Westernhagen

Das Pfefferminz-Experiment – Woodstock Recordings Vol. 1 (Deluxe Edition)

( English translation by Google Translation by Google )

CD & DVD-Review

Reviewdatum: 14.11.2019
Jahr: 2019
Stil: Folk, Blues
Spiellänge: 48:42
Produzent: Larry Campbell & Marius Müller-Westernhagen

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Plattenfirma: Universal Music


Redakteur(e):

Epi Schmidt


s. weitere Künstler zum Review:

Wolfgang Niedecken

Carl Carlton

Titel
01. Mit 18
02. Zieh' dir bloss die Schuhe aus
03. Willi Wucher
04. Oh, Margarethe
05. Alles in den Wind
 
06. Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz
07. Dicke
08. Giselher
09. Grüss mir die Genossen
10. Johnny Walker
Musiker Instrument
Marius Müller-Westernhagen Vocals, Guitar, Piano, Percussion
Larry Campbell Acoustic Guitar, Electric Guitar, Mandoline, Violine
Kevin Bents Hammond Organ, Piano, Accordeon, Farfisa Organ, Wurlitzer
Aaron Comess Drums, Native American Drums, Tambourine, Tom Tom
Jack Daley Bass
Teresa Williams, Lindiwe Müller-Westernhagen Background Vocals, Claps
Richard Hammond Double Bass

Leute meines Alters sprechen bei diesem Künstler gemeinhin von “Marius“ und wenn beim Nachnamen genannt, dann gefälligst als Müller-Westernhagen. Und für Leute, Musikhörer, meines Alters ist “der wahre Marius“ der, der schnodderig “Draußen ist es grau, ich sitz' mit dir hier blau...“ raspelte. Und die zugehörige Platte, mit all ihren schlüpfrigen Andeutungen und Deutlichkeiten, war  unser täglich Brot. Und das der Nacht sowieso.

Jedes Lied konnten wir komplett mitsingen, kannten die Texte im Schlaf. “Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ war Kult von Vorne bis Hinten. Inklusive des aussagekräftigen LP-Cover. Der Soundtrack unserer Jugend sozusagen. Eingerahmt noch von der ein oder anderen ähnlichen Scheibe von Marius, wie “Sekt oder Selters“ und “Stinker“, war und ist es doch “Pfefferminz“, auf der einfach alles passte.

Als “Westernhagen“ später Sexy wurde, mit seinen Designer-Anzüge und dem ganzen Schicki-Micki-Kram, hat(te) er seine Street-Credibility eingebüßt. Oder auf deutsch: Der einst besungene Dreck der Straße fand sich höchstens dann und wann mal auf seinen Stimmbändern wieder.

Vor drei Jahren erschien einigermaßen überraschend “MTV Unplugged“ und irgendwie scheint der Sänger da auf den Geschmack gekommen zu sein. Jedenfalls hat sich der inzwischen 70jährige dann unlängst an dieses Experiment hier gemacht: “Das Pfefferminz-Experiment“. Untertitelt mit “Woodstock Recordings Vol. 1“, als wenn da noch was folgen könnte.

Die komplette “Pfefferminz“-Platte wurde nochmal eingespielt. Auf akustischer Basis und der bestgeeignete Ort schienen die Dreamland Studios in Woodstock. Vielleicht kam die Empfehlung dafür von seinem Freund Carl Carlton. Vielleicht hat ihn auch Wolfgang Niedeckens “Zosamme alt“-Album gefallen, welches ebenfalls in dieser Location aufgenommen wurde.

Nicht ganz unwahrscheinlich, denn wie bei Niedecken zupft auch hier Larry Campbell die Gitarre. Und was sonst noch so mit Saiten versehen ist.

Die Frage ist natürlich: Kann eine Rock'n'Roll-Scheibe wie “Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“, die noch jede Kneipe gerockt hat und auch so klang, als könnte sie nur entstanden sein, fast jeglicher Elektrizität beraubt und in einer ehemaligen Kirche reanimiert funktionieren?

Zumindest hat man sich jede Mühe gegeben. Das mir vorliegen Album kommt im schönen Digi-Pack im Taschenbuch-Format mit CD sowie DVD + Blu-ray. Und es macht natürlich Sinn, sich das mit dem zugehörigen Bildmaterial zu gönnen. So begleitet man den ankommenden Westernhagen (eher noch dünner als früher) vom Wagen durch den Eingang in die ehrwürdigen Aufnahmeräume der Dreamland Studios. Leichte Ehrfurcht macht sich breit.

