritt funktioniert das irgendwie am besten. Wir stehen auf der Bühne, magnetisieren uns gegenseitig und spielen einfach drauflos und von daher ist es im Moment nicht angedacht, noch jemand dazuzunehmen.

HoM: Ihr habt ja jetzt auch schon ein paar neue Songs im Repertoire. Wie sehen die weiteren Pläne aus, was Veröffentlichungen angeht?

Tom: Die weiteren Pläne sind auf jeden Fall, demnächst ins Studio zu gehen und die neuen Sachen aufzunehmen. Wir haben auch noch vieles dabei, was jetzt noch nicht live gespielt wurde. Wir möchten, dass die nächste Platte einfach zu hundert Prozent uns selber transportiert. Was wahrscheinlich bedeuten wird, dass die nächste Platte um einiges extrovertierter, wenn man so will, auch sicker, kränker wird als die erste Platte, wo einfach noch viel mitgeschwungen hat von der Band, wo wir vorher gespielt haben.
Im Prinzip ermutigt uns die Tour gerade dazu, auch bei der nächsten Platte sehr mutig zu sein und keine Kompromisse einzugehen und von daher wird die um einiges abgefahrener... sie wird auf jeden Fall sehr seltsam, glaube ich.

Jörg: Wir werden erstmal jetzt im Sommer noch einige Open Airs spielen, werden im Herbst noch eine zweiwöchige Tour nachschieben. Kann sein, dass die Platte bis dahin schon draußen ist, auf jeden Fall werden wir uns ab März bemühen, ein Label zu finden, weil ich glaube, das muss einfach der nächste Schritt sein für eine Band wie uns, einfach mit einem Label im Rücken jetzt noch einen Schritt weiter zu gehen.

HoM: Da wäre doch eigentlich Glitterhouse eine Möglichkeit?

Jörg: Wir haben uns darüber unterhalten, Ralf, ob Glitterhouse wirklich ein gutes Label ist, weil ich denke das Glitterhouse-Publikum ist ein sehr begrenztes Publikum, das wahrscheinlich alles kauft, was auf Glitterhouse erscheint. Aber ob dass dann wirklich das passende Label für uns ist, sind wir uns nicht mehr so sicher. Also es muß nicht unbedingt ein Major sein, aber so ein Halb-Major wie Nois-o-lution wäre schon ein gutes Label für uns.

Tom: Wobei allerdings klar ist, dass Glitterhouse gerade im Independent-Bereich eine sehr wichtige Instanz ist und auf jeden Fall ist auch klar, dass die Jungs eine super Arbeit machen, sehr engagiert sind, mit den Bands selber auf Tour fahren. Wir haben das gemerkt bei den GREAT CRUSADES, mit denen wir in Hameln gespielt haben, dass Rembert (der "Vizepräsident" von Glitterhouse, Anm. d.Red.) selber mit dabei war, sich dahinterhängt und die Bands unterstützt, die auf dem Label sind, von daher wäre das in jedem Fall alles andere als schlecht, bei Glitterhouse zu sein.

HoM: Nochmal zur Studioarbeit. Wie läuft das bei Euch ab mit den Songs, werden die Ideen gemeinsam entwickelt, oder hat einer den Hut auf, der die Songs entwift und komponiert?

Tom: Im Moment unterscheidet sich das 50 zu 50 zwischen mir und Jörg, wer den Song schreibt. Die Songs werden schon komplett zuhause fertig geschrieben auf der Akustikgitarre, werden dann den anderen auf Akustikgitarre vorgespielt. Auf der Platte selber ist es ein Verhältnis von 7 zu 3 zwischen Jörg und mir, wobei auch bei der nächsten Platte Jörg die meisten Songs schreiben kann, es ist nicht festgelegt, es hat keiner den Hut auf. Aber Jörg und ich schreiben eben die Songs, bringen sie ein und es wird definitiv nur das genommen, was alle cool finden.

Jörg: Ja, ich finde das ist einfach die bessere Arbeitsweise, weil ich gemerkt habe, dass wenn man zusammen im Übungsraum etwas erarbeitet, so auf Sessionbasis, dass da einfach nichts Vernünftiges dabei herauskommt. Die besten Songs entstehen einfach zu Hause, wenn man selbst die Melodie und den Text schreibt, das dann den Jungs vorspielt, als dass die Songs im Übungsraum erarbeitet werden. Das ist einfach die bessere Arbeitsweise und da kommen auch die besseren Sachen dabei heraus.

Tom: Es gibt schon geniale Bands, die auf Sessionbasis ihre CDs zusammengebastelt haben oder auf Sessionbasis zu dem gekommen sind, was sie berühmt gemacht hat und was sie ausmacht, in einem anderen Bereich z.B. AT-THE-DRIVE-IN, die ich sehr cool fand, aber für uns ist es einfach das Beste, wenn etwas aus einem Guss irgendwie von einem kommt, weil wir einfach gemerkt haben, je mehr du an etwas herumbastelst, was eigentlich schon fertig war, das eigentlich so schon als Singer/Songwriter, eine Stimme, eine Gitarre funktioniert... du kannst einfach nur verlieren, du kannst nur kaputtmachen. Und das haben wir halt beibehalten. Das wird bei uns wahrscheinlich auch immer so bleiben.

HoM: Was bedeutet für Euch das Internet?

