Goethes Erben

Nichts Bleibt Wie Es War


CD-Review

Reviewdatum: 01.01.2000
Jahr: 2001

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Redakteur(e):

Martin Schneider


Goethes Erben
Nichts bleibt wie es war, Indigo, 2001
Oswald Henke Gesang
Mindy Kumbalek Keyboards, Schlagzeug, Saxophon
Miterben:
Susanne Reinhardt Violine
Cornelius Sturm Bass
Markus Köstner
Matthias Konrad
Gäste:
Peter Heppner (Wolfsheim) Gesang
Produziert von: Jürgen Jansen Länge: 65 Min 48 Sek Medium: CD
Zeit nachzudenken8. Ganz sanft
1. Der Eissturm9. Rotleuchtende einst weisse Engel
2. Vermisster Traum10. Fleischschuld
3. Ganz still11. Zimmer 34
4. Paradoxe StilleResümee
5. Glasgarten12. Nur ein Narr
Zornige Utopien13. Was war bleibt
6. Nichts bleibt wie es war14. Schreiheit
7. Himmelgrau15. Mensch sein

GOETHES ERBEN verstehen sich als Musiktheater. Dementsprechend gehen die Texte mit der Musik eine gewichtige Allianz ein. Eins funktioniert nicht ohne das andere.

Gebt euch auch nicht der Illusion hin, "Nichts bleibt wie es war" zwei, drei Mal nebenher zu hören und dann dieses Werk in seiner Komplexität und Größe erfasst zu haben.
Dieses Album fordert Zeit vom Hörer, der sich öffnen muss.

Allein zu zweit, allein verlassen! (aus Der Eissturm).
Plakative Parolen greifen nach der Seele des Hörers. Ich bin das Fleisch auf dem Gabentisch der Macht! (aus Himmelgrau). Sie fressen sich in sie hinein, schneiden mal fein wie ein scharfes Skalpell, oder schlagen mit der Gewalt einer Streitaxt zu. Der Tod ist nur eine wahre Lüge! (Himmelgrau).

Zunächst sind es die harten, schnellen Stücke, die sich ins Bewusstsein einbrennen, wie eben der Eissturm, Himmelgrau oder Mensch sein, das in starken drei Minuten jegliche menschliche Existenz auf ihre Essenz reduziert beschreibt und mit einem schockierenden Schluss! das Album abrupt beendet.
Intensive Stücke voll archaischer Gewalt, die einen in einen hinwegschwemmen, die laut, verdammt laut gehört werden wollen.

Von ganz allein entsteht die Sehnsucht nach Beschaulicherem. Erst ist es der Glasgarten, der durch den Gastauftritt von Peter Heppner Assoziationen an Joachim Witts "Bayreuth"-Album weckt, an dem der WOLFSHEIM-Sänger ebenfalls beteiligt war. Dann Paradoxe Stille....

"Nichts bleibt wie es war" ist ein musikalisches Meisterwerk, das, von melancholisch bis treibend hart, die gesamte Bandbreite düsterer Musik abdeckt und bei dem vor allem die häufig eingesetzte Violine Akzente setzt.
Inhaltlich könnte man über jedes der Stücke nächtelang philosophieren. Das Titelstück beschreibt einen Atombombenabwurf, oder war es etwa eine Vorahnung des 11. September und wirkt direkt im Anschluss an das unschuldige Glasgarten um so schockierender.
Fleischschuld, der Höhepunkt des Albums, ist der blanke Horror, gegen die die Visionen von Hieronymus Bosch kinderkanaltauglich wirken. Das kafkaeske Zimmer 34, nahezu eine Spoken-Word-Performance, schildert den fast schon industrialisierten Selbstmord... leicht zu reinigen!

"Nichts bleibt wie es war" - der Name des Albums ist Programm, doch Was war bleibt.
Ich möchte dieses Kunstwerk aus Lyrik und Musik nicht mehr missen, das einen in einen Strudel voller tiefer Emotionen reißt.

Oft werde ich gefragt, was ein Album auszeichnen muss, damit es für mich zu etwas Besonderem wird. Ich pflege dann zu antworten: 'Es muss mich bewegen!'. Nichts bleibt wie es war tut dies definitiv.

Es bewegt mich höchstens zum Abschalten des Geräts oder nach einem Burger mit Fleisch zu gieren... Das ist keine Musik, die ich hören möchte. Der Satz wäre auch schon gut, wenn's nur hieße: Das ist keine Musik.
Bärbel Scholz

Martin Schneider, 15.02.2002

 

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