Die aufheulende Mundharmonika von einst entfällt und Larry Campbell leitet Mit 18 so ein, dass man Johnny Cash als nächstes am Mikro erwartet. Stattdessen spricht, mehr als er singt, Marius Müller-Westernhagen. Mein Gott, die Stimme ist zwar älter, alt, aber hat, sobald er das Singen anfängt, immer noch diesen Sound, der ihn so einzigartig gemacht hat. Der Song selber wird ganz sparsam instrumentiert und auch verhalten interpretiert. Der Gesang und der Text stehen im Vordergrund und dahinter agieren hervorragende Musiker, die genau wissen, wie sie ihre Beiträge dosieren müssen. Klar, irgendwie erwartet man die Eruption und den Rock'n'Roll-Urknall, aber das wäre ganz eindeutig zu einfach, zu berechenbar und womöglich auch zu banal.

Wo man sich beim ersten Song zumindest noch halbwegs am Original orientierte, wird Zieh' dir bloß die Schuhe aus komplett neu arrangiert und klingt nun mehr nach Country-Folk. Scheint etwas zu zahm zu klingen, aber letztlich wirken Klasse der Musiker und die “Message“ der Lyrics doch und man wippt locker mit. Die Filmaufnahmen sind teils schwarz-weiß, teils in Farbe, zeigen die Beteiligten bei den Aufnahmen im Studio oder Marius beim Herumschlendern in Stadt und Landschaft.

Natürlich kommt auch Willi Wucher gemächlicher als gewohnt. Der nervöse, funkige Rhythmus ist einem lockeren Country-Blues-Thema gewichen. Nach dem zweiten Durchlauf gefällt mir diese Fassung schon richtig gut. Hier gibt’s auch ein kurzes, raues E-Gitarren-Solo.

Auch die “Margarethe“, im zeitlupenartigen Swamp-Gewand, als wandere sie durch die Sümpfe Louisianas, wirkt alsbald. Richtig gut und überzeugend, mit Marius am Klavier, kommt das Trinkerlied Alles in den Wind. Die melancholische Eindringlichkeit wird durch die gereifte Stimme noch intensiver.

Den Titelsong des Albums kriegen wir dann wieder als Folk-Blues serviert. Klar, irgendwie die Late-Night-Variante dieses Klassikers und nicht der Party-Mitgröhl-Song, aber es ist nunmal ein Experiment und da gehört auch etwas Wagnis dazu.

So dürr, wie Westernhagen immer noch ist, darf er Dicke auch heute noch bedenkenlos bringen. Auch das im völlig neuen Kleid, mit leicht mexikanisch-südamerikanischem Einschlag.

Giselher, mit fetter Kirchenorgel gespielt steht der Vorlage von damals in keinster Weise nach. Man gewinnt direkt den Eindruck, das Lied wäre geschrieben worden um eines Tages so aufgenommen zu werden.

Bei Grüß' mir die Genossen orientiert man sich dann doch wieder mehr an der Aufnahme von vor 41 Jahren. Ja, so lange ist das schon her. Natürlich hier wieder mit gebremstem Schaum, aber jedes Instrument richtig geil klingend und toll gespielt. Richtig feiner Country-Blues.

Fehlt noch, ja, was wohl? Johnny Walker! Abschluss nicht nur jener LP, sondern auch mancher Party. Hier ein ganzes Stück verlangsamt und bluesiger als gewohnt, aber natürlich provitiert man von der eh schon akustischen Vorlage. Und mit Lap-Steel und Orgel untermalt, gewinnt der Song an einigen Stellen absolut.

Wie gesagt, das läuft hier irgendwie unter “Experiment“. Hat man sich mal von den vertrauten Rhythmen und Klängen gelöst, bekommt man hier ein neues Album, welches doch irgendwie angenehm vertraut klingt. Ich würde sagen: Experiment geglückt. Wir sind gespannt auf Vol. 2.

Der Preisunterschied ist nur gering, deswegen würde ich auf jeden Fall zu dieser Edition, mit DVD + Blu-ray, greifen und nicht nur einfachen CD-Variante. Wer es oppulenter braucht, für den gibt es auch noch eine Fanbox-Edition, mit jeder Menge Zusatz-Stoff.

P.S.: Dass Marius in den Liner-Notes des 2015 verstorbenen Produzenten Lothar Meid gedenkt, der für die damalige Zeit Westernhagens so wichtig war, bringt ihm ein paar Sympathien meinerseits zurück.

 

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