Tom: Das Internet hat aus meiner Sicht bei den Menschen insgesamt viel kaputt gemacht, was vorher an Vorleistung erbracht werden musste, wenn du eine CD haben wolltest, von einer Band oder eine Platte haben wolltest, musstest du dich engagieren, musstest kucken, bei welchem Mailorder gibt es das, bei welchem Geschäft gibt es das. Mittlerweile ist alles für jeden überall verfügbar, was natürlich eigentlich ein Vorteil ist, aber auf die Dauer gesehen macht es die Menschen sehr einsam.

Jörg: Was ich dazu sagen muss, ist, dass ich eigentlich sehr froh bin, dass es neben den Printmedien auch sehr viele Onlinemagazine gibt, wie z.B. jetzt Hooked on Music, wo unsere Plattenkritiken stehen, weil die auch jederzeit verfügbar sind. Wenn man sich ein Rolling Stone Magazin kauft und wir stehen da, sagen wir mal, im Dezember drin, dann weiß im Januar dann, bei der neuen Ausgabe niemand mehr, dass wir im Dezember dringestanden haben. So schaust du einfach im Internet und suchst unter VEAGAZ und dort sind halt auch noch die Plattenkritiken, die vor drei, vier Monaten drin waren und das finde ich einfach klasse, dass es langlebiger ist als so ein Printmagazin.

Tom: Das Internet ist natürlich gerade für kleinere Bands, wie wir es sind, im Moment sehr, sehr wichtig, weil du natürlich enorme Möglichkeiten hast, Leute kennenzulernen, Leute miteinander zu vernetzen. Von daher ist im Prinzip die Frage gar nicht, ob das Internet jetzt gut oder böse ist, sondern die Frage ist, wie du es nutzt. Und es gibt eine Menge Leute, die wir jetzt über die Kritiken kennengelernt haben, z.B. Dich, die sehr engagiert sind... es ist immer ein zweischneidiges Schwert. Für den unreflektierten Konsumenten ist das Internet eher eine Gefahr als etwas positives.

HoM: Habt Ihr noch einen Kommentar zum Musikbusiness allgemein?

Tom: Ein zweischneidiges Schwert. Ich stelle halt fest, es gibt immer weniger größere Plattenfirmen und vor allem, immer weniger größere Plattenfirmen, die etwas wagen. Die meisten ziehen sich mittlerweile was in England oder gerade in Amiland gut läuft und veröffentlichen das hier nochmal, wie Jennifer Lopez oder Madonna, und so weiter und so fort, das übliche Thema.
Ich habe neulich ein Interview mit dem SPV-Plattenchef gelesen, der gerade da drin, SPV ist ja sozusagen der größte Indie, das größte Independentlabel, der gerade in der Tatsache, dass die Majorfirmen sich immer mehr auf wenige Produkte, auf schnell kommerzialisierbare Produkte konzentrieren, dass gerade da die Chance liegt für kleinere Firmen, halt ihr eigenes Reich im Prinzip aufzubauen, ihre eigene Struktur zu schaffen. Da kommen wir z.B. auch zurück auf Glitterhouse, die das sehr gut geschafft haben, nicht zuletzt über ihr Festival, was einfach großartig ist, das seit Jahren gut läuft und über Internet werden die Karten verkauft, das ist auch wieder so eine Sache, wo das Internet einfach praktisch ist, und die Karten sind innerhalb weniger Wochen ausverkauft, es gibt da gar keine Abendkasse mehr.
Aber generell sehe ich es so, dass die großen Firmen letztendlich, vielleicht wie in den 70er Jahren Glitterrockbands, sich zu Dinosauriern machen, indem sie diese Vertriebspraktik durchführen und vielleicht bietet das die Chance für etwas Neues hochzukommen, sich zu verbreiten, vielleicht auch wieder individueller zu werden und ich denke gerade dadurch, dass die Majors immer mehr auf Kommerz setzen, diese Chance für kleine Labels einfach großartig ist und ich hoffe, dass das funktionieren wird.

HoM: Habt Ihr zum Abschluss noch etwas spezielles, dass Ihr den HoM-Lesern sagen wollt?

Tom: Im Prinzip nur, dass ich es cool fände, wenn wieder mehr Leute auf Konzerte gehen von kleineren Bands. Das letztendlich die Übersättigung mit diesen Megaevents in riesigen Stadien, seien es jetzt die ROLLING STONES oder Jennifer Lopez (die hat es ihm aber angetan, Anm.d.Red.) oder im Prinzip sämtliche Majorthemen, wo man irre Preise bezahlt, im Prinzip nicht viel geboten kriegt als schales Bier aus irgendwelchen ekelhaft warmen Bierständen... das einfach die Leute die Chance nutzen, dass es noch Sachen zu entdecken gibt, in der Kneipe um die Ecke, so wie heute abend im Kapilio oder bei einem kleinen Club in Eurer Stadt, auf Konzerte zu gehen, sich Bands anzukucken, den eigenen Horizont auch dadurch zu erweitern, einfach dicht dran sein zu können, was die großen Bands und Künstler überhaupt nicht mehr bieten können, weil da mindestens zwanzig Meter Graben und Security zwischen der Bühne und dir sind. Nutzt die Chance, kuckt Euch Bands an, kuckt Euch einfach um.

HoM: Vielen Dank für das Interview und weiter viel Erfolg für Euch!

Ralf Stierlen, 07.02.2004

 

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