Pete Townshend

Who I Am


Buch-Review

Reviewdatum: 22.01.2013
Jahr: 2012
Stil: Autobiographie
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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Redakteur(e):

Epi Schmidt


Pete Townshend
Who I Am, Kiepenheuer & Witsch, 2012
von: Pete Townshend
ISBN: 978-3-462-04468-3
Umfang: 580 Seiten
Preis: 24,99 € zzgl. Versandkosten

Nach Neil Youngs kürzlich erschienener Biographie, fehlen eigentlich nicht mehr viele, der Ikonen aus den 60er Jahren, die uns ihre - bisherige - Lebensgeschichte mitteilen. Mit Pete Townshends "Who I Am" schließt sich da eine der letzten Lücken.
Wer fehlt noch? Mick Jagger? Na, ob man das alles so genau wissen mag, bei dem ...
Weitaus mehr Interesse dürften da schon die Erinnerungen von Pete Townshend wecken. Und tatsächlich ist die Lektüre seines Buches äußerst interessant. Nahezu verblüffend sind die genauen Schilderungen aus seiner Kindheit, also hätte der junge Townshend von Kindesbeinen an Tagebuch geführt. An manchen Stellen ist man allerdings womöglich froh, wenn es nicht zu sehr ins Detail geht, denn dass Pete Townshend als Kind misshandelt wurde, klingt mehr als einmal durch und man hat das Gefühl, an der Verarbeitung hat er heute noch zu knabbern.

Für THE WHO-Fans - und die werden wohl die Hauptkäufer dieses Werkes sein - ergeben sich zahlreiche neue Einblicke in den kreativen Prozess der Band.
Dass Pete der Hauptschreiberling war und ist, ist hinreichend bekannt, aber die Hintergründe mancher Songs hat man womöglich doch ganz anders vermutet. Etwa der Anlass zu Tattoo. Der Einfluss von You Really Got Me, von den KINKS auf I Can't Explain ist sicher jedem plausibel, der die beiden Lieder kurz hintereinander hört.
Musikalisch geprägt durch die Nachkriegsjahre und einen halbprofessionellen Klarinettisten als Vater, bekam Townshend als Erbe auch einen Hang zum Alkohol mit, der aber, glücklicherweise, aber nur selten auf seine musikalischen Leistungen Einfluss hatte. Sein frühzeitiges technisches Interesse, ließen Townshend beizeiten mit Equipment experimentieren und es spricht für sein Talent, dass er mit Anfang 20 bereits die Rockoper "Tommy" verfasste und das auch gegenüber der Plattenindustrie durchsetzen konnte. Das war ja damals beileibe nicht das übliche Format der Rockmusik.
Die autobiographischen in "Tommy" und später in "Quadrophenia" werden jedenfalls durch dieses Buch erst richtig deutlich. Interessanterweise scheint der Kontakt zu den damaligen Kollegen nicht so stark gewesen zu sein, wie das bei anderen wohl war. Letztlich waren es die Gitarristen, wie Jimi Hendrix und Eric Clapton, mit denen er am ehesten den Kontakt suchte. Eine recht frühe Heirat und Vaterrolle ließen sein Leben in geregelteren Bahnen verlaufen, als bei manchem Zeitgenossen, wiewohl es durchaus "Ausfälle" gab.

Den genauen Aufzeichnungen und dem Talent Townsends ist es zu verdanken, dass eine recht durchgehende Geschichte seines Lebens erzählt wird. Wohl gemerkt: Seines Lebens! THE WHO sind ein großer Teil davon, aber Geschichten zu den Bandkollegen kommen immer nur am Rande vor. So beschränkt sich auch der Kommentar zu Keith Moons Tod nahezu auf den von Roger Daltreys Anruf: "Er hat's getan".
Dass Townshend nach dem Tod des Schlagzeugers - und mit dem neuen Drummer Kenny Jones - auf der Bühne mehr Freiheiten verspürte als Roger Daltrey, der Jones deutlich sagte, dass er ihn nicht mochte, war wohl auch nicht jedem bekannt. Hier und da weißen natürlich auch mal Townshends Erinnerungen Mängel auf, wenn er etwa bei der Plattenfirmenpromotion zu "Face Dances" den Song Athena nennt, obwohl jeder WHO-Fan weiß, dass dieser erst auf dem folgenden "It's Hard" Album erschien. Kann man drüber wegsehen.
Inwieweit die Ansicht, dass "Roger war der Anführer, war es immer schon gewesen" durch die Jahre verklärt ist, kann man schwer sagen, und hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Daltrey zum einen physisch problemlos der Stärkste in der Band war, was er aber nur selten deutlich machte, und zum anderen sich tatsächlich erstaunlich entwickelte, was Townshend deutlich würdigt.
Weil sich der Autor auch in den letzten Jahrzehnten nicht auf die Verwaltung des WHO-Erbes reduzierte, sondern permanent mit Projekten beschäftigt war und ist, weil Verluste, wie der Tod von John Entwistle erschüttern, weil Vorwürfe, wie der, der Kinderpornographie beklemmen, und weil THE WHO immer noch eine faszinierende Band sind, bleibt das Buch bis zum Schluss spannend und interessant.
Fast mag man, ähnlich wie bei Neil Young, eine Fortsetzung erwarten. Ich würde sogar sagen: erhoffen!
Bis hierher jedenfalls ein weiteres Werk, welches man lesen muss, wenn man seine musikalischen Wurzeln in den 60er und frühen 70er Jahren hat.

Epi Schmidt, 20.01.2013

 

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